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    „Keiner braucht Genderologen“

    „Irreparablen Schaden in den Seelen“: Ungarn schafft Gender-Studies an den Universitäten ab. Von Katrin Krips-Schmidt

    Ungarns Ministerpräsident Orbán bei Schäuble
    Die Regierung von Viktor Orbán sieht in der Genderforschung einen Angriff auf die christliche Familie. Foto: dpa

    Man stelle sich einmal vor, jemand käme auf die Idee, Astrologie als Studiengang an einer deutschen Hochschule anbieten zu wollen. Ein Aufschrei der Entrüstung wäre die Folge – zu Recht, denn die Deutung vermeintlicher Effekte von Himmelskörpern auf irdische Ereignisse hat an Universitäten nichts verloren. Ähnliches ließe sich von den Gender-Studies sagen, mit dem Unterschied, dass diese Disziplin zumindest in den deutschen Leitmedien keine Feinde hat. Vordergründig handelt es sich bei der Gender-Forschung – laut Selbstaussage – etwa um die Analyse gegenwärtiger Geschlechtsverhältnisse. Im Kern geht es indes um die Leugnung der beiden biologischen Geschlechter – von Mann und Frau. Der Ansatz ist stets feministisch. Sogar der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera, dem keine Nähe zu einem „rechten“ Weltbild nachgesagt werden kann, bezeichnete 2015 die Gender-Forschung als „unwissenschaftlichen Unsinn“. Sie sei eine „fundamentalistische feministische Ideologie, die von einer kompletten sozialen Konstruiertheit des biologischen Geschlechts ausging“. Ein Blick in die Themen der Master- oder Magisterarbeiten in Gender Studies der Universität Wien genügt, um die Relevanz der Studienrichtung zumindest in Frage zu stellen. Da geht es unter anderem um „Sexuelle Skripte neu schreiben! Strategien zur Pluralisierung weiblicher Sexualität‘“, „Doing Gender im Klassenverband“ und um „Queeres Begehren in japanischen Fernsehserien“. Eine Aspirantin gab ihrer über 100-seitigen Arbeit den Titel „Born to be feminist – Zum subversiven Potenzial queerfeministischer Pornographie“. Steuerfinanzierte „Forschung“? Die 28 Studenten, die in Wien in den letzten zwei Jahren ihren Abschluss machten, sind übrigens – ausweislich ihres Vornamens – bis auf eine Ausnahme ausschließlich weiblichen Geschlechts.

    Seitdem Anfang August die ungarische Regierung das „Aus“ der Gender-Studies an heimischen Hochschulen verkündete, ist die Empörung auf Seiten der Presse hierzulande groß. Staatssekretär Bence Rétvári gab bekannt, dass nach einem Vorhaben des ungarischen Ministeriums für Humanressourcen (EMMI), das für Soziales, Bildung, Kultur, Familie, Sport und Jugend zuständig ist, ab dem nächsten akademischen Jahr Gender-Forschung an staatlichen Unis abgeschafft werde. Rétvári begründete den Plan damit, dass der betreffende Studiengang „vom ökonomischen Standpunkt aus gesehen nicht rational begründet“ sei. Außerdem gebe es nach der Ausbildung keine Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt. Schon 2017 sagte er, die Studieninhalte stünden der „Wertewelt der Regierung“ diametral entgegen. Und Zsolt Semjén, Parteivorsitzender der christlich-nationalen Volkspartei KDNP, dem Koalitionspartner die Regierungspartei Fidesz, stellte fest: „Keiner möchte ,Genderologen‘ einstellen, deshalb müssen sie auch nicht ausgebildet werden.“

    Betroffen wären nach Verabschiedung des Gesetzes lediglich zwei Hochschulen und insgesamt etwa 60 Studenten: die Eötvös-Loránd-Universität in Budapest (ELTE) sowie die private, von George Soros gegründete Central European University (CEU). Laut der Nachrichtenagentur Reuters unterstrich der für die Europapolitik verantwortliche Kanzleiminister Gergely Gulyas, dass allein schon die geringe Anzahl der Studenten Grund genug wäre, den Studiengang abzuschaffen: „Die ungarische Regierung vertritt die klare Meinung, dass die Menschen entweder als Frauen oder als Männer geboren werden. Sie führen ihr Leben so, wie sie es für richtig halten, doch darüber hinaus will der ungarische Staat keine öffentlichen Mittel für die Bildung in diesem Bereich ausgeben.“ Auch wenn das Studium ab nächstem Jahr eingestellt würde, so Gulyas, könnten die bereits immatrikulierten Studenten ihre Ausbildung abschließen. Laut der „taz“ werde die CEU „Gender-Studies wohl trotz Verbot weiter lehren können. Allerdings wird sie das in der Europäischen Union anerkannte ungarische Diplom nicht mehr vergeben können und vom Erasmus-Programm ausgeschlossen werden.“ Die linke Zeitung zitiert das „bekannteste Gesicht der ungarischen Geschlechterforschung“, Professorin Andrea Petö, die Orbán Verschwörungstheorien vorwirft: „Gender Studies seien überall auf dem Kontinent ein Angriffsziel der populistischen Parteien. Petö ist sich sicher: Dahinter steckt der Plan, das Wissen im Land zu kontrollieren.“

    Unterstützt wird der Plan der Regierung durch die Tageszeitung Magyar Idok: „Gendergläubige Liberale haben bereits irreparablen Schaden in den Seelen der in den vergangenen Jahrzehnten aufgewachsenen Generationen angerichtet. Wir müssen sie kompromisslos bekämpfen“, ansonsten „werden sie uns schließlich zerstören“, schreibt der Soziologe Balint Botond in dem Blatt.

    In den deutschen Medien heißt es hingegen unisono, das Vorhaben sei absurd, undemokratisch und wissenschaftsfeindlich. Da ist die Rede von einem „Eingriff in die Freiheit der Wissenschaft“ – WELT-Autorin Susanne Gaschke attestiert dem ungarischen Regierungschef sogar eine „tiefe Verachtung für die akademische Freiheit“. Es werden noch schärfere Geschütze aufgefahren, wenn die EU-Mitgliedschaft des osteuropäischen Landes in Zweifel gezogen wird. So zitiert die Zeitung auch Peter-André Alt, den Präsidenten der deutschen Hochschulrektorenkonferenz: „Man müsse sich ernsthaft fragen, ob ein Land, das die Wissenschaftsfreiheit so sehr missachte wie Ungarn, in der EU ein Partner sein könne“.

    In der Bundesrepublik hat bislang nur eine Partei die Entscheidung von Ministerpräsident Orbán begrüßt: die AfD. Der „Jungen Freiheit“ sagte Götz Frömming, bildungspolitischer Sprecher der Partei: „Niemand habe etwas gegen seriöse Geschlechterforschung, aber für jede wissenschaftliche Disziplin müsse auch gelten, dass ihre Erkenntnisse einer Überprüfung standhielten. Das sei bei der ,Gender-Ideologie‘ nicht der Fall. Diese verhalte sich im Vergleich zur Biologie wie Astrologie zu Astronomie: ,Das eine ist Glaubenssache, das andere eine überprüfbare Naturwissenschaft.‘“ Er kündigte an, die Neuregelung in Ungarn zum Anlass nehmen zu wollen, „auch in Deutschland die Gender-Lehrstühle einer kritischen, wissenschaftlichen Überprüfung zu unterziehen“. Entscheidend aber ist das christliche Menschenbild, wonach Gott Mann und Frau gleichermaßen als sein Ebenbild schuf, wie es in Gen 1, 26–27 heißt.