• aktualisiert:

    Kein zufälliges Produkt der Evolution, sondern ein transzendentales Selbst

    „Schöpfung des Menschen, Zeugung des Lebens – im Dialog mit Michel Henry“: Unter diesem Thema stand ein zweitägiges Kolloquium, das in der vergangenen Woche in Rom am Päpstlichen Institut „Johannes Paul II.“ für Studien über Ehe und Familie stattfand. Im Mittelpunkt stand das Denken des französischen Phänomenologen Michel Henry (1922–2002) und seine Bedeutung für die Anthropologie der menschlichen Liebe.

    Prägende Denkergestalt: Edmund Husserl begründete die phänomenologische Schule, aus der Michel Henry stammt. Foto: IN

    „Schöpfung des Menschen, Zeugung des Lebens – im Dialog mit Michel Henry“: Unter diesem Thema stand ein zweitägiges Kolloquium, das in der vergangenen Woche in Rom am Päpstlichen Institut „Johannes Paul II.“ für Studien über Ehe und Familie stattfand. Im Mittelpunkt stand das Denken des französischen Phänomenologen Michel Henry (1922–2002) und seine Bedeutung für die Anthropologie der menschlichen Liebe.

    Henry wurde in Haiphong in Indochina (heute Vietnam) als Sohn eines französischen Marineoffiziers geboren. Nach dem Tod des Vaters zog er 1929 mit der Mutter nach Paris, wo er während des Zweiten Weltkriegs im Widerstand aktiv war. Nach seinem Studium der Philosophie an der Sorbonne war er als Privatdozent und schließlich – von 1960 bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1982 – als Ordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Montpellier tätig.

    Aus der auf Edmund Husserl (1859–1938) zurückgehenden phänomenologischen Schule stammend gilt Henry als Begründer der „radikalen Lebensphänomenologie“, die er in seinem frühen Hauptwerk „L'essence de la manifestation“ (1963) darlegt, einer Auseinandersetzung mit der traditionellen Ontologie und der modernen Phänomenologie. In seinem Spätwerk „Incarnation. Une philosophie de la chair“ (2000) stellt er das menschliche Leben in Beziehung zur Fleischwerdung des Wortes. Die Monographie „Paroles du Christ“ (2002) schließt sein Lebenswerk ab, zu dem außer philosophischen Untersuchungen auch Romane und Erzählungen gehören.

    Die ontologische Prämisse der Phänomenologie – die Erscheinungen liegen am Ursprung allen Seins, sie sind Voraussetzung für das Sein – wird von Henry weitergeführt und schließlich überwunden: Ihm zufolge geht allen Erscheinungen ein ursprüngliches, absolutes Leben voraus, aus dem alles andere Leben hervorgeht. So hat das Leben Vorrang vor dem Denken und vor jeder anderen Intentionalität.

    Hauptreferent des Kolloquiums war der an der Universität Nizza lehrende Philosoph Jean-François Lavigne, der Henrys lebensphänomenologischen Ansatz weiterführt, jedoch auch kritisch durchleuchtet. Er verwies auf die positiven Folgen von Henrys Lebensphänomenologie für die philosophische Anthropologie: Wenn das Leben des Menschen aus einem absoluten, transzendenten Leben hervorgeht, dann ist der Mensch kein zufälliges Produkt der Evolution, sondern ein „transzendentales lebendiges Selbst“. An erster Stelle steht nicht das „Ich“, sondern das „Mich“: das Selbst „im Akkusativ“, das von dem ihm ontologisch vorausgehenden transzendenten Sein erreicht wird. Die Sünde ist in diesem Zusammenhang die Verabsolutierung des Selbst: Dieses vergisst das Absolute, das es hervorgebracht hat und wird vom „Mich“ zum „Ich“. Die Folgen sind Egoismus, Einsamkeit und Widerspruch gegen andere Erscheinungsformen absoluten Lebens.

    Das Heil liegt in der Annahme der Menschennatur

    Dieser Ansatz führe jedoch auch, so Lavigne, zu einem Gegensatz zwischen Leib und Fleisch: zwischen dem konkreten Leib als Organismus, der von anderen Menschen, also von außen her, wahrgenommen werden kann, und dem nur subjektiv erlebbaren Fleisch, in dem der Mensch sein eigenes Leben spürt, das jedoch für andere unsichtbar und unzugänglich ist. Der Mensch wurde Henry zufolge durch die Übertragung des göttlichen Lebens „gezeugt, nicht geschaffen“. Ebenso liege die heilbringende Dimension der Fleischwerdung des Wortes Gottes nicht darin, dass das Wort einen sichtbaren, in der Welt wahrnehmbaren Leib angenommen hat, sondern vielmehr in der Annahme der verborgenen Menschennatur. Hier offenbart sich Lavigne zufolge der Schwachpunkt von Henrys Philosophie: Die historische Dimension des Menschen wird ebenso wie die Heilsgeschichte bedeutungslos, da Gottes Heil nicht mehr in der Geschichte, sondern in einer Art sich ständig erneuernder „ewiger Gegenwart“ gewirkt wird. Dies sei jedoch mit der biblischen Anthropologie unvereinbar, der zufolge das Wort Gottes sich in der Geschichte offenbart hat.

    Auch in Bezug auf die menschliche Liebe übte Lavigne Kritik an Michel Henry. Dieser betrachte die sexuelle Vereinigung des menschlichen Paares als eine Begegnung, die auf einem Missverständnis, einem unerfüllbaren Verlangen beruhe. Da der Mensch mit seinem – nur subjektiv erfassbaren – Fleisch nicht das Fleisch eines anderen Menschen berühren könne, bliebe zwischen den Liebenden stets eine unüberwindliche Mauer bestehen, die beide voneinander trenne. Lavigne vertritt dagegen die Auffassung, dass die Liebenden zwar tatsächlich spürten, den jeweils anderen nicht in seinem ganzen Sein erfassen zu können – unter diesem Gesichtspunkt ist Henrys phänomenologische Beschreibung korrekt und konsequent –, sie dies jedoch nicht als Mauer, als unüberwindliches Hindernis empfinden, sondern vielmehr als Grundvoraussetzung für den Aufbau einer echten interpersonellen Beziehung, in der das Ziel nicht die Fusion ist, sondern die Gemeinschaft, die das Anderssein des Anderen nicht auslöscht, sondern es annimmt.

    Die Auffassung, dass der Mensch von Gott „gezeugt, nicht geschaffen“ wurde, sei biblisch und anthropologisch falsch und unhaltbar. Vielmehr heiße es im Buch Genesis, dass Gott den Menschen nach seinem Abbild schuf. Diese Erschaffung sei nicht die Weitergabe des Lebens gewesen, sondern die Schaffung des Menschen als Einheit aus Mann und Frau, aus deren Vereinigung wieder neues Fleisch, neues Leben hervorgeht: So entsteht die Familie. Weitere Aspekte von Michel Henrys Lebensphänomenologie wurden im Rahmen einer Podiumsdiskussion erörtert, an der verschiedene Dozenten des Instituts „Johannes Paul II.“ sowie der Universität Macerata teilnahmen. Den Vorsitz des Kolloquiums führte in seinem Hauptteil der Sekretär des Päpstlichen Rats für die Familie, Bischof Jean Lafitte. Aus dem sehr gut besuchten Plenum kamen viele Wortbeiträge der Kolloquiumsteilnehmer, unter denen sich auch zahlreiche Studenten des Instituts befanden. Es wurde deutlich, dass in der gegenwärtigen christlichen Philosophie ein zunehmendes Interesse an der Lebensphänomenologie besteht, die gerade im Hinblick auf das Thema der menschlichen Liebe, der Ehe und der Familie tiefe Einblicke vermitteln kann. Vom theologischen Gesichtspunkt her müssen einige Annahmen Henrys kritisch durchdacht und gegebenenfalls neu formuliert werden, sein Ansatz kann jedoch zu vertieften Erkenntnissen über das Sein des Menschen, seine Herkunft und seine Bestimmung führen. Um die Übersetzung der Hauptwerke von Michel Henry ins Deutsche hat sich vor allem der Philosoph Rolf Kühn verdient gemacht; er ist gleichzeitig der wichtigste Vertreter der Lebensphänomenologie im deutschen Sprachraum.