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    Kein Geld, lieber einen Stein

    Die Zahl der römischen Kirchen entspricht der Einwohnerzahl eines kleinen Dorfes. Wen wundert es da, dass es jedes Jahr, wenn es mit großen Schritten auf Weihnachten und den Heiligen Abend zugeht, überall in der Ewigen Stadt Weihnachtskrippen zu bewundern gibt.

    Die beliebte Weihnachtskrippe der städtischen Müllabfuhr in Rom. Foto: Nordio

    Die Zahl der römischen Kirchen entspricht der Einwohnerzahl eines kleinen Dorfes. Wen wundert es da, dass es jedes Jahr, wenn es mit großen Schritten auf Weihnachten und den Heiligen Abend zugeht, überall in der Ewigen Stadt Weihnachtskrippen zu bewundern gibt.

    Doch woher kommt eigentlich der Brauch, in Kirchen oder im heimischen Wohnzimmer eine Krippe aufzustellen? Anfang und Entstehung der Krippe liegen im Dunkel der Geschichte. Ein genaues Datum oder ein bestimmter Ort, an dem die erste aufgestellt war, ist nicht überliefert. Sicher ist aber, dass ein wichtiger Schritt hin zu unseren heutigen Krippen im geistlichen Schauspiel zu suchen ist. Dies geht zurück auf das neunte Jahrhundert. Hierbei befasste man sich mit den Geschehnissen in der Heiligen Nacht bis hin zur Passion Christi. Der heilige Franz von Assisi hat mit seiner Weihnachtsmesse im Jahr 1223 in dem kleinen Ort Greccio bei Rieti einen wichtigen Beitrag zur Entstehung der Krippe geleistet. Vor einer Grotte feierte er am Heiligen Abend die Messe mit einem lebendigem Ochsen und Esel sowie einer Futterkrippe, um so den Gläubigen die Weihnachtsbotschaft bildlich nahezubringen. Dieses erste uns bekannte Krippenspiel des heiligen Franz von Assisi brachte ihm auch die Bezeichnung als „Vater des Krippenbaus“ ein.

    Ab dem fünfzehnten Jahrhundert verbreitete sich die Verwendung von Holzfiguren der Heiligen Familie immer weiter. Die Krippe als eigenständiger Typus ist seit Mitte des sechzehnten Jahrhunderts zuerst im spanischen und italienischen Raum bekannt und bald darauf auch nördlich der Alpen nachweisbar.

    Die erste sicher bezeugte Krippe stand in einem Jesuitenkolleg in der portugiesischen Stadt Coimbra. Es waren vor allen anderen die Jesuiten, die als erste in ihren Kirchen realistische Darstellungen der Geburtsgeschichte als Vorbereitung der Gläubigen auf das Weihnachtsfest aufstellten. Aus den Kirchenräumen – ihrer Geburtsstätte – kam die Krippe schließlich über Fürstenhäuser und -höfe auch in das heimische Wohnzimmer, und der Brauch der Hauskrippe war entstanden.

    Auf der Suche nach den schönsten römischen Krippen kommt man an einer Kirche nun wirklich nicht vorbei – Santa Maria Maggiore. Diesen Namen trägt die größte Marienkirche Roms jedoch erst seit Mitte des neunten Jahrhunderts. Zuvor war sie für mehr als drei Jahrhunderte als „Santa Maria ad praesepe“ – Maria bei der Krippe – bekannt, denn hier werden seit Jahrhunderten in einer Seitenkapelle fünf Brettchen der Krippe Jesu – deren Echtheit heute allerdings widerlegt ist – in einem Reliquiar verwahrt. Diese Kapelle hatte die Gestalt eines kleinen Häuschens und enthielt einen Altar sowie Figuren aus Alabaster, die die Anbetung der Könige darstellen. Die Skulpturen fertigte der florentinische Künstler Arnolfo di Cambio 1291 für die Kapelle an. Die drei Könige sind um Maria gruppiert, auf deren linkem Bein und von ihr zärtlich umarmt das kleine Jesuskind Platz genommen hat. Im ausgehenden sechzehnten Jahrhundert war es Papst Sixtus V., der die Kapelle vollkommen umgestalten ließ, die ersten Krippenfiguren des Arnolfo di Cambio allerdings in sein neues Baukonzept mit einbezog und sie um das Reliquiar gruppierte. Im Augenblick sind Maria und das Jesuskind sowie die Drei Könige im kircheneigenen Museum zu bewundern, werden aber in Bälde nach dem endgültigen Abschluss der Restaurierungsarbeiten an ihren ursprünglichen Aufstellungsort, die Sixtinische Kapelle in Santa Maria Maggiore, zurückkehren. Nun ist auch klar, dass man in Santa Maria Maggiore nach einer gewöhnlichen Weihnachtskrippe vergeblich sucht, darf sie doch das „Original“ sowie die erste dokumentierte krippenartige Darstellung in Form von di Cambios Figuren ihr eigen nennen.

    Jahrhundertealte Tradition in lieblichen Details

    In den römischen Kirchen werden die Krippen entweder auf den 8. Dezember, dem Fest zu Ehren Marias unbefleckter Empfängnis, aufgestellt oder aber nach dem dritten Adventssonntag in der letzten Woche vor Weihnachten enthüllt.

    In Santa Maria in Trastevere ist sie bereits seit dem 8. Dezember zu sehen. Ein bisschen versteckt in einer der linken Seitenkapellen über einem kleinen Altar stehen in einer Nische Maria, Josef, die Hirten und Tiere um die natürlich noch leere Krippe. Denn das Jesuskind wird erst in der Nacht auf den 25. Dezember in das Kripplein gelegt. Den Hintergrund der Szene bildet eine alte Fotografie des Kirchplatzes. Diese ist gebogen und erzielt eine optische Täuschung, die auf den Betrachter so wirkt, als stünden sie allesamt tatsächlich draußen auf dem Platz um den Brunnen herum. In ihrer Machart gehen die Holzfiguren auf Neapolitanische Krippen zurück, eine jahrhundertealte Tradition, die sich besonders durch ihre lieblichen Details in der Gestaltung der Gesichter und Gesten auszeichnet.

    Von weihnachtlicher Vorfreude ist im Pantheon in diesem Jahr wenig zu spüren und dies wird sich zumindest im Hinblick auf die Weihnachtskrippe auch nicht ändern. Hatte in den vergangenen Jahren der ehemalige Leiter des Deutschen Pilgerzentrums, Don Antonio Tedesco, jedes Jahr eine Krippe aus dem Ausland hierher geschafft – im letzten Jahr eine ungarische, 2010 hatte eine tonnenschwere Krippe aus Zwickau für großes Aufsehen gesorgt –, ist Rom mit der Pensionierung Don Antonios um eine Krippen-Attraktion ärmer.

    Die Krippe, die die Römer als letzte zu Gesicht bekommen, ist und bleibt die vor dem Petersdom. Seit ihrer Einführung durch Johannes Paul II. in den achtziger Jahren wird sie traditionell erst kurz vor dem Heiligen Abend feierlich enthüllt und vom Papst gesegnet. Seit geraumer Zeit erhebt sich auf der Mitte des Petersplatzes wie in jedem Jahr ein Baugerüst, das von braunen Planen verhüllt wird. Aus dem Innern hört man beim Vorbeigehen Maschinengeräusche und Gehämmer – es wird gebaut. Im vergangenen Jahr hatte die mit Abstand berühmteste Krippe Roms Schlagzeilen gemacht. So hieß es damals, der Vatikan müsse sparen und man habe aus diesem Grund die Kosten für die riesige Geburtsstätte Jesu unterhalb des Obelisken von über einer halben Million auf dreihunderttausend Euro gesenkt. In diesem Jahr fährt man diesen Sparkurs weiter, denn Christbaum und Weihnachtskrippe sind ein Geschenk der süditalienischen Provinzen Molise und Basilikata. Die Geburt Jesu wird also in eine süditalienische Landschaft gebettet sein, soviel steht fest. Mit einer Höhe von knapp acht Metern und einer Fläche von elf auf dreizehn Metern, auf der über einhundert Figuren agieren, darf man sich eines Krippen-Spektakels auf dem Petersplatz auch 2012 sicher sein.

    Aber nicht in einer der vielen Kirchen oder auf einer der Piazzen findet man die mit Abstand geschichtenreichste Krippe Roms. Unweit der Petersbasilika hat die „Ama“, Roms Müllabfuhr, einen ihrer Geschäftssitze. Über einen unscheinbaren Hauseingang gelangt man in den Innenhof, an den sich die Halle anschließt, in der das ganze Jahr über aufgebaut und zu besichtigen „il presepe dei Netturbini“, die „Krippe der Müllmänner“ steht. Es heißt, sie sei die eigentliche Krippe der Römer. Unzählige Geistliche haben sie in den letzten vierzig Jahren besucht, Johannes Paul II. war sogar ganze 24 Mal hier und erinnerte sich an jedes einzelne Detail dieses beeindruckenden Kunstwerks. In einem richtigen Stall mit Weidenholztüren und Stroh auf dem Boden ist das Palästina von vor zweitausend Jahren in Miniaturform zu neuem Leben erwacht. „Über einhundert Häuser, alle beleuchtet, zusammengerechnet 52 Meter Kieselweg, vier Aquädukte mit einer Gesamtlänge von achtzehn Metern, Originalsteine aus dem Petersdom und vieles mehr sind hier verarbeitet worden“, erzählt stolz Signor Giuseppe, ein inzwischen pensionierter Mitarbeiter und einer der Erbauer der Krippe. Stundenlang kann man dem Treiben hier zusehen, ohne dass es langweilig wird, und immer wieder entdeckt man neue, wunderschöne Details in dieser Krippenlandschaft. Von den meist üblichen Spendenkörbchen hat man abgesehen, erklärt Signor Giuseppe, man wolle kein Geld, lieber einen Stein aus dem Heimatland der Besucher. Heute sind es hunderte Steine aus aller Herren Länder, die die Außenmauern der Stallkonstruktion und den Unterbau der Krippe zieren. Und wer genau hinsieht, der entdeckt unter diesen sogar ein Bruchstück der Berliner Mauer.