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    Kein Ausweg aus der Depression

    Auch Japan hat ein Bevölkerungsproblem. Der Geburtenrückgang bringt das Land in Gefahr – die Arbeitswelt verändert sich, die Wissensproduktion, die Kultur und nicht zuletzt das Verhalten der Menschen. Doch die Phänomene der demographischen Veränderung unterscheiden sich von den deutschen. Bleierne Zukunftssorgen haben sich über Japan gebreitet, die Leichtigkeit der achtziger Jahre ist längst verflogen. Ganze Innenstädte sind verlassen, in ihnen dominieren häufig die „Rollladenstraßen“, in denen vor jedem Geschäft die Rollladen geschlossen bleiben. Geisterstädte sind so entstanden, deprimierend menschenleer, kein Kind spielt hier mehr. Einige Kaufhausketten gibt es verstreut am Stadtrand.

    In Japan wächst die Gruppe der Hikikomori, die nicht mehr das Haus verlassen und sich von der Gesellschaft ausschließen.... Foto: IN

    Auch Japan hat ein Bevölkerungsproblem. Der Geburtenrückgang bringt das Land in Gefahr – die Arbeitswelt verändert sich, die Wissensproduktion, die Kultur und nicht zuletzt das Verhalten der Menschen. Doch die Phänomene der demographischen Veränderung unterscheiden sich von den deutschen. Bleierne Zukunftssorgen haben sich über Japan gebreitet, die Leichtigkeit der achtziger Jahre ist längst verflogen. Ganze Innenstädte sind verlassen, in ihnen dominieren häufig die „Rollladenstraßen“, in denen vor jedem Geschäft die Rollladen geschlossen bleiben. Geisterstädte sind so entstanden, deprimierend menschenleer, kein Kind spielt hier mehr. Einige Kaufhausketten gibt es verstreut am Stadtrand.

    Die Mittelschicht schmilzt rapide – es gibt die sehr reiche Oberschicht und auf der anderen Seite die Gruppe der Leistungsverweigerer, ein spezifisch japanisches Problem. Letztere Gruppe wächst ständig, es sind die Neets (Not in Education, Employment or Training), sie gehen nicht zur Schule, haben keine Arbeit, sitzen zu Hause. Die nicht mehr vor die Tür gehen, sind die Hikikomori, die „sich eingeschlossen haben“ und auf dem Rückzug aus der Gesellschaft sind. Sie werden von Bekannten oder von der Familie versorgt, spielen einsam Computer, haben jeden sozialen Halt verloren. Die Zahl der Hikikomori soll bereits eine Million betragen; häufig wird das Phänomen ausgelöst durch Schuleingangsprüfungen oder vor dem Eintritt in den Beruf. Es ist die in Japan weit verbreitete Angst vor der Zukunft, die Neugier auf das Abenteuer Beruf verhindert.

    Auch die normalen Jugendlichen haben sich in den letzten Jahren verändert. Trifft man auf japanische Studenten, sind sie schwer zugänglich geworden, oft kaum zu Antworten fähig. Die Schulzeiten dauern bis zum späten Nachmittag, dann bis nachts die Nachhilfeschulen. Daneben lockt die Computer- und Mangawelt – es bleibt wenig Zeit, die eigene Persönlichkeit auszubilden und kommunikative Kompetenz zu erwerben. Der Druck besonders auf Japaner in der ersten Lebenshälfte ist enorm, sie leben in einer Kultur der Leistungs- und Dienstleistungsgesellschaft.

    Das düstere Bild von der japanischen Gesellschaft spielt eine große Rolle für die Geburtenraten, die eine der niedrigsten der Welt ist. Sie beträgt nur 1,29 Kinder pro Japanerin. Die Lebenserwartung gehört dagegen zu den höchsten, für Männer 79 Jahre, für Frauen 86 Jahre. Zuwanderung hingegen gibt es kaum, Migranten machen nur 1,7 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Dass in Japan die Bevölkerungsentwicklung eine Zeitbombe ist, haben die verantwortlichen Politiker längst erkannt. Doch wenn auch wie in Deutschland eine Einwandererdebatte geführt wird, als Einwanderungsland wollen sich die Japaner nicht sehen. Selbst die konservative Tageszeitung „Yomiuri“ titelte kürzlich, „Japan muss ein Immigrationskraftwerk“ werden. Wenn sich die Bevölkerung bis 2050 so weiterentwickelt, werden mehr als ein Drittel der Japaner älter als 65 Jahre sein. Interessanterweise nimmt man in Japan eher den demographischen Zusammenbruch hin, als die Lücke mit Zuwanderern füllen zu wollen. Die Mehrheit der Bevölkerung jedenfalls will keine Zuwanderer, die japanische Gesellschaft ist geschlossen. Das gehört zu ihren Charakteristika. Und Japaner besitzen das seltene Selbstbewusstsein zu sagen, dass sie von anderen Kulturen ohnehin nicht verstanden werden. Wer als Fremder nach Japan kommt, genießt Narrenfreiheit, weil er letztlich immer Fremder bleiben wird. Und Integrationspolitik gibt es nicht.

    Japans Einwanderungspolitik widerspricht den Vorschlägen der Vereinten Nationen, Migration als Bevölkerungsersatz zu betrachten. Stattdessen ist die Zuwanderung nur für Hochqualifizierte möglich und auch nur in der Regel auf fünf Jahre befristet. Ein Beispiel für die mangelnde Attraktivität, nach Japan auszuwandern, ist der Pflegesektor, der auf der politischen Tagesordnung steht und für weniger Hochqualifizierte offenstehen soll. Pflegepersonal wird über Wirtschaftsabkommen aus Indonesien und den Philippinen übernommen, je 1 000 Personen pro Jahr. Nach vier Jahren findet dann eine staatliche Pflegerprüfung auf Japanisch statt, bei der selbst Japaner Probleme haben. Nur 50 Prozent bestehen die Prüfung, wer sie nicht schafft, muss das Land verlassen. Pfleger aus Indonesien können eine unbefristete Arbeitserlaubnis bekommen, Philippiner müssen die Aufenthaltserlaubnis noch mehrmals verlängern, letztlich ist sie befristet. Wer will unter solchen Bedingen eine Arbeit aufnehmen? Japanische Wirtschaftswissenschaftler sprechen daher auch von einer Nichtlösung des Pflegeproblems.

    Das Bildungsniveau der Japaner ist weiterhin hoch. Unter den Mitte Zwanzigjährigen hat die Hälfte einen Hochschulabschluss. Dadurch wird die Arbeitswelt flexibler, die Regierung fordert, dass sich die Japaner auf zwei Arbeitswechsel und vier Ausbildungsphasen im Leben einstellen müssen. Die Stundenpläne der allgemeinbildenden Schulen wurden bereits im Jahr 2002 um dreißig Prozent gekürzt, um den Schülern mehr Aktivitäten außerhalb der Schule zu ermöglichen. Kein anderes Land, so zeigen Studien, hat solch eine gute Kombination aus geringen Investitionen für die Schulen und gleichzeitig guten PISA-Ergebnissen. Für Ältere sieht es nicht so gut aus. Japan galt lange Zeit als das Land, das ältere Menschen in die Arbeitswelt eingebunden hat. Doch in den letzten zehn Jahren ging die Führungsrolle an Schweden über. Die Zahl der „Freeters“, die arbeitslos sind oder nur Gelegenheitsjobs haben, wird auf vier Millionen geschätzt.

    Noch gibt es etwa 128 Millionen Einwohner in Japan. Im Jahr 2030 rechnet man nur noch mit 120 Millionen, und 2050 mit 100 Millionen. Mütter können einen großen Teil ihrer Kosten für Geburt und Schwangerschaft noch nicht über die Krankenkassen abrechnen.

    Zuzeit gibt es keine Anzeichen dafür, wie sich Japan aus seiner Depression befreien könnte. Gerade am Beispiel dieses Landes wird auch deutlich, wie gesellschaftliche Probleme von der Mentalität ihrer Bürger abhängen. Doch gerade in Japan scheint diese Mentalität mit ihren unverwechselbaren Eigenheiten untrennbar mit der Kultur zusammenzugehören.