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    Katholik und säkularer Prophet des Gewissens

    Er war überzeugter römisch-katholischer Katholik und zugleich leidenschaftlicher Kämpfer für die Freiheit des Menschen. Er war Historiker und Publizist, kein Theologe. Er gilt als ein säkularer Prophet des Gewissens, als liberaler Denker. Er war enger Weggefährte des englischen Premierministers William Ewart Gladstone, der ihn 1869 als ersten Katholiken seit der Reformation ins Oberhaus erheben ließ. Zeitlebens wollte er den Katholizismus in seiner Heimat England wieder gesellschaftsfähig machen. Gleichzeitig war er aber aus Gewissensgründen ein erbitterter Gegner des Dogmas von der päpstlichen Unfehlbarkeit. Seinen Kampf gegen einen innerlich unfreien Katholizismus einerseits und einen ethisch anspruchsvollen Atheismus ohne Rückbindung an das Christentum andererseits führte er immer verbitterter und rigoroser.

    „An Modernität kaum zu überbieten“: John Lord Acton. Foto: IN

    Er war überzeugter römisch-katholischer Katholik und zugleich leidenschaftlicher Kämpfer für die Freiheit des Menschen. Er war Historiker und Publizist, kein Theologe. Er gilt als ein säkularer Prophet des Gewissens, als liberaler Denker. Er war enger Weggefährte des englischen Premierministers William Ewart Gladstone, der ihn 1869 als ersten Katholiken seit der Reformation ins Oberhaus erheben ließ. Zeitlebens wollte er den Katholizismus in seiner Heimat England wieder gesellschaftsfähig machen. Gleichzeitig war er aber aus Gewissensgründen ein erbitterter Gegner des Dogmas von der päpstlichen Unfehlbarkeit. Seinen Kampf gegen einen innerlich unfreien Katholizismus einerseits und einen ethisch anspruchsvollen Atheismus ohne Rückbindung an das Christentum andererseits führte er immer verbitterter und rigoroser.

    Die Rede ist von John Emerich Eduard Dalberg Acton, geboren am 10. Januar 1834 als Sohn eines englischen Diplomaten und einer rheinischen Adelstochter, Marie Louise von Dalberg. Gestorben ist John Lord Acton am 19. Juni 1902 in Tegernsee. Wenige Jahre zuvor, 1895, war er von Königin Viktoria als erster Katholik zum Geschichtsprofessor in Cambridge ernannt worden – dort, wo ein halbes Jahrhundert zuvor dem jungen Acton wegen seiner Konfession noch die Aufnahme verweigert worden war.

    Auf Einladung der Hanns-Seidel-Stiftung haben sich in der vergangenen Woche fünfzig Experten getroffen, um in Wildbad Kreuth der Person Actons nachzuspüren. Die Stiftung hatte dem internationalen Gedankenaustausch ein sehr anspruchsvolles Thema aufgegeben: „Der Glaube der Freiheit und die Freiheit des Glaubens – Religiöse Grundlagen der liberalen Gesellschaft. Eine anthropologische und politische Verhältnisbestimmung“. Damit zielte die Stiftung auf eine zentrale Frage unserer liberalen Gesellschaftsordnung ab: die nach ihren religiösen Grundlagen. „Gibt es einen Glauben, der die Freiheit trägt und schützt, der sie vor dem Zerbrechen bewahrt? Oder bedeutet Freiheit, jeden Glauben aus der Gesellschaft zu verbannen?“, hieß es in der Einladung zur Tagung. Dies sei eine der wichtigsten Tagungen des Jahres, richtete sich Stiftungsvorsitzender Hans Zehetmair an die Teilnehmer, die bis aus den Vereinigten Staaten angereist waren.

    Die Bedeutung der Fragestellung unterstrich Bundeskanzler a.D. Helmut Kohl während eines Kamingesprächs mit den Teilnehmern. Es wurde von Christoph Böhr, einem der Mitinitiatoren der Tagung, moderiert und kreiste um die aktuelle Situation in Europa.

    „Passepartout für Probleme, die wir heute haben“

    In geradezu dramatischen Worten und mit Rückblick auf sein gesamtes Leben appellierte der Altkanzler, alles für den Frieden zu tun. „Alle müssen sagen: Es darf keinen Krieg mehr geben in Europa. Es gibt keine andere Antwort.“ Wir müssten jetzt und heute unsere Zukunft in Europa finden. „Wer Europa jetzt nicht baut, wird es nicht mehr bauen.“ Der Bundeskanzler betonte dabei auch die Rolle des Glaubens für die Gesellschaft: „Wenn ihr gar nichts mehr habt, dann haltet euch an eurem Glauben fest, und zwar richtig.“

    Doch zurück zu Lord Acton, der seinen Zeitgenossen als Universalgelehrter galt und in seiner Privatbibliothek rund 50 000 Bände angesammelt hatte. Worin bestand seine Gedankenwelt? „Alle Macht tendiert dahin zu verderben, absolute Macht verdirbt vollständig.“ Mit diesen Worten hat sich der englische Adelige heftig gegen die Gefahren eines zu schrankenloser Willkür ausgearteten Kirchenregiments ausgesprochen. Acton, der nach seiner Ablehnung in Cambridge zum Schüler Ignaz von Döllingers geworden war und ab dem Sommer 1850 für einige Jahre in München lebte, schrieb dies als überzeugter römischer Katholik. Die Gemeinschaft mit seiner Kirche bedeutete ihm „so viel wie das Leben“, betonte der Kirchengeschichtler Victor Conzemius in Wildbad Kreuth. Papst und Kirche hat Acton ein Leben lang aus Sicht des Historikers begleitet und immer wieder heftig kritisiert. Besonders interessierten ihn die ungeschriebene Geschichte des Konzils von Trient, das päpstliche Zensurwesen, das Verhältnis von Papsttum und Wissenschaft, vor allem jenes von Kirche, Gewissen und Freiheit. Zugespitzt hat sich letzter Punkt in zwei zentralen Fragen seiner Zeit: dem vom Ersten Vatikanischen Konzil (1869/70) verkündeten Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit und der Auseinandersetzung um den Kirchenstaat.

    Für den Historiker Acton war die Frage der Unfehlbarkeit keine dogmatische. Er ging gegen den, wie er ihn nannte, „Infallibilismus“ vor, weil er darin den Versuch sah, Missbräuche und Fehlleistungen der Kirche unter dem Deckmantel der Unfehlbarkeit zur Seite zu schieben. Der Papst wolle wie ein Tyrann über die Katholiken herrschen und ihnen somit ihre Freiheit nehmen, war Acton überzeugt. Aber zugleich wollte er, anders als sein Lehrer Döllinger, weder eine neue Kirche gründen noch theologische Diskussion führen. Als tiefgläubiger Katholik beugte er sich den Konzilsdekreten und bekannte 1874 dem Erzbischof von Westminster, Henry Edward Manning: „Ich begnüge mich damit, auf die absolute Zuverlässigkeit Gottes in seiner Führung der Kirche zu vertrauen.“

    Dieses Beispiel zeigt: Lord Acton machte es seinen Zeitgenossen und seiner Kirche nicht leicht. Auch seine Nachwelt tut sich schwer damit, sein Werk einzuordnen. Über Jahrzehnte hinweg hat er sich zwar mit der Freiheit des Menschen und ihrer Bindung an das Gewissen befasst. Aber als Historiker der Freiheit hat er uns keine „Große Geschichte der Freiheit“ im Sinne eines voluminösen Standardwerks hinterlassen. Er habe sich wie ein „Labyrinthiker“ verhalten, mit der „Freiheit eines Experimentators, der sich nicht an vorgegebene Bahnen hält“, umschrieb Johannes Christian Koecke von der Konrad-Adenauer-Stiftung während der Tagung die Vorgehensweise Actons. Sein Werk gleiche einem archäologischen Museum mit vielen Scherben, meinte Clemens Schneider, der an der Ludwig-Maximilians-Universität München gerade über Acton promoviert. „Er hat uns keinen fertigen Rubens hinterlassen.“

    Die Tagung in Wildbad Kreuth stellte deshalb vor allem einen Versuch dar, die wichtigsten Gedankenstränge Actons her-auszuschälen. Immer wieder ging es dabei um die Rückbindung der menschlichen Freiheit an das Gewissen. „Alle Freiheit“, schrieb Acton, „besteht in der Wurzel in der Bewahrung einer inneren Sphäre, die von der Staatsmacht ausgenommen ist. Diese Ehrerbietung vor dem Gewissen ist der Kern aller bürgerlichen Freiheit.“ Es ist Gott, der den Menschen auf die Freiheit hin geschaffen hat, war seine tiefe Überzeugung. Das Gewissen sei die Stimme Gottes, der alle Menschen gleichermaßen unterworfen seien. Ihm liege ein universaler moralischer Code zugrunde, betonte Professor Samuel Gregg vom Acton Institute in Grand Rapids, Vereinigte Staaten. Dieser Code leuchte im Dekalog und auch im Naturrecht auf, er sei für Acton „auf ewig in Stein gemeißelt“. Freiheit besteht für Acton somit aus zwei zentralen Aspekten: Zum einen betrifft sie jeden Einzelnen selbst, der sich in freier Entscheidung auf die Stimme seines Gewissens einlassen muss. Zum anderen sind es die äußeren Rahmenbedingungen, unter denen dies stattfinden kann.

    Was bleibt von dieser Freiheitsvision? Acton, „sei alles andere als ein Passepartout für alle Probleme, die wir heute haben“, gab Professor Lothar Kettenacker, der lange Jahre Direktor des Deutschen Historischen Instituts London war, zu bedenken. Dennoch sei er „an Modernität kaum zu überbieten“, lautete das Resümee von Christoph Böhr am Ende der Tagung. Johannes Christian Koecke ergänzte, Acton sei sogar ein perfektes Prisma, durch das man viele heutige Fragen betrachten kann.

    Das Schlusswort hatte Philipp Hildmann, der die Tagung für die Hanns-Seidel-Stiftung vorbereitet und durchgeführt hat. Zusammen mit Christoph Böhr wird er auch den Berichtsband mit den insgesamt 17 Referaten herausgeben. Es sei sehr wertvoll gewesen, die Grundlagen der liberalen Gesellschaft jenseits von politischen Tageszwängen zu behandeln, meinte Hildmann. Entscheidend sei nun die Exegese für die Gegenwart: Was bedeutet das Werk Actons für christliche Politik heute?