• aktualisiert:

    Kasachisches Niemandsland

    Gibt man im Netz „Kurtschatow“ ein, findet man zugegebenermaßen kaum Nennenswertes zu der ostkasachischen Stadt. Unter der mageren Ausbeute stößt man lediglich auf den nicht minder interessanten Hinweis auf Wikipedia, dass es sich hierbei um eine geschlossene Siedlung handelt. Man könnte meinen, auf den ansonsten bis ins kleinste Hinterland des Globus ausgeleuchteten Karten doch einen schwarzen Fleck gefunden zu haben. Ein Niemandsland. Vielleicht eine Wüste oder unentdecktes Terrain. Doch für das Rätselhafte gibt es eine manifeste Ursache. Die wahre Geschichte dahinter erzählt nun ein imposanter Bildband von dem international renommierten und 2011 mit dem Deutschen Fotopreis ausgezeichneten Künstler Nadav Kander. Statt unberührter Seen und vitaler Naturareale, womit der Staat am Kaspischen Meer gerne wirbt, trifft der Betrachter in „Dust“ auf ein dunkles Kapitel der sowjetischen Geschichte. Über vierzig Jahre hinweg, genauer bis 1989, explodierten im sogenannten Polygon hunderte Atomsprengköpfe. Ohne die angrenzende Bevölkerung einzuweihen, wurden die dort lebenden Menschen, von denen seither kaum jemand älter als sechzig Jahre wurde, ungewollt zu Versuchsobjekten von Waffentests.

    „Priozersk XIV, Kazakhstan“, Foto von Nadav Kander. Foto: Hatje Cantz

    Gibt man im Netz „Kurtschatow“ ein, findet man zugegebenermaßen kaum Nennenswertes zu der ostkasachischen Stadt. Unter der mageren Ausbeute stößt man lediglich auf den nicht minder interessanten Hinweis auf Wikipedia, dass es sich hierbei um eine geschlossene Siedlung handelt. Man könnte meinen, auf den ansonsten bis ins kleinste Hinterland des Globus ausgeleuchteten Karten doch einen schwarzen Fleck gefunden zu haben. Ein Niemandsland. Vielleicht eine Wüste oder unentdecktes Terrain. Doch für das Rätselhafte gibt es eine manifeste Ursache. Die wahre Geschichte dahinter erzählt nun ein imposanter Bildband von dem international renommierten und 2011 mit dem Deutschen Fotopreis ausgezeichneten Künstler Nadav Kander. Statt unberührter Seen und vitaler Naturareale, womit der Staat am Kaspischen Meer gerne wirbt, trifft der Betrachter in „Dust“ auf ein dunkles Kapitel der sowjetischen Geschichte. Über vierzig Jahre hinweg, genauer bis 1989, explodierten im sogenannten Polygon hunderte Atomsprengköpfe. Ohne die angrenzende Bevölkerung einzuweihen, wurden die dort lebenden Menschen, von denen seither kaum jemand älter als sechzig Jahre wurde, ungewollt zu Versuchsobjekten von Waffentests.

    Heute zeugen von der Zerstörungsgewalt menschlicher Fortschrittsperversion nur noch leere Landschaften. Ihnen allein gilt das Augenmerk des 1961 in Tel Aviv geborenen Fotografen. Würde man nicht um die grauenvolle Historie hinter den stets ruhig, beinah meditativen Aufnahmen wissen, könnte man meinen, auf einem gänzlich unbewohnten Planeten gelandet zu sein. In „The Polygon Nuclear Test Site I (after the event)“ (2011) berichten nur noch zwei senkrecht zum Himmel reichende und von Rissen der Zeit erfasste Mauerreste vom einstigen Lebensraum der Spezies Mensch. Ansonsten eine unendlich weite Graslandschaft, grauer Himmel, bewölktes Fallout. Ein Horizont ohne Visionen. Einfach einsam und verwaist. Was noch übrig bleibt, sind geisterstädtische Zonen: Ehemalige Bunker, eine Pferderennbahn, ein Friedhof im Nirgendwo, Winterreisen, bedrohlich und poetisch zugleich. Kilometerweit erstreckt sich Schnee und Eis, bis das Weiß in der Ferne gänzlich mit dem Himmel zu verschwimmen scheint.

    Während auf zahlreichen Bildern hier und da noch bröckelnde Häuserruinen, Metallstelen, Plattenbauten oder verlassene Industrieanlagen die postapokalyptisch wirkende Steppe säumen, werden andere Gebiete inzwischen mehr und mehr von der Natur zurückerobert. Oft sind da noch wie in „The Polygon Nuclear Test Site XI (wrinkled crater)“ (2011) Erdlöcher und Krater, wo sich im Laufe der Jahre Rinnsale eingefunden haben. Oder ganze Seen, für den heutigen Betrachter von ungemeiner Anmut und Schönheit. Und doch sind es Panoramen, denen mal deutlicher, mal eher subtiler die Narben eines großen Missbrauchs der Schöpfungsmacht eingeschrieben sind.

    Obgleich Kander die Orte des Todes bestechend in Szene setzt, wirken seine Werke, die dem Schweigen einen Namen geben, durch ihre eremitische Aura, ihre Offenheit und Klarsicht auf ein befreiendes Nichts. Selten sieht der Betrachter hierin Menschen. Vielmehr geraten insbesondere deren Spuren ins Visier. Präzise und ohne Worte zeichnet Kander etwa in seinem Band „Yangtze – The Long River“ die Entwicklung Chinas im Verlauf des gleichnamigen Flusses und damit der eigentlichen Lebensader des asiatischen Staates nach. Entlang von Feldern, ländlicher Basalität, Fabrikanlagen bis letztlich überdimensionierten Wohnbauten westlicher Prägung zieht sich das Gewässer, welches sich zugleich als der geheime Erzähler einer Volksgeschichte erweist.

    Es ist eine Ästhetik der Leere, bedacht auf höchste Minimalität und einer reduzierten Bildökonomie. Ihre hehre Ambition: Die Suche nach einer Wahrheit, das Ausloten des schmalen Grates zwischen Kultur und Ursprung, Komposition und Unschuld. Und fast immer ist der Raum der wesentliche Akteur innerhalb der Panoramen. Gebäude sind die stillen Zeugen eines aus der Balance geratenen Zusammenspiels von Zivilisation und Umwelt. Geradezu allegorisch versinnbildlicht die Aufnahme „The Aral Sea III (fishing trawler)“ das ökologische Gleichgewicht auf der Kippe. Vor dem Hintergrund einer ausgetrockneten Seezone befindet sich ein rostiges Schiffswrack, dessen Mitte bald auseinanderzureißen droht. Nichts, was der Mensch errichtet, währt trotz seiner technologischen Brillanz ewig. Die Vergänglichkeit lässt die Natur ihr verlorenes Terrain zurückgewinnen.

    Und was bleibt von alledem? Illusionen, Ideologien und Phantastereien einer nie ganz enden wollenden Hoffnung auf Heilsversprechen durch den Fortschritt. Allen voran in dem „Dust“-Kapitel zu Priosersk, einer Stadt im Verwaltungsbezirk Leningrad, wo im Kalten Krieg unweit entfernt Langstreckenraketen getestet wurden, erlebt der Leser die paradoxe Gegenwart einer untergegangenen Epoche, eines Kalten Krieges, vorangetrieben vom Eifer wissenschaftlichen Überwindungsgeistes. In der dortigen Architektur lesen sich die Träume eines großrussischen Patriotismus mit geballter Symbolsprache ab. Neben dem Militärhaus ragt eine Rakete auf einem Podest, umgrenzt von einer schmalen, schwarzen Metallkette als imperiales Machwerk in den Himmel. Selbst im Haus der Kultur findet sich eine ähnliche Ikonografie: Zwischen weißen Kacheln säumen riesige Wandbilder mit Astronauten, Planeten und Raumfahrtmotiven den Innenraum. Von der kommunistischen Welterneuerung sind allmählich verblassende Schimären geblieben. Eine buchstäblich amputierte Restvision bietet die einzigartig eingefangene Szenerie in „Priozersk XIV (I was told she once held an oar)“ (2011): Aus der Totalen eröffnet sich ein Blick auf den Ladogasee am späten Nachmittag. Davor ein Sandsteinfelsen mit etwas Schutt. Darauf eine auf das weite Gewässer blickende Frauenstatue. Einst soll der inzwischen geschundene Torso, wie der Titel des Fotos verrät, ein Ruder getragen haben. Was dieses Bild so trefflich zeigt, ist eine Macht, die sich gegen sich selbst gerichtet hat. Das Ruder symbolisierte menschliches Führungsvermögen, die Herrschaft über Meer und Wasser. Doch die Destruktion durch die Kriegsgewalt hat der Plastik augenscheinlich die Arme entrissen. Wo Kraft und Gegenkraft wirken, offenbart Kander den motivischen Kollisionspunkt: Eine Galionsfigur der Macht und Ohnmacht gleichermaßen. Sie schaut auf den Horizont und hält wie der Betrachter aller Bilder Ausschau.

    Einzigartig fängt Kander die romantische Sehnsucht nach Friede und Neubeginn ein. Ob und welche neuen Utopien irgendwann in der Ferne einmal aufscheinen werden, mag allein die Zeit beantworten.

    Nadav Kander: Dust. Hatje Cantz, 2014, 120 Seiten, 48 Abbildungen, EUR 65,-