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    Karl May als Mystiker

    Der bald hundert Jahre nach seinem Tod immer noch meistgelesene deutsche Schriftsteller Karl May (1842–1912) mit einer Gesamtauflage von rund 100 Millionen Exemplaren allein hierzulande ist allgemein als Verfasser von fantastischen Abenteuer- und Reiseerzählungen bekannt. Als „Old Shatterhand“ will er den Apachen-Häuptling Winnetou zum Blutsbruder gewonnen haben; als „Kara Ben Nemsi“ will er mit Hadschi Halef Omar durch die Schluchten des Balkan geritten sein. Nur eine Minderheit hat indessen das mystisch inspirierte Alterswerk zur Kenntnis genommen, das einen vergeistigten, der Symbolik zugewandten Schriftsteller von hohem Format zeigt. Der namhafte deutsche Schriftsteller Arno Schmidt hat Karl May mit Blick darauf einmal als einen der letzten „Großmystiker“ bezeichnet.

    Der bald hundert Jahre nach seinem Tod immer noch meistgelesene deutsche Schriftsteller Karl May (1842–1912) mit einer Gesamtauflage von rund 100 Millionen Exemplaren allein hierzulande ist allgemein als Verfasser von fantastischen Abenteuer- und Reiseerzählungen bekannt. Als „Old Shatterhand“ will er den Apachen-Häuptling Winnetou zum Blutsbruder gewonnen haben; als „Kara Ben Nemsi“ will er mit Hadschi Halef Omar durch die Schluchten des Balkan geritten sein. Nur eine Minderheit hat indessen das mystisch inspirierte Alterswerk zur Kenntnis genommen, das einen vergeistigten, der Symbolik zugewandten Schriftsteller von hohem Format zeigt. Der namhafte deutsche Schriftsteller Arno Schmidt hat Karl May mit Blick darauf einmal als einen der letzten „Großmystiker“ bezeichnet.

    Die Wandlung vom jungen Kolportage-Schriftsteller, der bereits eine dramatische Biographie von der Erblindung und Heilung im Kindesalter bis hin zum mehrjährigen Gefängnisaufenthalt nach unglücklichem Scheitern des Berufsanfängers hinter sich hat, zum erfolgreichsten Roman-Autor deutscher Sprache stellt sich an sich schon als höchst bemerkenswerte Karriere dar. Noch eindrucksvoller aber ist die Wandlung vom gefeierten Erfolgsschriftsteller zum christlich-überkonfessionellen Spiritualisten und Humanisten im Zuge seiner ersten großen Reise in den Orient um die Jahrhundertwende, wo er der ernüchternden Realität seiner Roman-Schauplätze begegnet und ihn gleichzeitig die Realität seiner Vergangenheit in Gestalt der Aufdeckung seiner Nicht-Identität mit Old Shatterhand alias Kara Ben Nemsi im fernen Deutschland einholt. Seine Ehe geht zu Bruch und zahlreiche Prozesse mit ihn verleumdenden oder wüst bekämpfenden Gegnern überschatten sein letztes Lebensjahrzehnt, das er mit seiner zweiten Ehefrau über weite Strecken zurückgezogen verbringt. Als der Siebzigjährige schließlich zu einem Vortrag nach Wien eingeladen wird, erlebt er – kaum zwei Wochen vor seinem Tod – dort vor zwei- bis dreitausend Zuhörerinnen und Zuhörern den größten öffentlichen Triumph seines Lebens. Im begeisterten Publikum lauscht unter anderem die Friedensnobelpreisträgerin Berta von Suttner seinen Ausführungen unter dem Titel „Empor ins Reich der Edelmenschen!“.

    Schon die frühen „Geographischen Predigten“ (1875/76) zeigen ein geistliches Interesse Mays. Seine späteren Romangestalten folgen keineswegs, wie oft unterstellt wird, einem schlichten Gut-Böse-Schema, sondern können mitunter durchaus Wandlungen in den Figuren zeigen. Durchgängig erkennbar ist hingegen ein herzenswarmer Humor, der sich mit einer Haltung der Feindesliebe, der Barmherzigkeit und der Geringschätzung von Gewaltanwendung verbindet. In der südamerikanischen Reiseerzählung „El Sendador“ (1890) beispielsweise, 1894 in Buchform unter den Titeln „Am Rio de la Plata“ und „In den Cordilleren“ erschienen, bringt sich May an einer einzigen Stelle mit seinem nordamerikanischen Kunstnamen ins Gespräch, indem er sich im Rahmen des furiosen Finales seine gütige Einstellung vorwerfen lässt: „Weiß schon. Wieder die berühmte Menschlichkeit Old Shatterhands.“ Besagter Sendador, der zentrale Übeltäter des Werkes, bekehrt sich in seiner Sterbestunde. Derlei Linien weisen auf die mystische Innerlichkeit des Spätwerks voraus.

    Der Roman „Am Jenseits“ (1899), der bereits zum Alterswerk überleitet, zeigt die eschatologische Ausrichtung im Denken Mays deutlich. Der geplante Fortsetzungsband „Im Jenseits“ wurde bezeichnenderweise nicht geschrieben, die himmlische Wirklichkeit also mystisch offengelassen. „So ergeht es uns mit dem Jenseits. Die Bilder, welche wir uns von ihm machen, sind falsch, aber es existiert.“ Dabei war dem Autor klar, dass – wie er bei anderer Gelegenheit notierte – „vor, hinter und rund um uns die Ewigkeit liegt, von welcher unsere Zeit nicht einmal ein ganzes kleines Tröpflein ist“!

    Der Roman „Und Friede auf Erden“ (1901/1904) zitiert sogar im Titel die Bibel. Den vorletzten Roman „Ardistan und Dschinnistan“ (1907) bezeichnet der katholische Theologe und Karl-May-Biograph Hermann Wohlgschaft – für den May „auf seine Art“ ein „Mystiker“ war – als „mystische Prophetie, als christozentrische Dichtung“. Begeisterung riefen die späten Werke freilich kaum hervor. Insbesondere mit seinem Bühnen-Drama „Babel und Bibel“ und seinen Gedichten und Aphorismen hatte Karl May keinen Erfolg.

    Der Glaube gibt Unendlichkeit

    „Ich bin nur ein bescheiden Gras,/ doch eine Ähre trag auch ich“, dichtet er auf seiner Orientreise – unter vielen Tränen, wie er auf dem Manuskriptblatt hinten vermerkt hat. In allem Schmerz hält ihn sein christlicher Glaube aufrecht: „Ich bin in Gottes Hand, wo ich auch geh und steh;/ Seit meinem ersten Tag bin ich geborgen./ Er kennt mein Herz mit allem seinem Weh,/ Mit seinen großen, seinen kleinen Sorgen.“ May wusste: „Der Himmel klopft öfter bei uns an als wir bei ihm“. Nicht auf Leistung, sondern auf Gottes Gnade kommt es an: „Irdische Kronen lassen sich erobern, die himmlische nicht.“

    Karl May war freilich kein Theologe; zeitweise machen sich ein wenig theosophische Einflüsse bemerkbar. Jedenfalls betonte er: „Ich suche nach dem Geiste und nach der Seele, nicht nur auf psychologischem Gebiete, sondern auch in der Beziehung auf den Glauben.“ In einem Brief an Prinzessin Wiltrud von Bayern schrieb der Greis 1909: „Ich möchte der Menschheit meinen Glauben geben, meine Liebe, meine Zuversicht, mein Licht, meine Wärme, meinen – – – Gott!“ Ein Gedicht aus der weithin unterschätzten und unverstandenen Sammlung „Himmelsgedanken“ fragt eindringlich: „Hast geglaubt? Oh, wolle mir doch sagen,/ wie viele wohl von deinen Erdentagen/ den wahren, echten Sonnenschein gekannt!/ Der Glaube gibt Unendlichkeit des Schauens/ im klaren, warmen Lichte des Vertrauens/ und zeigt dir strahlend hell das Ursprungsland.“

    May war ein Mensch mit mystischer Ader, die erst im Laufe seines Lebens zunehmend hervortrat. Seine reiche Fantasie korrespondierte dabei seiner wachsenden Spiritualität. In einem Brief an Baronin Sophie von Boyneburg bekannte er 1902: „Ja, es ist wahr: ich lebe in einer eigenen Welt. Sie ist so licht, so sonnig, und Engelsflügel schweben auf und nieder. Aber ich wohne da in großer Einsamkeit. Aus dieser meiner Welt heraus sind meine Bücher geschrieben worden. Darum ist es nicht so leicht, ihren Inhalt zu begreifen.“ Ein Leser bescheinigte ihm einmal stellvertretend für ungezählte, er habe kraft seiner Persönlichkeit gewirkt, „deren inneres Licht die Dunkelheit des Erdenlebens erleuchtet und deren inneres Feuer die Herzen der Menschen erwärmt hat“. Möglich wurde dem Schriftsteller aus Sachsen dies nur auf der Basis seiner mystischen Grundüberzeugung: „Das Menschenherz ist ruhende Knospe, bis die Liebe es für den Himmel schwellt und öffnet.“

    Von Werner Thiede