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    Kampffeld Autonomie

    Brauchen unsere säkularisierten (post)-modernen Gesellschaften in Europa noch das Christentum? Bisher gehen Christen davon selbstverständlich aus. Sie streiten lediglich darüber, wie sie diesem unterstellten Gebrauchtwerden am besten entsprechen können – die einen eher pessimistisch die eigene Identität und das Trennende schärfend, um im Pluralismus nicht unterzugehen, die anderen eher optimistisch das Verbindende suchend, auf das Säkulare gar hoffend, dass sich darin das Gesicht des Christentums neu und moderner zeigen könnte.

    Brauchen unsere säkularisierten (post)-modernen Gesellschaften in Europa noch das Christentum? Bisher gehen Christen davon selbstverständlich aus. Sie streiten lediglich darüber, wie sie diesem unterstellten Gebrauchtwerden am besten entsprechen können – die einen eher pessimistisch die eigene Identität und das Trennende schärfend, um im Pluralismus nicht unterzugehen, die anderen eher optimistisch das Verbindende suchend, auf das Säkulare gar hoffend, dass sich darin das Gesicht des Christentums neu und moderner zeigen könnte.

    Aber was wäre, wenn diese stillschweigend postulierte Voraussetzung, als Christen gebraucht zu werden, für Europa und Deutschland faktisch nicht mehr zutrifft? Was wäre, wenn die säkularen Gesellschaften Europas ihre kulturelle Kraft von den Ökonomen über die Schriftsteller, Filmemacher, Informationsdesigner und Journalisten bis hin zu ihren Politikern nicht mehr der Emanzipation vom christlichen Ferment der europäischen Kultur widmeten, sondern diese Arbeit als abgeschlossen ansehen und ein neues pures säkulares Ferment anreicherten? Ja, was wäre, wenn diese säkularen Gesellschaften das Christliche nicht mehr nur nicht als positiven Beitrag zu Europa verstünden, sondern auch nicht mehr in einer Art negativen Funktion akzeptierten als Beitrag zur Therapie der Widersprüche und Fehlentwicklungen der säkularen Gesellschaften – wie etwa der Umweltzerstörung, prekärer Arbeitsbedingungen, Aufkündigung der gesellschaftlichen Solidarität infolge der demografischen Entwicklung, Vereinsamung und Entfremdung des Menschen in der Konsumgesellschaft von sich selbst samt den Folgen wie der Zunahme von Burn-Out, Depressionen oder anderen Verhaltensauffälligkeiten und so weiter und so fort? Was also wäre, wenn diese säkularen Gesellschaften das Christentum weder als soziale, noch als Sinnressource mehr brauchten? Zeichen dafür gibt es zuhauf, um nur einige wenige zu nennen: Die säkularen Gesellschaften rüsten ihre eigenen Wissenschaften und Philosophien von der Hirnforschung bis zum kritischen Rationalismus neu auf, um die Sinnfragen des Menschen aus sich selbst zu beantworten. Für die Bewältigung des Lebensalltages ist ein riesiger säkularer Freizeit-, Spiritualitäts-, Psycho- und Gesundheitsmarkt entstanden, der ohne Rückgriff auf christliche Traditionen und Kompetenzen den säkularen Menschen „fit“ halten will für sein evolutionäres Überleben. Und auch eher harte politische Themen wie Umwelt, Arbeit und Soziales bearbeitet die säkulare Gesellschaft durch eigene Institutionen, wie die explosionsartige Zunahme sogenannter Nichtregierungs-Organisationen illustriert – zumal der Staat selbst Motor der Säkularisierung bleibt.

    Zugegeben, das scheint ein überangestrengtes Gedankenexperiment zu sein, aber es eröffnet Spekulationshorizonte, die für die Zukunft des Christentums im säkularisierten Europa bedeutsam sind: Dass sich diese Zukunft nämlich nicht zuerst in der Funktionalität des Christentums für diese Gesellschaften entscheidet, sondern daran, ob die Christen die Gottesfrage lebendig halten und mit der Theonomie die Autonomiegläubigkeit der Säkularen erschüttern können – darüber sollten Christen nachdenken.

    Von Johannes Seibel