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    Kalter Friede

    Die EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann ist in der Zeit des Kalten Krieges groß geworden. Der Friedensbegriff dieser Zeit hat sie geprägt. Sollte dieser Begriff aber nicht weiterentwickelt werden, wie der Streit um ihre Afghanistan-Äußerungen zeigt?

    Der Kalte Krieg ist zu Ende. Das denken, sagen und schreiben alle, die sich nach 1989 mit internationaler Sicherheitspolitik beschäftigen. Eine neue Art von Konflikten hat heute die alte West-Ost-Konfrontation mit nuklearer Hochrüstung und ihrer Abschreckungslogik abgelöst. Der Fachausdruck dafür heißt asymmetrische Bedrohung. Was zum Ausdruck bringen soll: Es stehen sich heute nicht mehr die als Bündnisse von Staaten organisierten Warschauer Pakt und NATO gegenüber, die übereinander bestens informiert sind, das militärische Gleichgewicht als Ziel haben, die beide rational mit Hilfe von Verhandlungen und Verträgen staatlich handeln, weil sie am Überleben ihrer Einflusssphäre angesichts der Möglichkeit der atomaren Vernichtungsmöglichkeiten durch den jeweils anderen interessiert sind. Sondern spätestens seit dem 9. September 2001 sind internationale Konflikte gekennzeichnet durch unzählige kleine, nicht-staatliche Gruppen von Terrororganisationen, die über nationalen Grenzen hinweg operieren, und die die alten Nationen in der Hauptsache des politischen Westens mit einer Art Partisanentaktik dauerhaft destabilisieren wollen. Zumeist legitimieren diese Gruppen sich durch eine islamistische Ideologie. Asymmetrische Bedrohung heißt, dass nicht mehr ein großer Ost-West-Konflikt den Frieden in der Welt bedroht, sondern zahlreiche kleine Krisen, Konflikte, Kriege und Terroranschläge, deren Akteure nicht mehr recht zu fassen sind, und deren Waffen auch keiner Symmetrie mehr entsprechen. Statt „Kalter Krieg“ lautet „Krieg gegen den Terror“ das neue Schlagwort, um die Analyse der asymmetrischen Bedrohungen anschaulich zu fassen. Nicht mehr der große Ost-West-Konflikt bedroht den Frieden in der Welt, sondern zahlreiche kleine Krisen, Konflikte, Kriege und Terroranschläge, deren Akteure nicht mehr recht zu fassen sind.

    Das alles sollte im Hinterkopf haben, wer über den aktuellen Streit um die Äußerungen und Mahnungen von Margot Käßmann zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan nachdenkt. Denn die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist in der Zeit des Kalten Krieges und dessen Konfliktlogik politisch sozialisiert worden. Wie die EKD-Ratsvorsitzende selbst über ihr Leben Auskunft gibt, hat sie die Friedensbewegung der achtziger Jahre in der Bundesrepublik entscheidend mitgeprägt, die etwa zur Zeit des sogenannten Nato-Doppelbeschlusses 1983 mehrere hunderttausend Menschen auf die Straßen und Plätze in Bonn gebracht hat. Wenn also Käßmann über internationalen politischen Frieden und Wege dazu redet, dann hat sie die Kategorien dafür zuerst in der Zeit des Kalten Krieges und der ethischen Auseinandersetzung damit gelernt. Sie beurteilt also mit Friedenskonzepten, die Antwort auf den Kalten Krieg waren, Konflikte, die sich einer anderen, neuen asymmetrischen Bedrohung verdanken.

    Dolf Sternberger, einer der liberalen Begründer der Politikwissenschaft im Nachkriegsdeutschland, hat die Friedensbewegung in Deutschland, durch die Käßmann geprägt wurde, als einer der Hellsichtigsten untersucht. 1985 erschien etwa ein aufschlussreicher Beitrag mit Titel „Über die verschiedenen Begriffe des Friedens“. Der von Helmut Schmidt geschätzte Heidelberger Professor kritisierte darin an der damaligen Friedensbewegung, dass diese als Antwort auf die globale Zerstörungsmöglichkeit der Menschheit durch den Kalten Krieg eine Art globale Erlösungsmöglichkeit suchte. Für Sternberber vermischte sie die Bereiche von religiöser und politischer Ethik, „irdischen und himmlischen Friedens“ miteinander. Die Friedensbewegung hat demzufolge einen „eschatologischen Friedensbegriff“ benutzt. Gewaltfreiheit, Gewaltlosigkeit, eine Welt ohne Konflikte an sich seien zu einem „positiven“ Begriff des Friedens gemacht worden, der von einem „negativen“ Friedensbegriff im Sinne bloßer Abwesenheit von Krieg abgehoben und als erstrebenswerter dargestellt worden sei. Demgegenüber aber betonte Sternberger die logische Schwierigkeit, „den Punkt zu bestimmen, bis zu welchem solcher positive Friedenszustand menschenmöglich ist und jenseits dessen einen mehr als menschlichen, einen transzendenten, einen überschwänglichen Charakter zeigt“. Deshalb auch musste sich laut Sternberger die Art und Weise, wie die Friedensbewegung in den Achtzigern von Frieden spricht, als ein „Frieden durch Bekehrung“ äußern, während die Politik weiter einen „Frieden durch Vereinbarung“ wollte.

    Das Ineinsdenken von religiöser und politischer Ethik charakterisiert nun auch die Neujahrspredigt der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann und ihre Aussagen zu Afghanistan. Sie begründet ihre irdische Friedenssuche mit der himmlischen Verheißung. „Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut, von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen.“ Ihr Friedensbegriff ist durch den „eschatologischen Friedensbegriff“, von dem Sternberger mit Blick auf die Friedensbewegung zur Zeit des Kalten Krieges gesprochen hatte, grundiert.

    Das ist für die mit wichtigste Repräsentantin der evangelischen Kirche in Deutschland sicher legitim – gleichzeitig darf aber nicht übersehen werden, dass damit auch jede politische Ethik, für die militärische Gewalt ein Mittel ist, sowie der Begriff des „negativen Friedens“ kleiner und chancenloser geredet werden als sie sind. Käßmann konkretisiert und präzisiert im Sinne Sternbergers nicht, was das „wieviel mehr“ ihres „positiven Friedensbegriffes“ gegenüber dem Friedensbegriff ist, der dem internationalen Mandat in Afghanistan zugrunde liegt. Mit Blick auf die Schreckensszenarien des Kalten Krieges mag die Karriere des damaligen „eschatologischen Friedensbegriffs“ verständlich sein. Aber gleichzeitig sollte nicht vergessen werden, dass die Abschreckung, die politische Ethik, die Verhandlung, die Vereinbarung, der „irdische Frieden“, der „negative Frieden“ mit dazu beigetragen haben, dass der Kalte Krieg beendet wurde – und ein wesentlicher Bestandteil dieser Abschreckung war der NATO-Doppelbeschluss 1983 gewesen, gegen den die Friedensbewegung auf die Straße gegangen war.

    Die Debatte um die Äußerungen Margot Käßmanns sollte also über die Tagespolitik hinaus dazu führen, über einen Friedensbegriff nachzudenken, der die neuen asymmetrischen Bedrohungen reflektiert und aus der Zeit des Kalten Krieges weiterentwickelt wird. Und die Militärstrategen sollten reflektieren, ob nicht das Mittel der Verhandlung und Vereinbarung eines ist, dass aus der Zeit des Kalten Krieges neu auf asymmetrische Konflikte angewendet werden muss – es sozusagen eine Zeit des kalten Friedens braucht.

    Von Johannes Seibel