• aktualisiert:

    Jagd auf das Phantom

    Im Grunde ist es immer das gleiche: Am Anfang brennt das Feuilleton, dann wird ein Sündenbock lautstark durchs mediale Dorf getrieben und am Ende, jenseits des großen Presse-Lärms, wird das inzwischen gegen den vermeintlichen Bösewicht eingeleitete Strafverfahren entweder eingestellt, oder es erfolgt sogar ein Freispruch. Zweiter oder erster Klasse, über den dann allerdings ohne große Schlagzeilen berichtet wird. So entwickelt sich vielleicht der Fall des Kunstsammlersohns Cornelius Gurlitt weiter, der seit Wochen wegen des Besitzes von geerbten Bilder, unter denen sich auch NS-Raubkunst befindet, am öffentlichen Pranger steht.

    Die Wohnung des Kunstsammlersohns Cornelius Gurlitt im Blick der Medien. Foto: dpa

    Im Grunde ist es immer das gleiche: Am Anfang brennt das Feuilleton, dann wird ein Sündenbock lautstark durchs mediale Dorf getrieben und am Ende, jenseits des großen Presse-Lärms, wird das inzwischen gegen den vermeintlichen Bösewicht eingeleitete Strafverfahren entweder eingestellt, oder es erfolgt sogar ein Freispruch. Zweiter oder erster Klasse, über den dann allerdings ohne große Schlagzeilen berichtet wird. So entwickelt sich vielleicht der Fall des Kunstsammlersohns Cornelius Gurlitt weiter, der seit Wochen wegen des Besitzes von geerbten Bilder, unter denen sich auch NS-Raubkunst befindet, am öffentlichen Pranger steht.

    Zu Unrecht, wie der 80-Jährige jetzt in einem Interview mit dem Magazin „Der Spiegel“ betont – um mit Blick auf die bereits im Internet zu sehenden Kunstwerke die Frage hinzuzufügen: „Was ist das für ein Staat, der mein Privateigentum zeigt?“ Und tatsächlich: Immer mehr Zweifel breiten sich unter Juristen aus, ob die Beschlagnahmung der mehr als 1 000 Gemälde und Grafiken aus Gurlitts Münchner Wohnung rechtens war. Weder hat Gurlitt eine Straftat begangen, noch kann er aufgrund der Verjährungszeit zivilrechtlich zum Verzicht auf die Kunstwerke, dessen Eigentümer er seit den 1960er Jahren ist, verurteilt werden. Weshalb man die aktuelle Ankündigung der Staatsanwaltschaft Augsburg, die gegen Gurlitt ermittelt, dass die Bilder, die „zweifelsfrei im Eigentum des Beschuldigten stehen“, ihm „unverzüglich zur Rücknahme angeboten werden“ als zwar gut gemeintes, juristisch aber bedenkliches Deeskalationszeichen werten kann.

    Fast scheint es so, als seien im Zuge der dramatisierenden Berichterstattung die Grenzen zwischen persönlicher Moral und allgemeinem Recht, medialer Vorverurteilung und rechtskräftiger Vollstreckung verwischt worden, was vor allem auf Kosten der Persönlichkeitsrechte des äußerst abgeschieden lebenden Mannes geht. Denn selbst wenn er, wonach es momentan nicht aussieht, wegen der Schädigung seines Rufes vor Gericht Schadenersatzansprüche stellen würde und diese zugesprochen bekäme – lässt sich mit 10 000 bis 20 000 Euro die öffentliche Bloßstellung wieder gutmachen, die Gurlitt seit gut zwei Wochen durch die Leitmedien erfahren musste? In Deutschland ebenso wie im Ausland.

    Als das „Phantom hinter dem Nazi-Schatz“ bezeichnete ihn die „Bild“-Zeitung, während das Magazin „Focus“, dessen Artikel die weltweite Berichterstattung ausgelöst hatte, nicht nur die Zahl der 1 280 Grafiken und Gemälde im Besitz Gurlitts auf „etwa 1 500 Gemälde“ anhob, sondern aus der Wohnung des Kunsthändlersohns schnell eine „Messie“-Wohnung machte. Ein unrechtmäßige Pathologisierung, wie man heute weiß. Doch auch bei anderen großen Zeitungen ließ man sich – die Kunstwerke offenbar direkt vor dem geistigen Auge – von den verlautbarten Ermittlungsgründen („Steuerdelikte“, „Unterschlagung“), die Gurlitt im „Spiegel“ vehement abstreitet, allzu leicht in den Bann schlagen anstatt sie kritisch zu hinterfragen. Die Jagd auf das Phantom hatte begonnen. „Paris Match“ brachte das erste Foto, das ihn beim Einkaufen in einem Supermarkt zeigt. Dann sah ihn die „New York Times“ am Münchner Flughafen. Gurlitts Brief an den „Spiegel“, in welchem er in höflichen Worten darum bat, dass die Redakteure auf die Nennung des Familiennamens verzichten, wurde lediglich als Beweis dafür ausgelegt, dass das Phantom noch am Leben sei.

    Und jetzt? Natürlich sind die Ansprüche der früheren Bildbesitzer nachvollziehbar und in der Tat gilt es nun, diesen komplexen juristischen Fall, der längst auch den Ruf und das Ansehen Deutschlands in der Welt berührt, genauestens zu prüfen und zu klären. Aber sachlich und nicht getrieben von Emotionen. Möglichst ohne weitere Dramatisierung und Dämonisierung. Ist doch durch das fragwürdige Verhalten des Staatsanwaltes, der Gurlitt bis heute nicht persönlich gesprochen hat, und die Leitmedien, die ihre objektive Wächterrolle – wie auch die anderen Beispiele zeigen – immer leichtfertiger mit einer ideologischen Richterrolle verwechseln, bereits mehr als genug Porzellan zerschlagen worden. Erst wenn derartige Medienkampagnen nicht mehr stattfinden, besitzt das Land den herrschaftsfreien medialen Diskurs, den es braucht. Zum Wohle des Einzelnen und der Demokratie.