• aktualisiert:

    „Intelligente Anregung“

    Sein Roman „Hesperus, oder 45 Hundsposttage“ (1795) sorgte für ähnlich große Begeisterungswellen wie seinerzeit „Die Leiden des jungen Werther“, seine ursprünglich in einem Ehe-Roman zu findende „Rede des todten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“ gilt bis heute als eindrucksvolles Bekenntnis des Atheismus. Fragt man aber, wer den deutschen Klassiker Jean Paul Friedrich Richter (1763–1825) tatsächlich liest oder gelesen hat, so dürfte die Zahl verschwindet gering sein. Seine satirischen Werke gehören nicht zur Pflichtlektüre auf der Schule, sein Leben bildete bisher noch keinen Filmstoff. Obwohl es durchaus dramatisch und abwechslungsreich war, wie ein aktueller „Jean Paul – Taschenatlas“ anschaulich dokumentiert.

    Sein Roman „Hesperus, oder 45 Hundsposttage“ (1795) sorgte für ähnlich große Begeisterungswellen wie seinerzeit „Die Leiden des jungen Werther“, seine ursprünglich in einem Ehe-Roman zu findende „Rede des todten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“ gilt bis heute als eindrucksvolles Bekenntnis des Atheismus. Fragt man aber, wer den deutschen Klassiker Jean Paul Friedrich Richter (1763–1825) tatsächlich liest oder gelesen hat, so dürfte die Zahl verschwindet gering sein. Seine satirischen Werke gehören nicht zur Pflichtlektüre auf der Schule, sein Leben bildete bisher noch keinen Filmstoff. Obwohl es durchaus dramatisch und abwechslungsreich war, wie ein aktueller „Jean Paul – Taschenatlas“ anschaulich dokumentiert.

    In diesem von Bernhard Echte und Michael Mayer herausgegebenen Werk kann man nämlich von Ort zu Ort auf den Spuren des ruhelosen Genies wandeln, der im fränkischen Wunsiedel zur Welt kam, aber nirgendwo so richtig eine Heimat fand: Coburg, Bamberg, Meiningen, Jena, Hof, Leipzig, Erlangen, Nürnberg, Regensburg, München, Heidelberg, Stuttgart – nirgendwo hielt es den Schriftsteller mit den ausgeprägten pädagogischen Ambitionen länger. Am sesshaftesten wurde er in der Stadt Bayreuth, der er früh ein Lob-Denkmal setzte: „Du liebes Bayreuth, auf einem so schön gearbeiteten, so grün angestrichenen Präsentierteller von Gegend einem dargeboten – man sollte sich einbohren in dich, um nimmer heraus zu können.“

    Zu den Vorzügen des Buches gehört es, dass man nicht nur (chronologisch) über die Dinge unterrichtet wird, die Jean Paul in der jeweiligen Stadt so trieb, übersichtlich und anschaulich werden auch die wichtigsten Örtlichkeiten gezeigt und Einrichtungen, die Material zu Jean Paul bereithalten. Besonders anregend aber sind die Hinweise auf Personen, die dem Schriftsteller in der jeweiligen Stadt nahestanden und die Art und Weise, wie man ihn behandelte. Beispiel München: „Der Empfang, den man ihm bereitete: Er war lausig. Niemand, der ihm irgendeine öffentliche Ehrung darbrachte, wie dies noch ein Jahr zuvor in Stuttgart oder auf dem Weg nach Löbichau der Fall gewesen war – von Frankfurt oder Heidelberg ganz zu schweigen.“ Dabei bot man ihm an, Mitglied in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften zu werden, was Jean Paul aber erst einmal ablehnte.

    Auch in Weimar („Endlich in der heiligen Stadt Gottes“) tat es sich der Schöpfer von Worten wie „Angsthase“ oder „Weltschmerz“ nicht immer leicht. Goethe drückte gegenüber Schiller deutlich seine Skepsis hinsichtlich des Besuchers aus. „Richter ist ein so complicirtes Wesen, dass ich mir die Zeit nicht nehmen kann, Ihnen meine Meinung über ihn zu sagen, Sie müssen und werden ihn sehen und wir werden uns gern über ihn unterhalten. Hier scheint es ihm übrigens wie seinen Schriften zu gehen, man schätzt ihn bald zu hoch, bald zu tief und niemand weiß das wunderliche Wesen recht anzufassen.“ (zit. nach S. 438) Immerhin blieb Jean Paul bei einem weiteren Weimar-Besuch zwei Jahre in dem Städtchen, um intensiv an seinem „Kardinalroman“ „Titan“ zu arbeiten, dem allerdings kein großer Erfolg beschieden war. Doch was bedeutet schon äußerer Erfolg? Der Herausgeber treffen wohl Jean Pauls Wesen sehr gut, wenn sie jede Station mit einer „Anleitung, ein wenig Jean Paul zu sein“ abrunden. In Weimar heißt das: „Wachsen Sie in Weimar. Besuchen Sie die Stadt nicht als Tourist, sondern mit der Bereitschaft zu einer persönlichen Entwicklung. Lassen Sie sich ein paar Wochen Zeit. Suchen Sie die großen Geister älterer und neuerer Epochen an Ihren Orten auf (Adressen siehe oben) und unterhalten Sie sich mit Ihnen in vielfältigster Weise.“

    Keine schlechte Idee. So wie die Anleitung in Schwarzenbach an der Saale durchaus bedenkenswert und Jean Paul-nah ist: „Verbringen Sie einen Vormittag mit zehn Kindern in einem Raum und versuchen Sie, diese durch intelligente Anregung und witzige Unterhaltung zu fesseln – statt sie zu erziehen.“

    Ein Buch, das auf charmante und informative Weise einlädt, den Dichter und Denker Jean Paul besser kennenzulernen.

    Bernhard Echte, Michael Mayer (Hg): Jean Paul Taschenatlas. Nimbus Verlag 2016, 488 Seiten, ISBN 978-3-907142-

    82-0, EUR 24,80