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    In der Talkshow übel beschimpft

    Buchautor und „Spiegel“-Mitarbeiter Matthias Matussek geht wegen der Beleidigungen des Talkmasters Kurt Krömer gegen „Late Night Show“ vor. Vor der Sendung war dem Journalisten gesagt worden, es solle über den Papst und Religion geredet werden. Der verantwortliche ARD-Sender will sich nicht öffentlich zu dem Vorgang äußern.

    „Late Night Show“-Moderator Kurt Krömer (rechts) beschimpft Matthias Matussek – ob die Sendung am 10. August so ausgestr... Foto: RBB

    Buchautor und „Spiegel“-Mitarbeiter Matthias Matussek geht wegen der Beleidigungen des Talkmasters Kurt Krömer gegen „Late Night Show“ vor. Vor der Sendung war dem Journalisten gesagt worden, es solle über den Papst und Religion geredet werden. Der verantwortliche ARD-Sender will sich nicht öffentlich zu dem Vorgang äußern.

    Matussek ist Gast der neuen „Krömer – Late Night Show“-Staffel, die ab dem 10. August ARD-weit im Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) läuft. Den bekannten Spiegel-Autor hat Krömer als „Matthias Matussek, der Puffgänger“ beleidigt. Gegen die Unterstellung des Ehebruchs verwahrte sich der verheiratete Matussek, was Krömer herzlich wenig kümmerte. Vorausgegangen war die Frage von Krömer, ob sich Matussek an den Zölibät halte, was natürlich eine unsinnige Frage war, die aber als Sprungbrett für die nachfolgenden Beleidigungen herhalten sollte. Für den Rest nannte der Moderator den Katholiken nur noch „Puffgänger“.

    „Krömer läuft Amok!“, sagte der sichtlich geschockte Matussek später. Doch das tut der narzisstische TV-Moderator in jeder Sendung. Krömer hat einen Hang zu schlechten Scherzen auf Kosten anderer. Dabei sind seine Beleidigungen keineswegs spontane Ausfälle, diese Momente sind genau ausgetüfteltes Kalkül und zielen auf die niederen Instinkte abgestumpfter Zuschauer. Krömer ist nicht mehr als ein abgeschmackter Provokateur. Der 1974 in Berlin-Neukölln geborene Comedian, mit bürgerlichem Namen Alexander Bojcan, hat sich selbst zur Kunstfigur stilisiert. Aus seiner anfänglich noch leicht goutierbaren Banalcomedy im Stil Heinz Erhards entwickelte er bald schon eine peinlich penetrante Nabelschau. Seine oft gespreizt palavernde Berliner Kodderschnauze wirkt dabei wie ein mühsam antrainiertes Markenzeichen. In Tempo und Timing seiner Gags kommt er erschreckend schwach herüber, schauspielerisch spielt er ohnehin durch seine Rolle hindurch. Bei Krömers ewig feixenden Gesicht weiß man nicht einmal, ist es nun Maske oder selbstdarstellerische Verkrampfung? Sein Zungenfehler dürfte jedoch echt sein, obwohl böse Zungen behaupten, auch der gehöre zu seiner Marketingstrategie. Krömer mag die harte Gangart. Ist es innerer Zwang oder narzisstische Störung? Fremdschämen ist angesagt. Immerhin, Dank der tätigen Mithilfe seines Senders RBB darf er sogar das Trash-TV der Privaten unterbieten. Zwischenzeitlich wurde Krömer allerdings in einigen ARD Sendern intern schon als Auslaufmodell gehandelt, und das nicht nur aufgrund seiner spärlichen Quote. Vielleicht sitzt seinen Gag-Schreibern deshalb nicht der Schalk, sondern die Angst im Nacken. Nicht selten beobachtet man bei den Öffentlich-Rechtlichen das Phänomen, dass abgeschriebene Moderatoren sich durch betont abwertende Äußerungen bei den Privaten empfehlen wollen, deren Programm naturgemäß reißerischer daherkommt.

    Der lange Marsch durch die öffentlich-rechtlichen TV-Institution hat sich für den Neuköllner bis dato jedenfalls gelohnt. Was Krömer als Künstler nicht gelingen will, wird nun mal im Medienbusiness durch Beziehungen ausgeglichen. Es hat für ihn sogar zum Grimme-Preis gereicht. Natürlich hätte Krömer nie gewagt, eine Hasstirade wie auf Matussek, auf Harald Glööckler niederzudonnern. Angriffe auf einen Journalisten, der sich öffentlich zum Katholizismus bekennt, bringen nun mal von interessierter Seite viel Applaus ein. Auch das gehört zu Krömers Kalkül.

    Keine Frage, Matussek hätte wissen müssen, was auf ihn zukommt. Er wollte sein Buch präsentieren, das ist sein gutes Recht, das machen andere Autoren auch. Dass zur politischen Korrektheit zählt, Beleidigungen und Perversionen zu schützen und Persönlichkeitsrechte zu verletzen, ist die andere Seite, die uns das Lehrstück Matussek gegen Krömer zeigt. Matussek hat nun die Produktionsfirma aufgefordert, seinen Part aus der Sendung herauszuschneiden. Doch die blockt ab. „Der Dialog auf der Bühne zwischen Matussek und Krömer ist von der Kunst- und Satirefreiheit gedeckt und muss als Ganzes betrachtet werden. Da kann man nicht einzelne Passagen herausschneiden“, sagt Krömers Anwalt Christian Schertz, der auch dessen Produktionsfirma vertritt. Die Kunst- und Satirefreiheit allerdings muss für alles herhalten. Damit entschuldigt auch Aktionskünstler Jonathan Meese seinen Hitler-Gruß, den er bei seinen Performances einsetzt. Die schleichende Nazifizierung von Kunst und medialer Kultur wird in Form menschenverachtenden Verhaltens und billiger Provokation gefährlich vorangetrieben. Krömer ist nur ein blasses Beispiel mehr für den Verfall des abendländischen Wertekanons. Wenn sich Matussek von Krömer beleidigt fühlt, hat er recht. Ob er vor Gericht Recht bekommen wird, steht auf einem ganz anderen Blatt.

    „Für die Nachbarn an den Bildröhrenendgeräten zu Hause gilt: Ab dem 10. August samstags zur Prime Time Das Erste einschalten! Wie immer, nach dem ,Wort zum Sonntag‘ – dieses Mal vielleicht sogar pünktlich!“, bewirbt der RBB Krömers Peinlichkeitstalk. Weise Fernsehnutzer werden sich in den Gartenstuhl setzen und den Nachthimmel betrachten. Das ist erbaulicher und kommt dem Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen näher.