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    In der Schule des leisen Denkers

    Man muss Joseph Ratzinger zu den großen Denkern unserer Zeit rechnen, ein Denker zudem, der für die Kultur des Lebens steht. Das ist kein Zufall. Weil er sein Denken eben nicht im Atheismus verortet, blieb ihm der zerrüttende Pessimismus erspart, den die ganze Garde nachexistenzialistischer Philosophen in den Zynismus trieb. Spätestens seit die hohe Kunst der Philosophie von Rousseau und Voltaire und in deren Nachfolge von Marx und Nietzsche zum politisierenden Krakeel herabgewürdigt wurde, verlor sie ihren letzten Grund. Auf diese Art verstümmelt, blieb und bleibt sie nur noch in der Lage, marktschreierisch von rechts und links Parolen in die Köpfe der meistens gar nicht so klugen intellektuellen Nachplapperer zu donnern. Wie angenehm da, den leisen, aber bestimmten Tonfall von Denkern zu hören, die ihre Stimme gegen die Verwerfungen unserer Zeit erheben. Kierkegaard vermochte es, manchmal mehr zögernd als selbstbewusst. John Henry Newman vollbrachte es brillant, getragen von geistiger Aristokratie. Und in besonderer Weise Edith Stein mit ihrem ganzen Weisheitsschatz und der Größe einer gottbeseelt Glaubenden. Ecce deus, ecce homo.

    Passend zu Raffaels „Philosophenschule“ konnte man mit Benedikt XVI. im Vatikan einen brillianten Denker bewundern. Foto: IN

    Man muss Joseph Ratzinger zu den großen Denkern unserer Zeit rechnen, ein Denker zudem, der für die Kultur des Lebens steht. Das ist kein Zufall. Weil er sein Denken eben nicht im Atheismus verortet, blieb ihm der zerrüttende Pessimismus erspart, den die ganze Garde nachexistenzialistischer Philosophen in den Zynismus trieb. Spätestens seit die hohe Kunst der Philosophie von Rousseau und Voltaire und in deren Nachfolge von Marx und Nietzsche zum politisierenden Krakeel herabgewürdigt wurde, verlor sie ihren letzten Grund. Auf diese Art verstümmelt, blieb und bleibt sie nur noch in der Lage, marktschreierisch von rechts und links Parolen in die Köpfe der meistens gar nicht so klugen intellektuellen Nachplapperer zu donnern. Wie angenehm da, den leisen, aber bestimmten Tonfall von Denkern zu hören, die ihre Stimme gegen die Verwerfungen unserer Zeit erheben. Kierkegaard vermochte es, manchmal mehr zögernd als selbstbewusst. John Henry Newman vollbrachte es brillant, getragen von geistiger Aristokratie. Und in besonderer Weise Edith Stein mit ihrem ganzen Weisheitsschatz und der Größe einer gottbeseelt Glaubenden. Ecce deus, ecce homo.

    Es war klar, dass die Theologie nach Auschwitz nicht dieselbe sein konnte wie die davor. Das Fundament der Menschlichkeit war nachhaltig zerstört durch die Ermordung von sechs Millionen Juden durch das deutsche Terrorreich. Schon als Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation schreibt Joseph Ratzinger in einem Beitrag für die Vatikanzeitung „L'Osservatore Romano“, die Juden hätten keine andere Religion, sondern seien das Fundament des Glaubens. An anderer Stelle betont er die Notwendigkeit, eine größere Wertschätzung und Liebe gegenüber den Juden zu zeigen. „Es ist die Aufgabe von uns Christen in dieser Zeit, unseren Gottesbegriff in den Streit um den Menschen hineinzustellen“, führt er in „Werte in Zeiten des Umbruchs“ aus. Nein, ein deutscher Denker ist er nicht, dazu ist er viel zu katholisch, im besten Sinne, alles umfassend. Nie ist er jemand, der in stiernackiger Selbstgerechtigkeit ein „Hier stehe ich und kann nicht anders“ gen Himmel schleudert. Der feingliedrige, feinsinnige Geistliche, ein Dialektiker von thomistischer Gedankenschärfe und der analytischen Brillanz eines Augustinus, spricht mit der Begnadung des Bewahrers von Kultur und Leben, was ihm schon als Kardinal großes Lob vonseiten des Schriftstellers Botho Strauß einbrachte, der den zeitentrückten Mut, den man für eine solche Haltung braucht, hellsichtig erkannte. Und dennoch ist er ein Reformator, wenngleich ein abwägender, der immer Gottes Wort ins Zentrum setzt. So schärft er die Konturen, mehr als die schnell verpuffenden Wutreden der Atheisten es jemals vermöchten. Wenn Ratzinger über die Welt nachdenkt, tut er es nicht in deren diesseitsverhafteter autistischer Selbstbespiegelung. Hier liegt vielleicht der entscheidendste Unterschied zwischen der Symbiose von Glauben und Denken und den Wahrnehmungskonventionen, die man uns heute vonseiten der politisch Korrekten aufzwingen will.

    Die hochentwickelten Technokratien scheinen nur eine Kultur des Todes entwickeln zu können – jenseits der Kult-Schönheit, wie sie im „Geist der Liturgie“ beschrieben ist. Wir erkennen die Laster dieser Neuen Weltordnung, der Diktatur des Relativismus, die Exzesse und Perversionen, den Machbarkeitswahn und die – virtuellen – Rampen, die längst aufgebaut sind, um Selektionen vorzunehmen. In unserer Golgatha gewordenen Zeit dominiert die kalte, ignorante Intelligenz, durch die der Mensch nur Selbstzweck wird. Wortkrämerseelen wie Singer, Rorty oder Sloterdijk versuchen uns einzubläuen, der Mensch habe nach seinem Maßstab die Welt neu zu konstruieren. Huxleys beängstigende Prophetie, der Mensch werde nicht mehr gezeugt, sondern industriell produziert, wird zusehends Realität. „Aber wird eine so gegründete Weltordnung nicht doch zu einer Utopie des Schreckens?“, fragt Joseph Ratzinger (in: „Werte in Zeiten des Umbruchs“). Obschon oder gerade weil einige Theologen Satan weggekürzt haben, sei das Bild erlaubt, diese Utopie des Schreckens ist vehement dabei, das Reich des Bösen zu schaffen. Kein Zufall. Nach den Modernisierungs- und Emanzipationsschüben des 20. Jahrhunderts tritt das spirituelle Defizit als kollektiver Erlebniswunsch auf, der sich in nacktem Egoismus entlädt. Da bieten die Schaufensterverheißungen der Esoterik-Industrie einen bunten Strauß Religionssurrogate, die „Zeit und Zorn“ (Sloterdijk) entgegenspiegeln, als bliebe dem irdischen Leben kaum mehr als die Wahl zwischen einem Genussleben und Nichts. Spirituelles Bungee-Springen verleiht jene Luststeigerung, die dem Lebensstil intellektueller Bonvivants entspricht und beim Besuch in der Spiritisten-Sauna ausgeschwitzt werden kann. Switch-on-Menschen wechseln ihre Religionen wie Kleidung, Perücken und demnächst ihr Geschlecht. Diese Entwicklung ist der Zinsertrag aus den 30 Silberlingen des Materialismus, der vom Manchester-Kapitalismus und Marx gleichermaßen ausging. Doch selbst in unserer Epoche, die möglicherweise die „Letzten Tage der Menschheit“ (Karl Kraus) beschreiben mag, bleibt die Sinnsuche nach dem Ganzen, dem heilend Verstehenden, dem Heiland.

    Was Menschsein ist, der Philosoph und Theologe Ratzinger drängt darauf, ist nicht nur ein kurzes Lebensglück, sondern es erfordert, Gott mit ins Sein hineinzunehmen, denn: „Gott ist die Liebe“. Wo diese Perspektive in der modernen Literatur auftaucht, wird auch Benedikt XVI. zum begeisterten Leser: Hanns-Josef Ortheils „Die Erfindung des Lebens“ ist so ein Buch, das der Papst mag, weil darin der Glaube aufscheint, dass alle Schicksalsschläge und Verwundungen zum Guten gewendet werden können.

    Doch Benedikts erste Enzyklika geht noch weiter, appelliert sie doch nicht nur an den Akt des Glaubens. Sie will auch unser Denken erlösen, indem sie uns verdeutlicht, dass unser Ursprung von unserem göttlichen Ursprung herrührt, wie alles Leben selbst. Wir können eben nicht, wie die kruden Denkakte der Materialisten es versuchen, das Nichts denken, ohne in eine Kultur des Todes zu verfallen. Ratzinger spricht von der Herzenskälte der Technokratie, die dem Machbarkeitswahn verfallen, und in der sich der Mensch fremd geworden ist. Doch er bleibt nicht im Analytischen stecken. Er betont den Gegensatz, die Frohe Botschaft. Sie ist eine Kraft, „die auch für den Nichtglaubenden etwas zu geben hat und ihm die Zuversicht gibt, dass die totalitären Mächte nie ganz das Feld beherrschen können“, sagt er im Gespräch mit Peter Seewald („Salz der Freiheit“).

    Katholisch sein heißt, den Adel der Seele erkennen: Jesus ist Gottes Sohn. Jesus ist wiederauferstanden, und nur mit ihm können wir wiederauferstehen. Jesus ist in den Himmel aufgefahren. Daran lässt der scheidende Papst ebenso wenig Zweifel wie an der Unbefleckten Empfängnis. Ein halber Glaube ist eben kein richtiger Glaube, und aus Lauheit zu Parteigängern der Neuen Weltreligion zu werden, heißt Verrat an Gott üben. In dieser Deutlichkeit muss man es in diesen Tagen wohl sehen, wo sich die Gegenkräfte zusammenschließen und sich die Stimmen mehren, die Gottes Gebote verramschen wollen, als wären sie Tafelsilber oder Talmi. Doch Gott lässt sich weder verheimlichen noch abstreiten. Selbst in der Verleugnung Gottes steht das Kreuz. Nur Gott kann unsere Seele über die Verwerfungen der Welt erheben. „Die Aufgabe der Theologie (...) ist gerade das immer neue Fragen nach Gottes Antlitz ,bis er kommt‘ und selber alles Fragens Antwort ist.“ Mit diesen Worten schließt der junge Professor Joseph Ratzinger seine Antrittsvorlesung, die er am 24. Juni 1959 anlässlich seiner Berufung auf den fundamentaltheologischen Lehrstuhl der Universität Bonn hielt. Dieser Hinweis auf den menschenzugewandten, liebenden Gott zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk. Ratzinger greift immer wieder darauf zurück, denn Gott „liebt uns, lässt uns seine Liebe sehen und spüren, und aus diesem Zuerst Gottes kann auch in uns die Liebe aufkeimen“. Diese tiefe Spiritualität im Denken Benedikts XVI. bringt es fertig, selbst Ungläubige anzurühren und in ihnen ein Licht zum leuchten zu bringen, das nicht wie ein Blitz einschlägt, nicht gleich einem Meteor flüchtig aufglimmt, sondern vielmehr die Gottesliebe als Licht des Lebens zum Strahlen bringt.

    Das Ohr, mehr noch das Herz des anderen zu erreichen, dazu trägt bei Ratzinger nicht zuletzt seine hohe Sprachkunst bei. Einmalig, wie in seinen Texten das Wort lebendig wird, zum „Nichtwort“, wie die Lyrikerin Hilde Domin sagt, also zu etwas, das übersprachlich lebendig wird und uns sinngreifend in unserer Seelentiefe berührt. Etwas wie ein Same, von der Trägerschaft des Heiligen Geistes in unser Herz gesät, wo es Frucht bringt, und selbst beim gottfernen oder kirchenkritischen Leser noch Emotion weckt, weil es sich nicht als Weihrauchphilosophie abtun lässt. Nicht den moralischen Zeigefinger erhebt der scheidende Papst zum Maß, sondern die Kraft der Argumente. Den „Kreuzweg unseres Herrn“ schreibt der Musikliebhaber und „Mozart der Theologie“ wie eine Fuge: „Wir können auch an die spätere Geschichte denken – daran, wie die Christenheit des Glaubens müde den Herrn verlässt...“, und „...ein neues, schlimmeres Heidentum baut, Gott endgültig abschieben will und damit dabei ist, den Menschen abzuschaffen.“ So vollzieht er den Spagat zwischen unbewältigter Vergangenheit und kaum zu bewältigender Zukunft. Aber ein paar Zeilen weiter wird wieder Licht, wenn es in einem Anruf an Gott heißt: „Gib uns Hoffnung in aller Dunkelheit, damit wir Hoffnungsträger werden für die Welt“.

    In dieser Dialektik steht unsere Verantwortung für die Kirche, die Gottes Pflanzung ist, aber eben auch „in unsere Hände gegeben, sodass das Unkraut den Weizen überwuchern, der Ölbaum in die Blätter schießen und fruchtlos bleiben kann“ („Credo für heute“). Gerade jetzt bedarf es der Sinngebung durch lebendigen Glauben: „Das Wissen um Verwandlung gehört zu den Urgegebenheiten des eucharistischen Glaubens“, schreibt er in „Gott ist uns nah“. Eucharistie, das heißt Selbstheilungskräfte stärken. Dazu gehört, das „schlingernde Schifflein Petri“ auf Kurs zu halten, denn christliche Werte sind nicht verhandelbar. Die Heilige Schrift ist kein Wegwerfprodukt, das recyclebar oder auf politisch korrekt zu trimmen ist. Die Mission der Kirche besteht nicht darin, dem politischem Mainstream nachzugeben, sondern das heilige Wort Gottes, das sie von Christus bekommen hat, weiterzutragen. Trägerin ist und bleibt die katholische Kirche in ihrer Verfasstheit, wie Jesus sie gestiftet hat. Daran hat Benedikt XVI. keinen Zweifel gelassen. Auf Peter Seewalds Frage: „Glauben Sie, dass das Papsttum bleibt, wie es ist?“, hat er geantwortet: „In seinem Kern wird es bleiben. Das heißt, dass ein Mensch notwendig ist, der als Nachfolger des heiligen Petrus dasteht und eine personale Letztverantwortung trägt.“ Nur allzu offensichtlich ist, dass wir das nie aus den Augen verlieren dürfen.

    Es gibt Autoren, die sprechen mit uns, mehr noch, scheinen förmlich „im Raum“ zu sein, während wir in ihren Werken lesen. Heimatgebende Werke. Teresa von Avila gehört dazu oder Angelus Silesius, auch Augustinus oder Edith Stein. Die Genannten mögen gegensätzlich erscheinen, aber eine Kraft spricht aus ihnen, die uns sagen lässt: Danke, dass du da bist. Geht es uns nicht genauso bei diesem stillen Mann aus Marktl am Inn, der sein Verantwortungsgefühl immer über seine Karriere stellte? In tiefer Glaubensgewissheit hat dieser große Gelehrte, als er am vorigen Sonntag um 12 Uhr gemeinsam mit den auf dem Petersplatz versammelten Gläubigen den Angelus betete, in seiner Ansprache die Episode der Verklärung Jesu kommentiert. Man führe sich diese Station auf dem Lebensweg Christi nur deutlich vor Augen. Nichts sind die Reiche dieser Welt, aber das Reich Gottes ist alles, dagegen zerfällt jede Versuchung. Man darf kühn den Bogen zu dem Jesus-Wort schlagen: „Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwinden“. Es kann nur diesen einen Felsen geben. Auch die Nachfolge Christi ist nicht verhandelbar. Sie ist echt oder sie ist nicht. Benedikt XVI. bestätigt es uns durch diesen Kommentar. Er war und ist eben nicht nur der reine Vernunftmensch, für den viele Schubladendenker ihn halten, sondern ebenso ein begnadeter Mystiker. Nun schweigt er. Aber nein, er schweigt nicht, er betet. „Beten bedeutet auch nicht, sich aus der Welt und ihren Widersprüchen zurückzuziehen, wie Petrus auf dem Berg Tabor es gern getan hätte; stattdessen führt uns das Gebet zum Weg zurück, zur Aktion“, das hat er ebenfalls nach dem Angelus-Gebet gesagt. Man darf nicht meinen, er hätte den Kreuzweg verlassen. Er trägt das Kreuz für uns weiter. Und sein Wort wird weiter gehört werden.