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    In das brausende Pfeifenwerk einsteigen

    Jahrelang gab es Baustellen im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, und das Freiburger Augustinermuseum war zuletzt sogar völlig geschlossen. In diesen Tagen sind die Bauleute an beiden Orten ausgezogen, um einem staunenden Publikum Platz zu machen.

    Jahrelang gab es Baustellen im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, und das Freiburger Augustinermuseum war zuletzt sogar völlig geschlossen. In diesen Tagen sind die Bauleute an beiden Orten ausgezogen, um einem staunenden Publikum Platz zu machen.

    In Nürnberg wird das Panorama der Epochen der Renaissance, des Barock und der Aufklärung in neu gestalteten Räumen gezeigt. Die wichtigsten Gemälde erhalten jetzt Tageslicht von der mit Milchglas verkleideten Decke und zusätzliches Kunstlicht, das eine raffinierte Elektronik je nach Witterung zumischt. Die Wände in den Renaissanceräumen sind in blau gehalten, das Barock erscheint vor rosa Hintergrund. Gemälde und Skulpturen verschiedenster Herkunft werden jetzt gattungsübergreifend zusammen mit Mobiliar, Geräten und Musikinstrumenten aus der gleichen Zeit vorgestellt. Den Anfang machen die Kaiserbilder Albrecht Dürers zusammen mit plastischen Arbeiten und Entwürfen von seiner Hand, um den uomo universale AD anschaulich zu machen.

    Mit dem Umbau wurde auch Platz für bisher magazinierte Schätze geschaffen. So war das über vier Meter hohe Rosenkranzretabel aus Welschtirol (spätes 16. Jahrhundert) noch nie öffentlich zu sehen. Es stellt eine vergoldete Architekturfassade mit 17 Fenstern (und einem jetzt leeren Portal) dar. Cristoforo und Giandomenico Bezzi aus dem Sulztal bei Trient versahen die architektonischen Elemente reichlich mit geschnitzten Ornamenten, während sie die Fenster mit kleinteiligen, farbig gefassten plastischen Szenen aus dem Marienleben ausfüllten, deren jede bereits ein Bildwerk für sich ist. Solche Marienaltäre waren nach der Einführung des Rosenkranzfestes durch Papst Pius V. (1572) in der Südalpenregion häufig. Leider haben ikonoklastische Barbaren vielen der kleinen Figuren die Köpfe oder Hände abgerissen, dem Gesamteindruck des repräsentativen Retabels aber damit nicht schaden können. Dieses vervollständigt jetzt würdig die Reihe der kostbarsten Exponate des Germanischen Nationalmuseums.

    Knapp zweihundert Jahre später (1785) schuf in Paris Ignaz Christoph Russinger (1764–1799) eine überlebensgroße Porträtbüste seines Vaters Laurentius Russinger (1739 bis nach 1810), wahrscheinlich als Tonmodell für einen Bronzeguss. Was, so mag der Besucher des „Germanischen“ fragen, sucht eine in Paris geschaffene Plastik in diesem Museum? Der deutsche Name bringt uns auf die Spur: Der dargestellte, energisch blickende und leger mit offenem Kragen gekleidete, ausgesprochen schöne Mann war vor seiner Pariser Zeit der Modellmeister der kurmainzischen Porzellanmanufaktur in Hoechst, dessen Porzellanfiguren dort heute noch von seinen Modellen abgeformt und vertrieben werden. 1771 ging er nach Paris an die Manufacture de porcelaine allemande de la Cortille, deren Leitung der geschäftstüchtige Künstler später übernahm. Russinger steht für den Menschen der Aufklärung, der enge Grenzen durchbricht und die Welt geistig, künstlerisch und unternehmerisch neu in Besitz nimmt. Solches kann man in Nürnberg bei Führungen hören, direkten oder auch elek-tronischen. Gerne begegnet man auch alten Bekannten, so dem von Bienen geplagten kleinen „Amor als Honigdieb“, den Lukas Cranach d. Ä. (1472–1553) nach 1537 seiner nur zart umschleierten Venus beigegeben hat. Wie der freche kleine Amor für seinen Honigdiebstahl mit schmerzhaften Stichen bestraft wird, so die Moral von der Geschichte, werde auch der Mensch bestraft, wenn er die Grenzen der Sittlichkeit im Bereich der Erotik übertrete. Der Moral dürfte das Bild gedient haben, und vielleicht sollte eine entschleierte Venus den „Hingucker“ dafür machen.

    Mit dem Pendant zu diesem Amor sei die Überleitung nach Freiburg gegeben, wo als kleine Kostbarkeit ein kaum ein Jahrzehnt zuvor gemalter Amor, technisch weniger glatt, dafür aber umso ausdrucksstärker sein tollkühnes Spiel treibt. Es ist der um 1530 in Straßburg von Hans Baldung Grien (1484/85–545) gemalte „Amor mit dem flammenden Pfeil“, der Rest eines mythologischen und wahrscheinlich auch erotischen Bildes: Die Hand des umtriebigen kleinen Schützen greift in einen Pelz, den er möglicherweise listig einer Venus, deren Hinterkopf gerade noch angeschnitten ist, wegzieht. Das zwiespältige Wesen des verschmitzten Knaben, der nach Platon das Resultat einer Mesalliance zwischen dem Gott Poros, dem reichen Alleskönner und Playboy, und der Penia, der menschlichen Armut, sein soll, wird optisch bereits an der verschränkten Haltung seiner Arme deutlich: Der rechte mit dem Feuerpfeil weist nach links hinten, und der linke sozusagen überkreuz nach rechts vorne. Man meint, Ovid hinter ihm raunen zu hören: „Odi et amo!“, „ich hasse und liebe“. Über seinen schön gefiederten Engelsflügeln blickt er mit lüsternen Lippen auf seine Betrachter, um sie zu verführen – in den Himmel oder die Hölle des Eros.

    In Freiburger Augustinermuseum wurden massive bauliche Veränderungen vorgenommen. Es galt Flächen und Pfeiler für die Exponate zu schaffen, und der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler hat in und vor den marode gewordenen Mauern der alten Bettelordenskirche aus dem 13. Jahrhundert, die zuweilen militärisch und als Theater und erst seit dem Zweiten Weltkrieg als Museum genutzt worden war, ein Wunderwerk geschaffen. In den alten Kirchenraum wurden Pfeiler eingezogen, an denen jetzt zehn der bis zu vier Meter hohen originalen Prophetenfiguren vom Freiburger Münster stehen, während an der Stirnseite an einer eingezogenen Wand die Marienkrönung Platz gefunden hat. Auf diese Weise ist ein hoher, feierlicher, kirchenähnlicher Raum entstanden. Ganz oben ragen die acht monumentalen Wasserspeier vom Münsterturm drohend herein, die die acht Todsünden darstellen. Diese und die Propheten lassen sich von fast allen Seiten betrachten, denn zwischen den Säulen und in der darüber befindlichen Wand erlauben Durchbrüche den Einblick. Dahinter befinden sich jetzt weitere Ausstellungsräume.

    Während die Fülle der Exponate in Nürnberg noch immer eine relativ dichte Hängung erfordert, gewinnt man den Eindruck, dass in Freiburg um fast jedes Ausstellungsstück ein eigenes Gehäuse entstanden ist. Das gilt besonders auch für die Kaiserfenster aus dem Münster (Maximilian I. und sein Enkel Philipp I. von Spanien) im neuen Vorbau.

    Selbst „der schönste Turm der Christenheit“, nämlich der des Freiburger Münsters, ist in den Neubau des Augustinermuseums einbezogen worden, denn eine Art Kanzel eröffnet im Oberteil des Neubaus den Ausblick auf den (zur Zeit mit einem Gerüstkragen umkränzten) Turmhelm.

    Und die Welte-Orgel aus Gengenbach, deren Prospekt bisher schon den zentralen Museumsraum schmückte, ist wieder bespielbar. Alter Freiburger Tradition entsprechend geht das auch automatisch aufgrund einer besonderen Mechanik. Man kann – unter Führung – in das Pfeifenwerk einsteigen und sich brausend umspielen lassen.

    Ebenso wie das Freiburger Münster seit jeher eine Bürgerkirche war, ist das Augustinermuseum ein Bürgermuseum. Mit vier Katalogen bietet ein „Kuratorium Augustinermuseum“ Patenschaftsobjekte für „Kunst aus dem Münster“, „Faszinierende Bauteile“, „Alltag in der Region“ und „Landschaft und Natur“ an, die von nah und fern kräftig mit Spenden nachgefragt werden. So wartet „Der Sündenfall“ – von dem nur mit seinen Initialen bekannten Meister H. L. (Breisacher Altar) –, jene berühmte kleine, in Buchsbaum geschnitzte Gruppe, noch auf einen Paten, vielleicht auch nur für ihre bessere Ausleuchtung, denn jetzt steht sie zu dunkel.

    Im Kellergeschoss hat man noch Platz für einen Ausstellungs- und Vortragsraum gefunden, und am 27.11.2010 geht es dort los mit „Freiburg baroque“, einer Schau über den Bildhauer und Maler Johann Christian Wentzinger (1710–1797), der die Innenausstattung der ehemaligen Benediktiner-Stiftskirche St. Gallen geschaffen hat. Eine Reise nach Nürnberg und nach Freiburg wird sich lohnen.

    Von Hans-Bernhard Wuermeling