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    Im stillen Gebet vor dem „Heiligen Gesicht“

    Das Pontifikat Benedikts XVI. ist durchzogen von Sätzen, in denen er immer neu an das „menschliche Gesicht Gottes“ im Antlitz Jesu erinnert. Es ist das innerste Kennzeichen der Christenheit. Denn nur wir Christen behaupten ja, das wahre Gesicht Gottes zu kennen. Das gibt es in keiner anderen Religion. Im Gegenteil, dieser Glaube ist bis heute für einen Großteil der Menschheit eine unerträgliche Provokation. Dennoch hielt Benedikt XVI. auf rätselhafte Weise daran fest. Der Moment freilich, der mich in seinem Pontifikat, dem ersten Pontifikat des neuen Jahrtausends, am meisten berührt hat, waren jene Minuten, wo der wortgewaltige Kirchenlehrer nicht sprach, sondern wo er schwieg. Das war, als er am 1. September 2006 staunend – und so schweigend wie kürzlich am 28. Juli Papst Franziskus in Auschwitz – im Gebet vor dem „Heiligen Gesicht“ in Manoppello verharrte. Das hatte vor ihm seit über 400 Jahren kein Papst mehr getan.

    „Minuten, wo der wortgewaltige Kirchenlehrer nicht sprach, sondern schwieg“: Papst Benedikt XVI. in Manoppello. Foto: Osservatore Romano

    Das Pontifikat Benedikts XVI. ist durchzogen von Sätzen, in denen er immer neu an das „menschliche Gesicht Gottes“ im Antlitz Jesu erinnert. Es ist das innerste Kennzeichen der Christenheit. Denn nur wir Christen behaupten ja, das wahre Gesicht Gottes zu kennen. Das gibt es in keiner anderen Religion. Im Gegenteil, dieser Glaube ist bis heute für einen Großteil der Menschheit eine unerträgliche Provokation. Dennoch hielt Benedikt XVI. auf rätselhafte Weise daran fest. Der Moment freilich, der mich in seinem Pontifikat, dem ersten Pontifikat des neuen Jahrtausends, am meisten berührt hat, waren jene Minuten, wo der wortgewaltige Kirchenlehrer nicht sprach, sondern wo er schwieg. Das war, als er am 1. September 2006 staunend – und so schweigend wie kürzlich am 28. Juli Papst Franziskus in Auschwitz – im Gebet vor dem „Heiligen Gesicht“ in Manoppello verharrte. Das hatte vor ihm seit über 400 Jahren kein Papst mehr getan.

    Es war ein leiser Quantensprung der Kirchengeschichte, und ein unbemerkter Epochenwechsel, den ich als Korrespondent der WELT begleitete. Und diese konkrete Begegnung beschrieb ich damals in meinem Bericht nach Berlin so: „Vor dem Bildwunder des heiligen Gesichts faltet der Papst die Hände und schaut nur. Die Finger der Hände ineinander verwoben. Regungslos, ernst, versunken, mit weit offenen Augen, schweigend, schauend, eine Minute, zwei, drei, vier – eine Ewigkeit. Ein Chor von Seminaristen singt unter ihm ein Lied der kleinen Therese von Lisieux, der Heiligen ,vom heiligen Angesicht‘, das die Schönheit von Jesu Angesicht immer neu besingt, die ,ihr Herz entführt habe‘, immer und immer wieder: ,O Volto Santo di Gesu ...‘ Der Papst schaut. Bewegen sich seine Lippen? Er steht aufrecht, aufmerksam, schweigend. Als ihn ein Begleiter wieder die Stufen hinabführen will, winkt er mit der rechten Hand unwillig ab und bleibt weiter stehen, und schaut, noch einmal eine kleine Ewigkeit. Schließlich bekreuzigt er sich, geht vorsichtig die Stufen hinab, dann zum Altar zurück und ergreift das Wort. ,Während meines kurzen Verweilens im Gebet dachte ich an die zwei Apostel, die Jesus in der Nähe des Jordans folgten und fragten: ,Rabbi, wo wohnst du?‘ Und er: ,Kommt und seht.‘ An diesem Tage folgten sie Jesus und machten eine unvergessliche Erfahrung, die sie dazu brachte zu sagen: ,Wir haben den Messias gefunden.‘ Plötzlich hatten sie die wahre Identität dessen erkannt, den sie vorher nur einfach als Meister und Rabbi wahrgenommen hatten.“

    Es war die erste selbst gewählte Reise Benedikts XVI. innerhalb Italiens. Seinen „privaten Besuch“ hatte er gegen viele Widerstände im Vatikan unternommen, die auch in Manoppello noch mit strengem Reglement darauf achteten, dass er dem Bild bei dieser Begegnung wegen der vielen Kameras nur ja nicht zu nahe kam. Es half nichts. Er kam dem „Heiligen Gesicht“ dennoch nah genug für unvergessliche Fotos und Filmaufnahmen. Es war ein „point of no return“.

    Mehr als dreihundert Medienvertreter und rund siebzig Fernsehsender aus aller Welt hatten bis zum Abend die Kenntnis der Existenz des Heiligen Gesichts von Manoppello mit tausenden Bildern erstmals auf ein planetarisches Niveau erhoben, von Helsinki bis Feuerland. Von allen fünf Kontinenten bis zu den fernsten Inseln machen sich seitdem Ströme von Pilgern auf in die Abruzzen, zu einem bis dahin höchst einsamen Hügel hinter Manoppello. Denn der geheimnisvolle Schleier, der sich hier bestaunen und verehren lässt, ist in Wahrheit das Sudarium (oder Schweißtuch), das der Evangelist Johannes in seinem Bericht der Auferstehung Christi von den Toten prominent und erstmals erwähnt, und es befindet sich seit dem 16. Jahrhundert hier versteckt in einem Konvent vor dem Abruzzenstädtchen. Von den Stufen der Basilika am Rand der Wildnis des Majella-Massivs lässt sich das Meer quasi riechen, auch im Hochsommer weht hier immer ein frischer Wind.

    In der Öffentlichkeit Europas und im Raum der römisch-katholischen Kirche tauchte dasselbe Bild aber erstmals in Rom auf, am 20. Januar 1208, als Papst Innozenz III. dort das „Sudarium Vaticanum quod Veronica vocatur“ (das Vatikanische Schweißtuch, das Veronika genannt wird) feierlich vom alten Petersdom in das Hospital Santo Spirito in Sassia trug. Es ist ein überaus zarter Schleier aus Muschelseide, ohne alle Farbspuren, der sich wegen der Beschaffenheit des kostbaren Materials auch gar nicht bemalen lässt. In unserer Zeit hat erstmals der Kapuzinerpater Domenico da Cese in den 1970er Jahren entdeckt, dass es sich bei dem Gewebe alternativlos um nichts anderes als um das gefaltete Sudarium (oder Schweißtuch) Christi handeln kann, von dem der Evangelist Johannes in seinem Bericht der Auferstehung Jesu von den Toten (in seinem 20. Kapitel) erstmals prominent berichtet, wo Petrus und Johannes es in dem leeren Grab erblickten, „abseits“ von der Felsbank, auf der sich noch das große leere Leichentuch befand.

    Was Johannes aber mit einem Sudarium genau meint, hat er – wie um spätere Missverständnisse und Fehlinterpretationen schon vor rund 2 000 Jahren auszuräumen – wenige Seiten vorher bei seinem Bericht der Auferweckung des Lazarus von den Toten – mit folgenden Worten klar definiert, im 11. Kapitel seines Evangeliums. „Da nahmen sie den Stein weg“, lesen wir da und weiter: „Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herum steht, habe ich es gesagt; denn sie sollen glauben, dass du mich gesandt hast. Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen!“ Das heißt, das Schweißtuch hatte in dem Sinn, in dem Johannes den Begriff benutzt, mit Schweiß nichts zu tun. Es war nichts anderes als ein feiner Schleier, der auf das Gesicht des Toten gelegt wurde, nach jenem antiken jüdischem Brauch, wie ihn der heilige Johannes Paul im April 2005 für seine eigene Beerdigung wieder eingeführt hat.

    War es aber so, dann hat das Sudarium des Johannes auch im Grab Jesu ebenso auf dem Gesicht des Herrn gelegen wie zuvor auf dem des Lazarus, also über Augen, Nase und Mund. Und wenn der Schleier in Manoppello tatsächlich mit diesem Sudarium identisch ist – wofür eine große Zahl weiterer und höchst vernünftiger Argumente sprechen – dann hat dieser Schleier den ersten Atemzug des Auferstandenen bei seiner Erweckung von den Toten durch den Heiligen Geist aufgenommen wie eine Art himmlischen Löschpapiers – ähnlich wie es mit dem Umhang des heiligen Juan Diego am 12. Dezember 1531 am Stadtrand von Mexiko geschah, nachdem die Madonna diesen Stoff aus groben Agavenfasern bei ihrer letzten Erscheinung auf dem Tepeyac-Hügel angehaucht hatte – und auf dem wir seitdem das Bild der Jungfrau von Guadalupe erblicken.

    Wie das Porträt des „Heiligen Gesichts“ in das spinnwebenfeine Gewebe von Manoppello gekommen und entstanden ist, kann jedenfalls kein Mensch erklären. Dennoch bezeugt es das Ereignis jenes heiligen Erwachens aus dem Todesschlaf zum Leben auf so eindrückliche und deutliche Weise, wie die vielen Blutspuren auf dem Turiner Grabtuch von der Passion und Kreuzigung Christi erzählen. Es gibt ernsthafte Stimmen, die deshalb von einer Art „Schechina“ in dem hauchdünnen Schleier dieses „barmherzigen Gesichts“ gesprochen haben, in Entsprechung zu der Vorstellung einer „weiblichen“ Gegenwart und Einnistung Gottes in die Materie, wie sie im Judentum seit dem hohen Mittelalter in Europa in theologischem Reflex auf die Marienverehrung der sie umgebenden Christen entwickelt und behauptet wurde.

    Gewiss ist nur, dass der Bildschleier des „Heiligen Gesichts“ bis zu den Verheerungen des sogenannten „Sacco di Roma“ im Mai 1527 in Sankt Peter in Rom verwahrt und verehrt wurde, wie zahllose Kopien aus den Jahrhunderten davor belegen, wobei die größte malerische Schwierigkeit aller Kopisten jener Tage darin bestand, gleichzeitig das Antlitz Christi und die Transparenz des Schleierbilds darzustellen. Dieses durchsichtige Leuchten, das sich heute in Manoppello auf so überwältigende Weise bestaunen lässt, war fast unmöglich darzustellen und dennoch das Kriterium Nummer 1, um eine heutige Identifizierung des „Volto Santo“ mit dem damals sogenannten Schleier der Veronika verlässlich vorzunehmen.

    Kein Werk aus Menschenhand kam zwar jemals auch nur ansatzweise an den stets als singuläres Objekt definierbaren Originalschleier heran. Dennoch sind eine genügend große Anzahl von Gemälden und sogar von Teppichen aus dem 13. bis zum 16. Jahrhundert auf uns zugekommen, in denen die Darstellung der Transparenz erstaunlich gut gelungen ist, von Meistern wie Johan Wolgemut, dem Lehrer Dürers, aus Nürnberg, bis zu dem Katalanen Joan Mates aus Barcelona oder Robert Campin aus Flémalle bei Lüttich im belgischen Wallonien.

    In dieser Welt des Westens tauchte dieser Schleier, wie oben gesagt, zum ersten Mal im Januar 1208 in der Öffentlichkeit auf, und zwar in Rom, in der Hand eines Papstes, als Innozenz III. (1198–1216) das Heilige Sudarium in einer Prozession persönlich und barfuß von Sankt Peter in ein nahes Pilgerhospital trug, 149 Jahre, bevor das Grabtuch Christi aus Turin erstmals im Jahr 1357 in Lirey in der Champagne durch den französischen Ritter Geoffroy de Charny öffentlich ausgestellt wurde. Im byzantinischen Raum der Ostkirche, wo beide Tücher das erste Jahrtausend verbrachten, lassen sich ähnliche Jahreszahlen viel schwieriger dokumentieren. Manche Theologen sprechen deshalb von einem „garstigen Graben“ in der Überlieferung zurück zu einer eher ungesicherten Herkunft der Grabtücher.

    Diesen Graben gibt es aber bei genauer Betrachtung nicht wirklich und er ist auch nicht unüberwindlich garstig und groß. Ein erst in jüngster Zeit wiederentdecktes Mosaik aus dem 3. Jahrhundert aus dem alten Edessa zeigt schon das aus Manoppello bekannte Christusantlitz und zeichnet den Weg des Tuches gewissermaßen bildlich nach, das vermutlich schon Anfang des 8. Jahrhunderts nach Rom gelangte. Und schon im 8. Jahrhundert beschrieb Amalarius von Metz (775–850), der führende Liturgiker der Karolinger, den üblichen Gebrauch einer „Sindone“ (also eines Grabtuchs) als Tischdecke für den Altar in der römischen Liturgie, die nach dem Willen Karls des Großen im ganzen Römischen Reich verbindlich werden sollte, und dazu eines mehrfach gefalteten „Sudariums“ als Corporale, das heißt als jenes Tüchlein, das von den Priestern nur noch mit Daumen und Zeigefinger angefasst werden durfte, sobald es einmal mit der konsekrierten Hostie in Berührung gekommen war.

    Christliche Liturgie überhaupt aber dürfen wir uns als so etwas wie die Festplatte aller kirchlichen Erinnerung vorstellen, die nie einfach gemacht, sondern immer geworden war von ihrem Ursprung in Jerusalem her. Liturgie weist immer auf diesen Ursprung und Anfang hin. Bis zur letzten Liturgiereform waren die Altäre in der alten römisch-katholischen Liturgie deshalb auch gar keine Tische, sondern Grabbänke, die allesamt jener Grabbank des Heiligen Grabes in Jerusalem nachgestaltet waren, auf der Jesu toter Leichnam sich am Ostermorgen in den Leib des auferstandenen lebendigen Christus verwandelte – so wie sich im Messopfer unter den Händen der geweihten Priester leblose Hostien immer neu in den lebendigen Leib des Herrn verwandeln.

    Das Grab in Jerusalem ist jedenfalls der vornehmste Brunnen aller christlichen Liturgie. Das verklärte Gesicht Gottes aus diesem Grab aber ist das unglaubliche Urmeter unseres Glaubens – für unsere und jede noch kommende Zeit. Es „vereint Leid und Licht so dicht, wie es nur die Liebe kann“, hat Erzbischof Bruno Forte vor zehn Jahren einmal zu diesem „Volto Santo“ gesagt. „Deus Caritas est“, Gott ist die Liebe, hatte Benedikt XVI. zuvor seine erste Enzyklika genannt, zu der er sich – wie er selber bei der Vorstellung des Schreibens sagte – auch durch Dantes „Göttliche Komödie“ inspirieren ließ, deren „kosmische Reise“ am Ziel vor das menschliche Angesicht Gottes führt. „Liebe ist die Blüte Gottes“, sagt hingegen die heilige Faustyna Kowalska, „Barmherzigkeit ist seine Frucht“. All dies findet sich eingeschlossen wie in einem Bernstein in jenem Blick, der uns aus dem Heiligen Schweißtuch so ruhig anschaut. Von der Sehnsucht nach diesem Gesicht sind die Psalmen und ist die ganze Bibel wie mit einem goldenen Faden durchzogen.

    Sollte die Welt noch 500 Jahre bestehen, werden unsere Bücher nach der Medienrevolution, deren Anfänge wir gerade erleben, wohl nur noch von Spezialisten gelesen werden können – so wie heute nur noch hochgelehrte Spezialisten die Handschriften des Mittelalters entziffern können. Aber auch dann noch wird das Erbe Benedikts XVI. jenes Gesicht Gottes sein, das er am 1. September 2006 in schweigendem Gebet wieder in die Kirche zurückgeholt hat, als unverwesliches Urmeter unseres Glaubens an die Menschwerdung, den Tod und die Auferstehung Gottes in Jesus Christus, unseren Herrn.