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    Im Pulverdampf der Kanonen ist ein Lebensgefühl versunken

    Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ging eine glanzvolle Epoche zu Ende. Die Belle Époque, wie sie im Nachhinein genannt wurde, überstrahlte ganz Europa. Berauschende Ballnächte, hell erleuchtete Caféhäuser, die Geburt des Feuilletons, begleitet von Jugendstil und aufbrechendem Lebensgefühl der Moderne, erfuhren im Pulverdampf des Krieges eine nachhaltige Veränderung.

    Auch ein Gesicht der Belle Époque: Zurück zur Natur gegen das Großstadtleben. Foto: Brück

    Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ging eine glanzvolle Epoche zu Ende. Die Belle Époque, wie sie im Nachhinein genannt wurde, überstrahlte ganz Europa. Berauschende Ballnächte, hell erleuchtete Caféhäuser, die Geburt des Feuilletons, begleitet von Jugendstil und aufbrechendem Lebensgefühl der Moderne, erfuhren im Pulverdampf des Krieges eine nachhaltige Veränderung.

    An die besondere Ära der Belle Époque erinnert die glanzvolle Sonderausstellung des Bröhan-Museum in Berlin, gefördert vom Hauptstadtkulturfond und durch die Freunde des Bröhan-Museums e.V.. Das ehemalige Privatmuseum und heutige Landesmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus nach seinem Gründer Karl-H. Bröhan benannt, ist einzigartig in Berlin, weil es in keinem Verbund steht und somit unabhängig agieren kann. Das gelbgestrichene Gebäude, im spätklassizistischen Stil erbaut, das als ehemalige Infanteriekaserne zum Ensemble des vis a vis gelegenen Schlosses Charlottenburg gehört, ist erst jüngst renoviert und behauptet sich mit seiner weltweit renommierten Sammlung von Porzellan.

    Die Belle Époque beginnt etwa 1890 und endet mit Beginn des Ersten Weltkriegs 1914. Am Anfang herrschten Frieden und Wohlstand vor. Und bittere Armut. Während der wirtschaftliche Aufschwung Hand in Hand einherging mit der industriellen Revolution und Wohlstand für das aufstrebende Bürgertum bedeutete, litten die – oft zugewanderten – Fabrikarbeiter unter prekären Lebensverhältnissen. In schmalen, dunklen Mietskasernen mit fünf oder sechs mit Höfen verbundenen Hinterhäusern wie beispielsweise in Kreuzberg, Friedrichshain, Moabit oder Wedding hauste das Proletariat der Arbeiter sehr beengt. Wildfremde Menschen teilten sich die Betten, einer schlief tagsüber, der andere nachts, je nach Schichtwechsel in den Fabriken. Kinderarbeit, Krankheiten, katastrophale Arbeitsbedingungen waren Normalität. Berliner Sezessionskünstler wie Käthe Kollwitz, Heinrich Zille, Ernst Barlach oder Hans Baluschek dokumentieren die Schattenseiten der „Schönen Zeit“. Barlach schuf die „Schlafende Vagabunden“ 1912 aus Böttgersteinzeug. Zille fotografierte Straßenszenen seines Berliner „Milljöhs“ als Vorstudien für spätere Graphiken. Die Malerin, Bildhauerin und Graphikerin Kollwitz wurde durch ihre Maxime, mittels darstellender Kunst die sozialen Bedingungen abzubilden, berühmt. Baluschek malte 1914 den Berliner Rummelplatz. Das Bild gilt als eines seiner Hauptwerke; zu sehen ist ein repräsentativer Querschnitt der Berliner Bevölkerung um die Jahrhundertwende. Von gutbürgerlichem Publikum im Rückenprofil bis hin zu einem rauchenden Gassenjungen im Seitenprofil und einem weiteren Straßenkind im Anschnitt. Im Zentrum des Gemäldes ein hell illuminierter Pavillon, der alle Blicke auf sich zieht. Die Nationalflagge des Deutschen Reiches ist mehrfach auszumachen. Den Werken gemein ist der Blick auf das Leid jener Jahre. Willy Jäckels beschwor mit zehn Lithographien aus dem Mappenwerk Memento 1914/15 beispielsweise Vergewaltigungsszenen, Sturmangriff, Stacheldraht, das unbarmherzige Kriegsgeschehen. Die Blätter werden als unpatriotisch verboten, zumal noch viele Künstler der Avantgarde freiwillig in den Krieg zogen. Mit dem aufkommenden Nationalismus wurden Markennamen deutscher Zigarettenhersteller eingedeutscht, wie Blechdosen der Zigarettenfabrik Manoli belegen: aus Dandy wurde Dalli, La Fleur gerierte zu Gudrun. Der Krieg schaufelte das Grab einer der einflussreichsten Kunstströmungen Europas: der Belle Époche.

    Der Anfang des 20. Jahrhunderts war geprägt von einer Blütezeit von Kunst und Technik. So liegt der Tenor der über 300 Objekte zählenden Sonderausstellung auf den Jahren 1900 bis 1914, beginnend mit der Weltausstellung 1900 in Paris und jäh endend mit der Werkbundausstellung 1914 in Köln. Im Wienand Verlag erschien der reich bebilderte und gut gegliederte Ausstellungskatalog mit Klappbroschur. Berlin zählte 1905 bereits mehr als zwei Millionen Einwohner, auch in anderen europäischen Metropolen, wie Paris, London, Barcelona, Wien explodierten die Bevölkerungszahlen. Durch die Elektrifizierung der Städte entwickelte sich ein aktives Nachtleben, wie der große Porträtmaler der 1920er und 1930er Jahre und unbestechlicher Beobachter menschlicher Physiognomie, Mitglied der Berliner Secession, Willy Jaeckel „Im Romanischen Café“ 1912 (Öl auf Leinwand) illustriert. Die großen Widersprüche jener Jahre lassen sich an deren Gegenbewegung aufzeigen: Der Flucht aufs Land. Künstlerkolonien wie Worpswede, gegründet von den Malern Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Hans am Ende und Carl Vinnen sowie die Darmstädter Mathildenhöhe entstehen. Letztere wurde auf Initiative von Ernst Ludwig von Hessen gegründet. Durch das großzügige Mäzenatentums des Großherzogs entstand ein Zentrum des Jugendstils in Deutschland. Auch Reformbewegungen wie Vegetarismus, Naturheilkunde, Antialkoholismus, Freikörperkultur, ökologische Landwirtschaft und Obstbau-Kolonien bildeten einen Gegenentwurf für das schnelle, schrille Großstadtleben vor allem bei Nacht. Die Reformpädagogik wurde erfunden und die ersten Waldorfschulen, ursprünglich gedacht für Kindern von Fabrikarbeitern, eröffnet. Magazine wie die Münchner Kunstzeitschrift „Jugend“ erreichten durch hohe Auflagenzahlen mit bis zu 100 000 Exemplaren die breite Masse. Illustrationen sowie Typographie sind Konzept und transportierten sachliche Inhalte wie Politik, Literatur und Sport, welche in unterhaltsame Lyrik, Prosa oder Satire gekleidet wurden. Je nach Cover wurde der Schriftzug „Jugend“ kunstvoll mit dem Titelbild verwoben. Bekannte Künstler wie Lovis Corinth arbeiten als Illustratoren des Blattes.

    Bereits auf der Pariser Weltausstellung 1900 zu sehen und heute im Bröhan-Museum zu bewundern sind die fünfzehn Figuren aus dem Tafelaufsatz Le jeu de l' écharpe (Das Schärpenspiel). Die festliche Tafeldekoration, bestehend aus zwei Fackelschwingerinnen, einer Flötenbläserin und zwölf Tänzerinnen von dem Bildhauer Agathon Léonard für die Nationalmanufaktur Sevres (1899), gefertigt aus Biskuitporzellan, steht exemplarisch für antikisierende Mode mit wallenden, von Miedern befreiten Gewändern und dem modernen Ausdruckstanz. Überhaupt vollzog sich eine Zäsur des Rollenbildes der Frau. Das neue Rollenbild der „Femme emancipé“ entstand. Frauen waren zumindest als Gasthörerinnen an deutschen Hochschulen zugelassen, konnten Mitglieder in politischen Parteien werden, konnten an Kunstgewerbeschulen, wenn auch noch nicht an Kunstakademien, studieren. Die Werbung entdeckte das Motiv der rauchenden Frau und das der Fahrradfahrerin: „Das Bicycle hat zur Emanzipation der Frauen aus den höheren Gesellschaftsschichten mehr beigetragen als alle Bestrebungen der Frauenbewegung zusammen“, so die Frauenrechtlerin Rosa Mayreder. Das entsprechende Plakat, 1896 von Bruno Paul für „Jugend“ 1896 in der Ausstellung lautete: „Die Frau vor dem Rad, hinter dem und auf dem Rad“. Zu sehen ist die Frau vor den Pflug gespannt, hinter dem Spinnrad gebeugt und munter auf dem Fahrrad fahrend. Neben der „Femme emancipé“ existierte in der Welt der Belle Époche jedoch auch das Bild der „Femme fatale“, der rücksichtslosen, verhängnisvollen Verführerin und deren Gegenpart, die „Femme fragile“, der zerbrechlichen schutz- und hilfebedürftigen Frau weiter.

    Der Universalkünstler und studierte Maler Henry van de Velde, beeinflusst vom franko-belgischen Symbolismus und der englischen Arts-and-Crafts Bewegung gilt als Wegbereiter einer neuen Stilbewegung und entwickelt mit seinem künstlerischen Konzept „Die Linie ist eine Kraft“ den Anspruch der Reduktion der dynamischen Form der Art Nouveau auf ihre reine Funktion. Der „Uccle“ Stuhl zählt zu den bedeutenden Design-Klassikern des 20. Jahrhunderts.

    Bereits 1908 formulierte der energische Gegner des Jugendstils Adolf Loos in einem Vortrag, veranstaltet vom akademischen Architektenverein, seine Schrift „Ornament und Verbrechen“, in dem es heißt, ornamentale Verzierungen oder andere besondere künstlerische Gestaltungsversuche an einem Gebrauchsgegenstand seien eine ebenso unangemessene wie überflüssige Arbeit. Ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung ist Alfred Grenanders Möbelensemble, bestehend aus Schreibtisch, Chiffoniere, Tisch, Stühlen, Sessel und Sofa mit Rückwand und Seitenschränken, welches zum ersten Mal seit der Weltausstellung 1904 in St. Louis und nun wieder in Deutschland zu sehen ist.

    1907 wurde der Deutsche Werkbund gegründet. Zwölf Künstler/Architekten und zwölf Firmen zählen zu den Gründungsmitgliedern. Ihr Ziel: eine fruchtbare Symbiose aus Kunst, Handwerk und Industrie. Durch perfekte Gestaltung sollten deutsche Produkte einen hervorragenden Ruf auf dem Weltmarkt erlangen. Form, Funktionalität und Materialgerechtigkeit waren die Qualitätskriterien. Der Deutsche Werkbund galt als das wichtigste Forum für Gestaltung und Architektur. Innerhalb des Werkbundes herrschten zum Teil gegensätzliche Auffassungen Typisierungen betreffend; so entwickelte Hermann Muthesius, einer der Gründer, zehn Thesen zur Festlegung auf bestimmte Formen, die jedoch der Sprecher des Bundes Henry van der Velde in seinem Verständnis als freier Künstler dann ablehnte.

    Von dem Streit über die Ausrichtung berichtet eine Karikatur aus dem Simpliccismus. Richard Riemerschmid, der wie viele seiner Künstlerkollegen Malerei studierte, war einer der zwölf Gründer des Deutschen Werkbundes und präsentierte bereits für die Deutsche Kunstgewerbeausstellung 1906 in Dresden sein „Maschinenmöbelprogramm“. Für die Dresdner Werkstätten unter der Leitung von Karl Schmidt entwarf Riemerschmid Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küche jeweils in drei Holzausführungen, wie Fichte für Kategorie I, Lärche für Kategorie II und Mahagoni Kategorie III. So entstanden Möbel für jedermann, die zerlegt geliefert und vom neuen Besitzer selbst zusammengebaut wurden. Bereits Riemerschmid „entdeckte die Möglichkeiten“, so die Propaganda eines schwedischen Kaufhauses. Mit einer Nachfahrin des Künstlers in der Ausstellung plötzlich ins Gespräch kommen zu können, gehört zu den Besonderheiten der Schau.

    – „1914 – Das Ende der Belle Époque“, bis 31. August, Schlossstraße 1 a, 14059 Berlin. Di. bis So. von 10 bis 18 Uhr, Eintritt 8,– Euro, ermäßigt 5,– Euro.

    www.broehan-museum.de

    – Ausstellungskatalog: „1914 – Das Ende der Belle Époque“, Hg. Tobias Hoffmann für das Bröhan-Museum Berlin. Wienand Verlag Köln, 128

    Seiten, EUR 29,80