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    Im Mittelpunkt die Person

    „Transzendenz: ein anderer Name für Person“ – das Zitat stammt aus dem ersten in deutscher Sprache erschienenen Aufsatz eines damals hierzulande noch unbekannten philosophischen Autors, Karol Wojtyla. Das war im Jahr 1979 – und der Verfasser war gerade zum Papst gewählt worden. Zuvor hatte in Deutschland kaum jemand mit diesem Namen etwas anfangen können. Und dass dieser Papst von Hause aus ein Philosoph war, ist bis heute vielen unbekannt geblieben. Nur die kleine Schar der Leser dieses Aufsatzes merkte seinerzeit auf. Denn da schrieb offenbar jemand, der als Philosoph selbstständig seine Gedanken über den Menschen entwickelte.

    Papst Johannes Paul II. in seinem Arbeitszimmer. Foto: KNA

    „Transzendenz: ein anderer Name für Person“ – das Zitat stammt aus dem ersten in deutscher Sprache erschienenen Aufsatz eines damals hierzulande noch unbekannten philosophischen Autors, Karol Wojtyla. Das war im Jahr 1979 – und der Verfasser war gerade zum Papst gewählt worden. Zuvor hatte in Deutschland kaum jemand mit diesem Namen etwas anfangen können. Und dass dieser Papst von Hause aus ein Philosoph war, ist bis heute vielen unbekannt geblieben. Nur die kleine Schar der Leser dieses Aufsatzes merkte seinerzeit auf. Denn da schrieb offenbar jemand, der als Philosoph selbstständig seine Gedanken über den Menschen entwickelte.

    Der damalige Kölner Kardinal Joseph Höffner hatte diese Übersetzung angeregt und wollte – wohl auch als Wissenschaftler, der er selbst war – damit seine Wertschätzung gegenüber dem Denken des Krakauer Kardinals zum Ausdruck bringen. Eine folgenreiche Wirkung für die philosophische Debatte in Deutschland hatte dieser Versuch jedoch nicht – und bis heute hat sich daran kaum etwas geändert. Man kann sich über diesen Befund nur wundern. Denn angesichts der systematischen Bedeutung, die Wojtylas Denken für den Brückenschlag zwischen Seins- und Bewusstseinsphilosophie besitzt, lässt er sich sachlich kaum zu erklären.

    In Deutschland waren die Schriften kaum bekannt

    Und angesichts der historischen Bedeutung, die dieser Philosophie zukommt, weil sie maßgebliche Dokumente des Zweiten Vatikanums – wie zum Beispiel die Erklärung über die Glaubensfreiheit und die Menschenwürde – beeinflusst hat und der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc deren Seele einhauchte, ist es noch unverständlicher, warum sich die deutsche Wahrnehmung dieses Mannes so ganz auf seine globale politische Autorität beschränkt.

    Wojtyla war ein Denker von Rang. Er hat den Personalismus neu und zeitgemäß begründet, nämlich phänomenologisch, und die Offenbarung der Transzendenz als innere Erfahrung des Menschen beschrieben. Im Anschluss an den oben erwähnten Satz fährt Wojtyla sinngemäß fort: Eben diese Transzendenz, die sich als eine Erfahrung offenbart, lässt die Subjektivität als eigentümliche Beschaffenheit des Menschen hervortreten. Sie wird durch die Selbstbestimmung sichtbar. In ihr kommt die transzendente Dimension zum Ausdruck, die für menschliches Handeln wesentlich (das heißt hier: gegeben) ist. Auf sie hin sammelt sich die Person als Subjekt. Die Person erscheint dem Menschen vor allem als der Urheber ihrer Taten. In dieser Urheberschaft tritt die der Person eigene Subjektivität hervor – und macht diese zum ausdrücklichen Phänomen eigener menschlicher Erfahrung.

    Damit ist, in denkbar knappster Form, der Kern des Wojtylas'schen Denkens beschrieben. Es geht ihm in ungezählten Schriften um den Zusammenhang von Person und Transzendenz, die Selbsterfahrung des Ich als die Voraussetzung einer in der Innerlichkeit der menschlichen Erfahrung vollzogenen Gründung der Metaphysik in der Anthropologie.

    Auf den ersten Blick mag diese Philosophie als schwere Kost erscheinen. Und tatsächlich: Sie will vom Leser gedanklich selbst erschlossen werden. Das aber gelingt leichter als zunächst gedacht, weil diese Philosophie nichts anderes ist als die Beschreibung aller jener Erfahrungen, die jeder Mensch teilt, wenn er sich selbst zum Gegenstand seines Erkennens macht. Und damit ist auch schon der Beweggrund Wojtylas benannt: Er will den Menschen dazu bewegen, auf sich selbst zu hören, weil er sicher sein kann, dass diese Aufmerksamkeit, die ein Mensch – was immer er bis dahin gedacht hat – seinen inneren Erfahrungen zuteil werden lässt, zu all dem führt, was ihm als Seelsorger – in bester sokratischer Nachfolge, als Philosoph nämlich, der sich um die Seelen seiner Mitmenschen sorgt – am Herzen liegt.

    Damit ist der sachliche Grund benannt, der es dem Leser leicht macht, sich auf Wojtylas Philosophie einzulassen: Satz für Satz wird er aufgefordert, das, was der Verfasser schreibt, mit seinen eigenen Erfahrungen abzugleichen. Und ein zweiter Grund ist zu nennen, der dazu angetan ist, die Begegnung mit der Philosophie dieses Mannes nicht aus Angst vor geistiger Überanstrengung zu scheuen: Dieser Grund findet sich in der vorzüglichen Edition, die Hanns-Gregor Nissing jetzt unter dem Titel „Karol Wojtyla – Wer ist der Mensch? Skizzen zur Anthropologie“ im Pneuma Verlag München vorgelegt hat: als eine vorzügliche Einführung in Wojtylas Denken über den Menschen.

    Nissing ist ein junger Wissenschaftler, der nach einer bemerkenswerten Promotion über Thomas von Aquin seit 2005 als Wissenschaftlicher Referent für Philosophie und Theologie an der Thomas-Morus-Akademie Bensberg arbeitet. Er hat jetzt eine Textauswahl von insgesamt zehn – allermeist bisher noch niemals in deutscher Sprache erschienenen – Aufsätzen Wojtylas aus dem Zeitraum von 1974 bis 1981 veröffentlicht, sämtliche in eigener Übersetzung. Das ist schon eindrucksvoll genug. Noch eindrucksvoller wird das Unterfangen durch eine 65 Druckseiten umfassende Einleitung, die dem Leser das Denken Wojtylas sehr gut erschließt, sodass auch der Laie keine Sorge haben muss, dem Verständnis der sich anschließenden Aufsätze nicht gewachsen zu sein – Aufsätze, die Zeugnis geben von einer besonders fruchtbaren Schaffensphase des späteren polnischen Pontifex in den Jahren unmittelbar vor seiner Wahl. 1969 war dessen philosophische Hauptschrift „Osoba i czyn“ – Person und Tat – erschienen. Schon neun Jahre später, 1978, wurde er zum Bischof von Rom gewählt. Eben jene Jahre zwischen 69 und 78 waren – trotz vielfältiger beruflicher Pflichten – Jahre hoher wissenschaftlicher Produktivität, die der Entfaltung dieser einen, Wojtylas ganzes Denken bestimmenden Überlegung dienten: Wie der Mensch in seiner Erfahrung zu sich findet.

    In einer Fülle später folgender lehramtlicher Dokumente – Reden, Ansprachen, Büchern und Lehrschreiben – ist Wojtyla diesem Denken bis zum Schluss treu geblieben: einem Denken, das vom Menschen ausgeht und zum Menschen zurückfindet – und auf diesem Wege die Stellung des Menschen in der Welt erkundschaftet; als eine Art Selbstvergewisserung, die auch für denjenigen in eigenen Erfahrungen und Beobachtungen nachvollziehbar ist, der sich ansonsten schwer tut mit einem Glauben, wenn er dieser zur Lehre geronnen ist. Für Wojtyla geht es immer um die Person, nicht um die Doktrin. Seine Philosophie ist eine Entfaltung jener Gründe, die es lohnend erscheinen lassen, dass ein Mensch den Weg zu sich selbst einschlägt, weil ihm – so möchte man in Abwandlung des biblischen Wortes sagen – dann alles andere hinzugegeben wird.

    Die Rezeption Wojtylas im deutschsprachigen Raum ist bis heute ein einziges, erschütterndes Trauerspiel. Nirgendwo sonst auf der ganzen Welt ist die Mauer des Schweigens so undurchdringlich. Besonders in der englischsprachigen Welt ist dieser Mann längst als Philosoph europäischen Ranges anerkannt. In Deutschland hingegen sind die allermeisten seiner Schriften aus den Jahrzehnten vor Beginn des Pontifikates entweder nie oder oft genug nur in schlechter Übersetzung erschienen – was der Rezeption auch nicht gerade neuen Auftrieb gab –, in jedem Fall aber lange schon im Buchhandel vergriffen. Nach Nissings verdienstvoller Ausgabe kann jetzt niemand mehr zu der Ausrede Zuflucht nehmen, Wojtyla sei für den deutschen Leser nicht greifbar. So ist zu wünschen, dass dank Nissings Herausgeberschaft ein erster Schritt getan wurde, Wojtylas Philosophie auch bei uns einzuführen. Jedenfalls hat – nicht zuletzt auch dank der kenntnisreichen Einführung in die Sammlung der Aufsätze – Nissing den Grundstein für eine hoffentlich bald auch in Deutschland aufblühende Wojtyla-Rezeption gelegt. Auch in dieser Hinsicht kann man dem Band gar nicht genug Leserinnen und Leser wünschen.

    Hanns-Gregor Nissing (Hrsg.): Karol Wojtyla, Wer ist der Mensch? Skizzen zur Anthropologie. Eingeleitet und übersetzt von Hanns-Gregor Nissing, München 2011, Pneuma Verlag, LXV u. 159 Seiten, EUR 19,95