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    „Ich freue mich über päpstliche Nähe“

    Herr Professor Hösle, vor wenigen Wochen sind Sie von Papst Franziskus in die Päpstliche Akademie der Sozialwissenschaften berufen worden. Das ist eine große Auszeichnung. Herzlichen Glückwunsch! Dürfen wir Sie jetzt als katholischen Philosophen vereinnahmen?

    In seinem eigenen philosophischen System, dem objektiven Idealismus, der in der Tradition Hegels steht, spielt die wertr...

    Herr Professor Hösle, vor wenigen Wochen sind Sie von Papst Franziskus in die Päpstliche Akademie der Sozialwissenschaften berufen worden. Das ist eine große Auszeichnung. Herzlichen Glückwunsch! Dürfen wir Sie jetzt als katholischen Philosophen vereinnahmen?

    Nein! Der Philosoph kann sich nicht vereinnahmen lassen. Weil die Autonomie der Philosophie ja genau darin besteht, dass man aufgrund von philosophischen Argumenten überzeugt. Auch in der Päpstlichen Akademie herrscht Wissenschaftsfreiheit. Zudem sind einige Mitglieder keine Katholiken. Ich bin zwar katholisch, aber ich würde nicht sagen, dass ich ein katholischer Philosoph bin. So wie ein Schuster, der ein guter Mensch ist, nicht notwendig ein guter Schuhmacher ist. So kann man auch katholisch sein und Philosoph, ohne dadurch zu einem katholischen Philosophen zu werden.

    Sie lehren seit 1999 an der katholischen Elite-Universität Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana. Das genügt offenbar, um Sie in manchen Kreisen mit dem Etikett katholisch zu belegen. Bei Veranstaltungen werden Sie manchmal als „Katholik, der dem Neoliberalismus nahe steht“ vorgestellt. Was stört Sie mehr? Als neoliberal oder als katholisch zu gelten?

    Zuerst: Zur Bewertung von Argumenten trägt die religiöse Identität eines Menschen nichts bei. Ich versuche meine Argumente zu entwickeln auf Grundlage von rationalen Prinzipien. Wenn man das als Information mitgeben möchte ,Herr Hösle ist katholisch‘, habe ich nichts dagegen, aber es würde mich beunruhigen, wenn mein Katholisch-Sein von der Prüfung meiner Argumente abhalten würde, meine Argumente betrachte ich nämlich als für jeden Menschen gültig, unabhängig davon, ob er Katholik ist oder nicht. Was das Wort „neoliberal“ betrifft, so sehe ich durchaus selbstzerstörerische Tendenzen auf den Märkten und die Notwendigkeit eines starken Staates, der den Markt bändigt. Meine Sympathien für den Neoliberalismus stammen aus den 1980er Jahren, als ich sah, dass der Staat sich in Bereiche einmischte, die besser von den Märkten geregelt werden sollten. Beispielsweise der Bereich der Bildung. Hier in Amerika haben wir eine sehr kluge Mischung aus staatlichen und privaten Hochschulen. Das erklärt den Erfolg bei der Vergabe von Wissenschafts-Nobelpreisen, die in diesem Jahr nur an Amerikaner oder in Amerika arbeitende Forscher gingen.

    Der Jenaer Zeithistoriker Stefan Gerber hat in dieser Zeitung die These vertreten, dass Katholiken im deutschen Wissenschaftsbetrieb seit längerer Zeit ausgegrenzt und deklassiert werden. Erleben Sie so etwas auch in Amerika?

    An meiner eigenen katholischen Universität mit Sicherheit nicht. Zu den anderen kann ich mich eigentlich nicht äußern. Ich persönlich spüre keine Aversion. Vielleicht lässt sich allgemein sagen, dass das Religiöse in Amerika präsenter ist als in Europa. Wir haben in Amerika eine völlige Trennung von Staat und Kirche, die sich als sehr segensreich für die Religion erwiesen hat. Was Stefan Gerber zu Recht kritisiert hat, ist die Verpfründung der Kirche in Deutschland. Viele Leute verknüpfen mit der Kirche berufliche Stellen – das hat dem Geist des Christentums nicht gut getan. In Amerika kann sich die kirchliche Sphäre mit einer größeren religiösen Autonomie entfalten, die in Europa eher bedroht ist.

    Täte es dem katholischen Milieu nicht gerade im Zeitalter der Postmoderne gut, selbstbewusster aufzutreten? Durch den Werterelativismus ist das Philosophieren beliebig geworden. Katholische Intellektuelle könnten einen relevanten, am Absoluten orientierten Wertekanon anbieten.

    Ich bin selbst ein Gegner des Werterelativismus. Ich bin ein Werteabsolutist. Aber meine Argumente gründen auf der Vernunft. Ich glaube, dass die Argumente gegen den Postmodernismus, gegen die verbreitete Haltung, dass Werte nur dann eine Gültigkeit haben, wenn sie von uns anerkannt werden, auf der Vernunft beruhen müssen – nicht auf kirchlichen Lehrschreiben oder katholischen Milieus.

    Ich selbst stehe dem Katholizismus mit großer Sympathie gegenüber, weil ich sehe, dass er philosophisch gerechtfertigte Einsichten aufgrund seiner Tradition als natürlich annimmt. Aber ich halte nichts davon, dass man sagt: es gibt absolute Werte, weil die katholische Kirche das lehrt. Das wäre preaching to the choir, dem Chor predigen. Das bringt keinen interessanten Dialog zustande.

    Als Wertabsolutist, der auf die Vernunft setzt, müsste es Sie aber doch auch außerordentlich freuen, dass in den päpstlichen Enzykliken von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. stärker die wertrationale Vernunft als die zweckrationale Vernunft zum Zuge kommt. Oder ist Ihnen so viel päpstliche Nähe verdächtig?

    Nein, überhaupt nicht. Ich freue mich sogar über päpstliche Nähe. Nur ist das nicht etwas, auf das ein öffentlicher Intellektueller sich berufen sollte, wenn er in eine Debatte einsteigt. Es gibt zwar m. E. eine Konvergenz zwischen Lehramt und Philosophie, eine Annäherung, auf die man gerade im Vertrauen auf den Heiligen Geist hoffen darf, doch es schadet der Reputation der Philosophie, wenn man ihre Ideen auf Zitate aus kirchlichen Lehrschriften stützt. Was allerdings stimmt: Johannes Paul II. ist wesentlich von dem größten Ethiker des 20. Jahrhunderts geprägt worden, von Max Scheler. Ich freue mich von Herzen, dass diese phänomenologische Tradition dadurch Eingang gefunden hat in das katholische Lehramt. Das Lehramt hat sich ja im Laufe des 20. Jahrhunderts enorm gewandelt. Durch das Konzil ist die Glaubens- und Gewissensfreiheit zu einem entscheidenden Prinzip geworden. Dafür wie auch für die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948 spielte ein katholischer Intellektueller eine wichtige Rolle, nämlich Jacques Maritain. Es ist damit ein Prozess eingetreten, der irreversibel ist. Die katholische Kirche hat sich an die Vorhut der von den Menschenrechten inspirierten Bewegungen gestellt.

    Nicht als Vorhut, sondern leider etwas allein gelassen wirkt die Kirche, was die philosophische Pflege des Naturrechts betrifft. Ist das Naturrecht aus Ihrer Sicht noch ein geeignetes Instrumentarium für den Dialog mit den postmodernen Menschen guten und schlechten Willens?

    Ich bin ein entschiedener Vertreter des Naturrechts. Das 7. Kapitel meines Buches „Moral und Politik“ befasst sich mit dem Naturrecht. Immer wenn man ungerechtes staatliches Recht angreifen will, setzt man voraus, dass es ein übergeordnetes Recht gibt. Interessant ist jedoch vor allem die Frage, was moralisches Recht konkret bedeutet. In Amerika verbindet man mit dem Naturrecht die Auffassung von Thomas von Aquin. In Deutschland hingegen gibt es eine von Kant herkommende Naturrechtslehre. Ich denke, dass die Naturrechtslehre des deutschen Idealismus in vielem ein Fortschritt war gegenüber Thomas von Aquin, u. a. da es bei ihm keine Lehre von den individuellen Menschenrechten gibt. Die Frage ist also, auf welchen Naturrechtsbegriff wollen wir uns berufen? Ich habe großen Respekt vor Thomas von Aquin, aber ich denke, dass die spätere Entwicklung des Naturrechts sehr ernst genommen werden sollte.

    Wenn man Ihr Buch „Moral und Politik“ sehr verkürzt, könnte man sagen, Sie fordern darin globale Gerechtigkeit, die Einhaltung des Generalisierbarkeitspostulats, sprich: Alle Menschen haben gleiche Rechte, die Betonung des Wertes des menschlichen Lebens und die Wiederentdeckung einer übergeordneten Vernunft – was kann der jetzige Papst machen, um diese Forderungen zu verwirklichen?

    Erstens: Ich vertrete nicht den Standpunkt, dass ein Intellektueller den Papst belehren sollte. Zweitens weiß ich natürlich, dass vieles, was wünschenswert ist, nicht allein von der katholischen Kirche durchgesetzt werden kann! Man überschätzt die Rolle des Papstes, wenn man annimmt, mit seinem „Fiat“ würden sich alle Probleme ändern. Drittens: Die Kirche befindet sich zurzeit in einem Prozess der Neubesinnung. Es ist bei manchen Themen zu einem Reformstau gekommen. Natürlich kann die Kirche nicht radikal ihre Lehre ändern, sondern es muss ein langsamer Übergang gemacht werden. Ob dafür ein Drittes Vatikanisches Konzil notwendig ist, ob der Papst im Austausch mit den Bischöfen entscheidende Änderungen vornimmt, das kann ein armer Philosoph wie ich nicht beurteilen. Was ich aber schon feststelle, ist, dass dieser Papst durch sein Auftreten, durch seine Interviews einen besonderen Geist in der Kirche spürbar werden lässt, der hoffnungsvoll ist und in Kontinuität mit dem Geist des Evangeliums steht.

    Sahen Sie diesen Geist bei den Vorgängern nicht?

    Es gab im Laufe der Kirchengeschichte immer schon unterschiedliche Papsttypen. Manche waren bewahrend, andere reformerisch oder mit einer charismatischen Ausstrahlung gesegnet. Ich denke, dass Benedikt XVI. ein Mann von unbestechlicher Integrität war, ein bedeutender Theologe. Ihm fehlte aber das Interesse an der Verwaltungsarbeit, was er selbst zugegeben hat. Außerdem konnte er im Umgang mit den Medien nicht das gleiche Charisma entfalten wie Franziskus. Ich bewundere aber seinen Rücktritt. Er hat dadurch seinen hohen Respekt vor dem Amt ausgedrückt. Das gebietet Achtung.

    Man kann sich sachlich ja die Frage stellen, ob es richtig ist, dass ein Kardinal mit 80 Jahren das aktive Wahlrecht im Konklave verliert, während jemandem bis zu seinem Lebensende, also auch lange über das 80 Lebensjahr hinaus, zugemutet wird, das Amt des Papstes auszuüben. Die Entscheidung von Papst Benedikt XVI., so vermute ich, wird Schule machen. Papst Johannes Paul II. hingegen war ein ganz anderer Papst. Sein öffentliches Sterben 2005 war sehr ergreifend, aber ob seine letzten Jahre nicht zum Problemstau innerhalb der Kirche beigetragen haben, ist eine legitime Frage. Ich bin sehr gespannt auf das, was kommen wird. Ich glaube, dass der neue Papst, obwohl er natürlich auch schon betagt ist, die Kraft und die Energie hat, einige Dinge dezidiert anzugehen, welche seine Vorgänger mangels fehlender Kräfte nicht angehen konnten. So sind alle drei, Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Papst Franziskus komplementär.