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    „Ich finde den Buddhismus für am sympathischsten“

    Die Geschichten liegen auf der Straße. Das sagten früher die Ausbilder zu den Journalistenschülern. Will heißen: Der Berichterstatter braucht nur Augen und Ohren auf der Straße im Alltag aufsperren, schon gibt's was zum Schreiben, was alle angeht und vieles erklärt – es muss nicht das Spektakuläre, der Boulevard, das Scheinwerferlicht oder das Großkopferte allein sein, womit und worin sich journalistische Meriten verdienen lassen. Heute liegen die Geschichten in den Zugabteilen der Bundesbahn.

    Die Geschichten liegen auf der Straße. Das sagten früher die Ausbilder zu den Journalistenschülern. Will heißen: Der Berichterstatter braucht nur Augen und Ohren auf der Straße im Alltag aufsperren, schon gibt's was zum Schreiben, was alle angeht und vieles erklärt – es muss nicht das Spektakuläre, der Boulevard, das Scheinwerferlicht oder das Großkopferte allein sein, womit und worin sich journalistische Meriten verdienen lassen. Heute liegen die Geschichten in den Zugabteilen der Bundesbahn.

    Zum Beispiel am vergangenen Freitagnachmittag auf der Strecke von Würzburg nach Köln im ICE 626. Am Tisch nimmt Platz ein älterer, grauhaariger, vornehmer, weltgewandter Mann im dunklen Zweireiher mit Einstecktuch, einer schmalen, rechteckigen, silbernen Uhr und wachen, funkelnden Augen. Er ist pensionierter Redakteur einer Fachzeitung für die Kommunen, der gerade in Nürnberg war und jetzt auf dem Weg nach Wuppertal ist. Schräg gegenüber sitzt eine jüngere Frau im grauen Strickpullover, Rock und grauen Stiefeln, schwarze Haare, hübsch, die die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ liest. Sie besucht einen Freund in Köln und arbeitet für eine Firma, die Elektroautos vertreibt. Ihnen gesellt sich ein junger Mann im Hip-Hop-Look zu, der das neueste Buch von Günter Wallraff mit dem Titel „Aus der schönen neuen Welt“ liest. Er macht gerade seinen Zivildienst, ist Halbgrieche, wählt die Linkspartei, hält die SPD und die Grünen für zu bürgerlich, und fährt zu seiner Freundin nach Brüssel, die dort ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolviert. Diese Informationen brauchen sich die zahlreichen Zuhörer im Wagen nicht selbst beschaffen, sondern bekommen sie von den Protagonisten freiwillig geliefert, weil im Handy-Zeitalter kaum noch jemand der Reisenden gesteigerten Wert auf Privatsphäre legt. Das laute Reden ist gesellschaftsfähig und zum neuen Gesellschaftsspiel geworden.

    Also beginnen der ältere Herr, die junge Frau und der Hip-Hopper ihre Konversation. Zunächst spielen der Herr und die Dame das Spiel, wohin sie schon überall gereist sind und welche die schönsten Städte in Deutschland, Europa und überhaupt der Welt sind. Die junge Ökologin favorisiert in Deutschland Passau, der ältere Herr München und Berlin. In Europa hat es ihnen Italien, Spanien und Südfrankreich angetan. Die schönste Stadt für den Herrn ist Toledo („wegen der Kirchen“) sowie Südfrankreich, dort die Ecke zwischen Nizza und St. Tropez („aber bevor die ganzen Touristen dort waren“). Die junge Frau ist fasziniert von Venedig („diese Architektur, diese Kirchen“), von wo sie schon nach Kroatien gesegelt ist. Und von den spanischen Inseln, die sie liebt, weil sie dort Aussteigerparadiese kennengelernt hat („ich wäre gerne früher geboren gewesen, als Hippie“), die ähnlichen Orten in Indien, Neuseeland und Australien nicht zu vergleichen seien. Nun lassen beide Namen fallen von mehr oder minder bekannten Persönlichkeiten, die sie kennen. Weitere Themen sind die Entstehung des Kosmos, die Klimakatastrophe und endet schließlich – bei der Gretchenfrage. Wo zum ersten Mal der ältere Herr stockt: „Ich weiß nicht“, räuspert er sich, „wie sie das mit der Religion und dem Christentum sehen“, worauf die Frau sofort einfällt: „Ich bin aus der Kirche ausgetreten, man kann auch ohne Kirche an Gott glauben, und die Kirche, da geht es ja nur um Macht und Geld“, was wiederum den weltgewandten Herr beruhigt: „Das sehe ich genauso. Ich finde den Buddhismus für am sympathischsten“. „Ja, sollte ich religiös werden, werde ich Buddhistin, jede Religion hat etwas, was mir persönlich etwas gibt“, entgegnet die Dame.

    Worauf sich endlich der Zivi einschaltet. „Kirche, das ist pure Heuchelei.“ Und zeigt auf sein Wallraff-Buch. „Darauf kommt es an.“ Der ältere Herr tut pädagogisch so, als kenne er Wallraff nicht und fragt lächelnd: „Worum geht's denn in dem Buch?“ „Der Wallraff deckt alle die Schweinereien auf, die es so gibt, da musste jetzt sogar die Politik handeln und Gesetze ändern, mit den Call-Centern und so.“ „Aha“, meint der Ältere. Darauf der Jüngere: „Vielleicht geht es nur so, die Politik reagiert immer nur, Einzelne müssen kämpfen, man muss Druck machen.“ Und beide grübeln über Ideale, mit denen Politiker und andere Menschen öffentlichen Interesses angetreten sind, deren allmähliche Korrumpierung durch die Macht, und wie einem das Leben dazu zwingt, Kompromisse zu machen – das aber traurig ist, was zumindest der Jüngere meint. „Meine Freundin ist da noch radikaler, wir streiten oft, wo der Kompromiss geht und wo nicht.“ Eines seiner weiteren Lektürebekenntnisse: Ich lese ja die „Junge Welt“, der Kapitalismus, der macht uns kaputt. Der Grandseigneur lächelt, schweigt zuerst und merkt dann gegenüber der jüngeren Dame noch an: „Das gefällt mir, genießen Sie das Leben, reisen Sie, soviel Sie können, bleiben Sie ein solcher Individualist und unruhiger Geist und bleiben Sie weiter so undogmatisch, das brauchen wir.“

    „Bleiben Sie Individualist und undogmatisch“ – da ist das Wort

    Zack, da ist es, das Wort – undogmatisch. Und spätestens hier beginnt in den ringsum zum Zuhören Verurteilten auf der Fahrt durchs verschneite Deutschland das eigene Denken und Fragen, so wie die Philosophie mit dem Staunen beginnt.

    Staunen lässt, dass es heute immer noch junge Menschen gibt, die als Idealisten mit Günter Wallraff beginnen und der „Jungen Welt“, einer marxistischen Tageszeitung enden, deren Chefredakteur Arnold Schölzel ist, ein ehemaliger Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi, der Studienfreunde in der DDR verraten und damit Menschen mit zerstört hat. Weiß das der Hip-Hopper? Und ließe sich nicht Einigkeit darüber erzielen, dass der Marxismus gescheitert ist und scheitern muss, und dieser Weg von der Begeisterung zur Ernüchterung nicht immer wieder neu von jungen, idealistisch gestimmten Menschen gegangen werden muss? Könnten solche jungen Idealisten nicht mit der marxistischen Enttäuschung beginnen, um keine Zeit für Neues zu verlieren? Warum kann man dem jungen Mann nicht sagen, dass er seine bewundernswerte Frische, Energie und Lust am Denken und Einmischen besser auf andere Weise übt, und damit für sich und die Gesellschaft mehr erreicht?

    Und warum lassen sich immer noch junge, weltoffene Damen mit den Begriffen „Individualist“ und „undogmatisch“ schmeichelnde Komplimente in kleiner Münze machen, wo es doch alles andere als ein „undogmatisches“ und „individualistisches“ Verhalten ist, den Buddhismus für der postmodernen Weisheit letzter Schluss zu halten, der Kirche Heuchelei vorzuwerfen und einen Glauben an ein irgendwie höheres Wesen zu postulieren, für das es keine Kirche braucht, wenn alle diese Überzeugungen von zumindest mehr oder minder zwei Dritteln der Gesellschaft geteilt werden? Warum also muss eine Debatte immer neu geführt werden, die, wenn sie schon nicht die Funktion der authentischen Glaubensweitergabe der Kirchen würdigen kann, doch wenigstens zugeben muss, dass ohne diese Kirche die abendländische Kultur, die dann heute in Toledo oder Südfrankreich bewundert und als Inspiration begriffen wird, gar nicht möglich gewesen wäre? Warum muss das Reden über Religion immer wieder zuerst einmal damit beginnen, dass es einen religiösen Glauben ohne institutionelle Verankerung nicht geben kann? Die Idee Gottes wäre längst verdunstet, gäbe es keine Institutionen, die diese Idee bewahrten. Es gibt keinen religiösen Glauben aus dem Nichts, den sich das Individuum konstruiert. Das Individuum kommt nicht zur Welt sich selbst gänzlich durchsichtig und nur sich selbst verantwortet und verantwortlich. Das Individuum hat keine Weltanschauung, die sie nur sich selbst verdankt, und womit sie sicher und mit Sinn durchs Leben gehen kann. Das Individuum lebt von und in geistigen Voraussetzungen, die älter als es selbst sind und die Generationen vor ihm kontrovers diskutiert, geklärt, kodifiziert und immer neuen Verbindlichkeitsprozessen unterzogen haben – Lehren im weitesten Sinn, die innerhalb von Jahrhunderten ein Maß an Lebenserfahrung, Realitätsbewusstsein und Kraft gespeichert haben, das ein Einzelner niemals allein erreichen kann. Diese Verbindlichkeiten sollte das Individuum nutzen, anstatt sie zu verweigern in der Illusion, nur auf diese Weise selbstbestimmt zu leben.

    Spätestens hier lässt sich das Loblied auf das dogmatische Denken anstimmen – etwa in der Kirche. Deren Dogmen, deren Katechismen sind keine willkürlich gesetzten und erfundenen Regeln und Buchstabenungetüme, die irgendwelchen machtbesessenen Kirchenfürsten und blutleeren Scholastikern irgendwann einmal zur Drangsalierung der Menschheit eingefallen sind, sondern sie sind das Destillat des Kampfes vieler Menschen in langen Zeiten aus Anlass etwa von Konzilien oder Lehrstreiten über letzte, entscheidende Fragen des Menschseins und Christentums. Diese Lehrsätze bieten ein Fundament, das den Test von Versuch und Irrtum hundertfach durchlaufen hat und insofern belastbar ist. Der Gott, an den der zu glauben meint, der ohne die Kirche daran glaubt – und damit ohne die Verankerung in einer Gemeinschaft und deren Geschichte –, ist ein bloßes Gedankenkonstrukt, ein leeres Wort, ein simuliertes Gefühl, das keiner Wirklichkeit entspricht und keine Wirklichkeit schafft. Wer durch Toledo und Südfrankreich reist, wer den bestirnten Himmel über sich an Neuseelands Küsten bestaunt, wer zwischen Venedig und Kroatien segelt, könnte alle diese schönen, bejahenswerten Dinge intensiver erleben, wenn man (oder frau) die gesamte (christliche) abendländische Geschichte kennt und praktiziert, die uns die Kategorien zur Verfügung stellt, mit denen wir Toledo, Südfrankreich, den Sternenhimmel, Venedig und das Segeln überhaupt erst als solche Genüsse wahrnehmen können.

    Schade, dass der ICE 626 heute in Köln nicht noch mehr Verspätung hat.

    Von Johannes Seibel