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    Hinter Gesichtern lauern Geschichten

    Marcus Tullius Cicero (106 bis 43 vor Christus) richtete die Unterweisungen „De officiis“ an seinen Sohn Marcus. Sie sind eine Art antiker Ratgeber im Stile eines Knigge, politischer Fibel und ethischen Handbuchs. Darin weiß er zwei Formen von Schönheit zu unterscheiden, nämlich die weibliche Anmut und die männliche Würde. Beides drücke sich im Körper des Menschen aus, wie jeder sehen könne: „Zuerst scheint die Natur selbst schon sehr auf unseren Körper geachtet zu haben, indem sie unser Gesicht und den übrigen Körper, soweit er einen anständigen Anblick bot, nicht verhüllte, die Teile des Körpers aber, die uns zur Verrichtung körperlicher Bedürfnisse gegeben wurden und einen unschönen und hässlichen Anblick geboten hätten, bedeckte und versteckte.“

    Der Redner Cicero: Eitler Stolz und ernste Miene. Foto: IN

    Marcus Tullius Cicero (106 bis 43 vor Christus) richtete die Unterweisungen „De officiis“ an seinen Sohn Marcus. Sie sind eine Art antiker Ratgeber im Stile eines Knigge, politischer Fibel und ethischen Handbuchs. Darin weiß er zwei Formen von Schönheit zu unterscheiden, nämlich die weibliche Anmut und die männliche Würde. Beides drücke sich im Körper des Menschen aus, wie jeder sehen könne: „Zuerst scheint die Natur selbst schon sehr auf unseren Körper geachtet zu haben, indem sie unser Gesicht und den übrigen Körper, soweit er einen anständigen Anblick bot, nicht verhüllte, die Teile des Körpers aber, die uns zur Verrichtung körperlicher Bedürfnisse gegeben wurden und einen unschönen und hässlichen Anblick geboten hätten, bedeckte und versteckte.“

    Geltungssucht, Egomanie und Selbstmitleid

    In dem in der Berliner „Edition Braus“ erschienenen Bildband, der sorgfältig fünfzig Porträtbüsten des Alten Roms versammelt, ist neben anderen Männern und Frauen auch ein Bildnis des großen Wortkünstlers Cicero vertreten.

    Der Journalist und Architekturkritiker Rainer Haubrich schreibt über den Staatsmann: „So brillant er auch war, so sehr gingen den Zeitgenossen seine Geltungssucht, seine Egomanie und sein Selbstmitleid auf die Nerven.“ Das lässt sich auch an der gegenüberliegenden Abbildung der Skulptur aus den Kapitolinischen Museen ablesen. Zwar verrät die Stirnglatze ungeschönt das reifere Mannesalter und weist damit auf die Weisheit und den Erfahrungsschatz des gelehrten Eklektikers, doch trägt jene Cicero-Darstellung gleichermaßen auch den eitlen Stolz in der ernsten Miene und der markant großen und leicht gekrümmten Nase. Der konzentrierte, nach vorne gerichtete Blick und der leicht geöffnete Mund lässt die Büste wie eine Momentaufnahme wirken, durch die die Erinnerung an den begabten Redner Cicero auch Jahrhunderte später noch wach wird. Dies wird noch eigens betont durch die volle Unterlippe und den Furchen und Falten im Gesicht. Auch die Bartlosigkeit Ciceros weicht deutlich von den klassischen Skulpturen etwa griechischer Philosophen ab. Hier präsentiert sich eher ein Staatsmann – ganz vom Schlage eines Gaius Iulius Caesar, dessen einziges mit Sicherheit zu Lebzeiten erschaffenes „Bildnis mit dem süffisanten Lächeln“ auch Aufnahme in diesem Band gefunden hat.

    Es sind aber nicht nur Cäsar, Cicero, Octavian (Augustus), Kleopatra, Nero oder Konstantin der Große, an denen Haubrich wie Wäscheklammern an die Wäscheleine die römische Geschichte aufhängt, sondern auch unbekanntere Gesichter wie Fundilia, eine „Dame mit herben Zügen“ aus Nemi oder der „Bankier“ Lucius Caecilius Felix, der nicht nur „lebenserfahren und gerissen“ aussieht, sondern es vermutlich auch war. Auch das Bildnis eines stiernackigen Athleten kündet ebenso von dieser Epoche wie die träumerische Römerin oder der grimmige, in Kriegerpose dargestellte Kaiser Caracalla (dieser regierte von 211–217 nach Christus), der „ein Dreckskerl“ gewesen sei, „äußerst brutal, jähzornig und eitel“.

    Glanzstücke in jeder Galerie römischer Kaiser

    Aber, wie der Kommentator Haubrich anfügt, „seine Bildnisse sind Glanzstücke in jeder Galerie römischer Kaiser“. Klassische Schönheit, so lehrt dieser Band (sofern man überhaupt eine moralische Lehre aus dieser Beobachtung ziehen darf), ist nicht abstrakt, sondern zeigt sich in der Anmut und Würde dieser lebensechten Köpfe. Am ehesten vermag man sich noch dem letzten aufgenommenen Kopf zu entziehen. Der 408 geborene oströmische Kaiser Arcadius wirkt wie verloren, erstarrt, seiner Individualität beraubt, „die Augen so riesig, Frisur und Diadem so stilisiert, als bildeten sie einen Heiligenschein“. Kurz nach seinem Tode endete schließlich im Westen das römische Reich.

    Nie wieder hat sich eine Gesellschaft so dargestellt

    Die Gestalten, die uns Haubrich präsentiert, sind mehr als nur stumme Relikte oder urmenschliche Archetypen. Schon mit ein wenig Phantasie erwachen die schwarz-weiß gehaltenen Aufnahmen (die allein dadurch schon das Prädikat „klassisch“ verdient hätten) zum Leben und erzählen ihre Geschichten. Es scheint, Haubrich habe sie nur aufgeschrieben. Es ist eine ferne Gesellschaft, die in diesem Band gezeigt wird. „Nie wieder danach ist eine ganze Gesellschaft in so vielen steinernen Bildnissen festgehalten worden“, weiß Haubrich. Und bemerkenswert bleibe es, „dass von keinem einzigen Meisterwerk der Name des Künstlers überliefert wurde“. Mögen auch die Namen im Dunkel bleiben, die große abendländische Geschichte zwischen 753 vor Christus und 410 nach Christus wird durch die Geschichtchen der Porträtierten so unmittelbar, als hätten wir es mit unseren Zeitgenossen zu tun. Dieser hochwertige Band stellt sie uns vor.

    Rainer Haubrich: Gesichter des Alten Rom. 1 000 Jahre Geschichte in 50 Köpfen. 120 Seiten mit 52 Abbildungen. Edition Braus, Berlin 2016, ISBN: 978-3-86228-146-6, EUR 24,95