• aktualisiert:

    Heimat Gotik

    Längst qualmten Mitte des 19. Jahrhunderts über Europa die Fabrikschlote, ratterten die Maschinen, verkürzte die Eisenbahn die Entfernungen auf dem alten Kontinent auf die Dauer einer Zugfahrt. Kurz: Das industrielle Zeitalter hatte Einzug gehalten. Mit ihm sollten sich Antlitz und vor allem der Geist Europas verändern wie in all den Jahrhunderten zuvor nicht. Doch die Reaktion auf Rationalisierung in Denken und Arbeiten ließ mit der Romantik nicht lange auf sich warten. Die Sehnsucht nach Heimat angesichts der neuen Unbehaustheit fand dabei nicht nur in der Hinwendung zur Natur ihren Ausdruck, sondern auch in der Besinnung auf das eigene Herkommen. Mit dem Mittelalter stand für die Romantiker die bessere Vergangenheit zur als trostlos empfundenen Gegenwart bereit. In seinen Domen und Burgen war es zudem allerorten greifbar. In diesem Kontext der Begeisterung für das christliche Mittelalter steht der „Atlas zur Geschichte der Deutsch-mittelalterlichen Baukunst“ von Georg Gottfried Kallenbach. 1847 ist er erstmals in gebundener Form erschienen. Jetzt hat der Darmstädter Primus-Verlag die gestochenen Zeichnungen des Autodidakten aus Ostpreußen im Originalformat faksimiliert. Ergänzt wurde der opulente Band durch Erläuterungen des Heidelberger Kunsthistorikers Matthias Untermann. Die etwa 140 Kirchen und Profanbauten, die Kallenbach gezeichnet hat, geben auch einen Überblick über die Genese der Romanik und der Gotik in deutschen Landen. Es wird deutlich, dass kein anderer Baustil so mit deutschem Wesen verbunden ist wie die Gotik. Kallenbach hat indes – anders als es dem nationalistischen Zeitgeist entsprach – nie das Herkommen der Gotik aus dem französischen Kathedralbau bestritten. Der neue Band ermöglicht deshalb das Kennenlernen eines Baustils, der dem christlichen Abendland ein gemeinsames Antlitz gab. om

    Längst qualmten Mitte des 19. Jahrhunderts über Europa die Fabrikschlote, ratterten die Maschinen, verkürzte die Eisenbahn die Entfernungen auf dem alten Kontinent auf die Dauer einer Zugfahrt. Kurz: Das industrielle Zeitalter hatte Einzug gehalten. Mit ihm sollten sich Antlitz und vor allem der Geist Europas verändern wie in all den Jahrhunderten zuvor nicht. Doch die Reaktion auf Rationalisierung in Denken und Arbeiten ließ mit der Romantik nicht lange auf sich warten. Die Sehnsucht nach Heimat angesichts der neuen Unbehaustheit fand dabei nicht nur in der Hinwendung zur Natur ihren Ausdruck, sondern auch in der Besinnung auf das eigene Herkommen. Mit dem Mittelalter stand für die Romantiker die bessere Vergangenheit zur als trostlos empfundenen Gegenwart bereit. In seinen Domen und Burgen war es zudem allerorten greifbar. In diesem Kontext der Begeisterung für das christliche Mittelalter steht der „Atlas zur Geschichte der Deutsch-mittelalterlichen Baukunst“ von Georg Gottfried Kallenbach. 1847 ist er erstmals in gebundener Form erschienen. Jetzt hat der Darmstädter Primus-Verlag die gestochenen Zeichnungen des Autodidakten aus Ostpreußen im Originalformat faksimiliert. Ergänzt wurde der opulente Band durch Erläuterungen des Heidelberger Kunsthistorikers Matthias Untermann. Die etwa 140 Kirchen und Profanbauten, die Kallenbach gezeichnet hat, geben auch einen Überblick über die Genese der Romanik und der Gotik in deutschen Landen. Es wird deutlich, dass kein anderer Baustil so mit deutschem Wesen verbunden ist wie die Gotik. Kallenbach hat indes – anders als es dem nationalistischen Zeitgeist entsprach – nie das Herkommen der Gotik aus dem französischen Kathedralbau bestritten. Der neue Band ermöglicht deshalb das Kennenlernen eines Baustils, der dem christlichen Abendland ein gemeinsames Antlitz gab. om