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    „Gründer der Kirche Englands“

    Seit der Zeit seiner Konversion hatte Newman sich vieler Verdächtigungen seitens seiner früheren Glaubensgenossen aus der anglikanischen Kirche und der traditionell antikatholisch gestimmten britischen Öffentlichkeit zu erwehren. Nach der Apologia pro Vita Sua war ein deutlicher Meinungsumschwung erfolgt.

    Seit der Zeit seiner Konversion hatte Newman sich vieler Verdächtigungen seitens seiner früheren Glaubensgenossen aus der anglikanischen Kirche und der traditionell antikatholisch gestimmten britischen Öffentlichkeit zu erwehren. Nach der Apologia pro Vita Sua war ein deutlicher Meinungsumschwung erfolgt.

    Bitter war es für Newman, dass ihn viele Bischöfe misstrauisch beäugten. Meist wurden die Vorbehalte nicht offen ausgesprochen. Kardinal Manning (1808–1892) hielt Newman für zu liberal und für zu wenig romorientiert (hier: ultramontan). Wegen seines Artikels im Rambler über das Zeugnis der Laien in Glaubensfragen wurden gezielt Zweifel an der Orthodoxie Newmans in Umlauf gebracht. Ein Monsignore Talbot, der in der römischen Kurie tätig war, schrieb an Kardinal Manning: „Es ist völlig richtig, dass in Rom eine Wolke über Dr. Newman hängt, seitdem der Bischof von Newport ihn wegen Häresie in seinem Artikel für den Rambler angezeigt hat (...) Dr. Newman ist der gefährlichste Mann in ganz England“ (Dessain, S. 217).

    Die folgenden Jahre verbrachte Newman mit einer ausgedehnten pastoralen und wissenschaftlichen Arbeit im Oratorium von Birmingham. Er veröffentlichte 1877 erneut seine korrigierten Vorlesungen über das kirchliche Lehramt The Prophetical Office of the Church. Weitere Neuausgaben seiner überarbeiteten Werke aus anglikanischer Zeit folgen, darunter seine wichtigen Abhandlungen über den hl. Athanasius und die Arianer des 4. Jahrhunderts. Ein Eindruck von der ungeheuren Leistungskraft Newmans entsteht, wenn man die 37 Bände der Gesamtausgabe vor Augen hat, die in London 1868–1979 erschienen ist. Dazu kommen die 28 (von insgesamt 31) Bänden Letters and Diaries, die Dessain unter anderem in London seit 1978 ediert haben. Im Dezember 1877 erreichte Newman eine unerwartete Ehrung aus Oxford. Das Trinity College trug ihm die Ehrenfellowship an. Im Februar 1878 stattete er dem College einen Besuch ab. Es war der erste Besuch in der Universitätsstadt, seit er Oxford 1846 verlassen hatte. Dem Präsidenten hatte Newman geschrieben: „Keine Anerkennung könnte mich tiefer bewegen und keine würde ich lieber annehmen, als die, von der mich Ihr soeben eingegangener Brief unterrichtet hat“ (Dessain, S. 285). Aber auch die andere Wolke des Misstrauens verzog sich.

    Papst Leo XIII.: „Mein Kardinal“

    Papst Leo XIII. erhob Newman 1879 zum Kardinal der heiligen römischen Kirche. Vergeblich versuchte Kardinal Manning, dies zu verhindern. Entgegenhaltungen, Newman sei zu liberal, begegnete der Papst, der von ihm als „il mio cardinale“ sprach: „Es war nicht leicht. Er sei zu liberal, sagte man, aber ich war entschlossen, die Kirche zu ehren, indem ich Newman ehrte“ (Dessain, S. 286). Der Spruch seines Kardinalswappens lautet: Cor ad cor loquitur – das Herz spricht zum Herzen. Er unterstrich damit den personalistischen Zug seines Denkens jenseits einer formlosen Gefühlsreligion und eines blutleeren Rationalismus.

    Sein letztes Lebensjahrzehnt verbrachte Newman im Oratorium von Birmingham, von Unzähligen als Ratgeber gesucht und hochgeehrt in der kirchlichen und wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Zwei Tage nach seinem Tod am 11. August 1890 würdigte ihn Richard William Church, der anglikanische Dekan von St. Paul's, London, mit einem Nachruf im Guardian: „Kardinal Newman ist tot. Mit ihm verlieren wir nicht nur einen der größten Meister des englischen Stils, nicht nur einen Mann von einzigartiger Reinheit und Schönheit des Charakters, nicht nur ein hervorragendes Beispiel persönlicher Heiligkeit, sondern man kann fast sagen, dass mit ihm der Gründer der Kirche von England in ihrer heutigen Gestalt von uns gegangen ist. Wir können nur undeutlich ahnen, was aus der Kirche von England ohne die Traktatsbewegung, deren lebendige Seele und begeisternder Genius Newman war, geworden wäre. Wie groß auch seine Verdienste für die Gemeinschaft sein mögen, in der er starb, so sind sie doch nichts, verglichen mit dem, was er für jene Gemeinschaft getan hat, in der er die ereignisreichsten Jahre seines Lebens verbrachte. Das Beste im Traktarianismus war sein Werk – sein Wirklichkeitsbezug, seine Tiefe, seine Geringschätzung von Äußerlichkeiten, sein wacher Sinn für die Bedeutung des Glaubens für die Seele des Einzelnen ... Wenn ihn auch viele in der römischen Kirche betrauern werden, so wird doch ihr Schmerz geringer sein als der unsere, denn sie haben nicht die gleiche übergroße Dankesschuld ihm gegenüber wie wir“ (Dessain, 290 f.).

    Eröffnung des Seligsprechungsprozesses

    „Was die Leute zu Newman hingezogen hat und weiterhin an ihm fasziniert, sind nicht nur seine intellektuelle Brillanz, seine Einsichten, seine attraktive Persönlichkeit, seine Güte, seine Freundlichkeit und Sympathie andern gegenüber, seine bescheidene Einschätzung seiner eigenen Talente und Erkenntnis seiner eigenen Grenzen, seine völlige Hingabe an die Kirche, sei es zur anglikanischen oder katholischen Zeit seines Lebens. Es ist nicht nur die Tatsache, dass er in einer komplexen Charakterstruktur in harmonischer Weise in sich vereinigt, was normalerweise bei anderen als einander entgegengesetzte Fähigkeiten begegnet: heroische Aktivität und meditativer Geist, Freundesliebe und Liebe zur Einsamkeit, der Mut eines Soldaten und die Zärtlichkeit einer Frau, logischer Verstand in Verbindung mit großer Intuitionsgabe und lebendiger Vorstellungskraft, ein Mensch, der keine Angst davor hatte, in die Tiefen seiner eigenen Seele einzukehren, der durch seine Liebe und sein Interesse an den andern sowie durch seinen Opfergeist vor egozentrischer Haltung bewahrt blieb. – Letzten Endes ist es das Mysterium Newman, das die Leute immer wieder neue Lichtseiten und Schatten entdecken lässt. Zweifellos ist er eine der größten Gestalten in der Geschichte der Kirche und – wie einige meinen – einer ihrer größten Heiligen.“ (Vincent Ferrer Blehl SJ, zitiert nach Biemer, Leben, S. 10)

    1955 wurde in Rom aufgrund der Petitionen ungezählter Newmanverehrer aus vielen Ländern der Seligsprechungsprozess für John Henry Newman eröffnet. Vinzent Ferrer Blehl hat in seinem zweibändigen Werk 1989 ein Lebensbild von John Henry Newman gezeichnet, aus dem hervorgeht, dass die Voraussetzungen für eine Seligsprechung gegeben sind (vergleiche dazu die Lesetipps und Kurztitel). Papst Johannes Paul II. hat am 22. Januar 1991 Newman zum „ehrwürdigen Diener“ erklärt.

    Newman ist kein Schultheologe

    Newmans Theologie unterscheidet sich von der üblichen Weise, in der man in den akademischen Schulen und Universitäten Theologie betreibt: Er hat keine systematische Gesamtdarstellung des christlichen Glaubens ausgearbeitet. Newman war keiner der Theologen, die lediglich die Inhalte des Glaubens im Zusammenhang der Priesterausbildung entfalten. Seine Originalität zeigt sich in der Kunst subtiler Analyse und genauester Beobachtung der einzelnen Aspekte eines Sachverhalts oder einer Problemstellung. Seine Begriffsbildung beruht immer auf einer unvoreingenommenen Wahrnehmung der Phänomene der Realität, die er sich zum Thema nimmt. Nie bestimmt und begrenzt er die Wirklichkeit durch vorweg gebildete Begriffe. Nie lässt er nur soviel gelten, was mit den Vorurteilen einer Theorie über die Welt zusammenpasst. Wenn man sein erkenntnistheoretisches Grundprinzip formulieren will, muss man sagen, dass die reale Erkenntnis in einer umfassenden Kenntnisnahme des Ganzen wurzelt, dessen Teilmomente sodann analysiert werden. Der Gesamteindruck der physischen, historischen, moralischen und religiösen Realität bildet immer den integrierenden Horizont der Erkenntnis. Aus diesem Gesamteindruck heraus werden die einzelnen Aspekte eines Sachverhaltes entwickelt. Bei der Differenziertheit und Vielseitigkeit seiner Beobachtungsgabe und Urteilsfähigkeit kommt ihm eine unglaubliche Kenntnis der profanen und kirchlichen Autoren des Altertums und des Mittelalters zugute. Bewandert war er auch in der protestantischen und katholischen Kontroversliteratur. Er kannte zudem die philosophischen Entwicklungen der Neuzeit, die Autoren des Agnostizismus und Skeptizismus. Er wusste daher sehr genau, wie dringlich eine umfassende Begründung der Glaubwürdigkeit des christlichen Bekenntnisses und eine tiefere Selbstvergewisserung des einfachen und des gebildeten Christen von heute ist. Newman erkannte auch die großen Herausforderungen, die im 19. Jahrhundert mit den neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und der Ausweitung der historischen Kenntnisse auf die Theologie zugekommen sind.

    Cor ad cor loquitur

    Newman leitet nicht aus theologischen Grundbegriffen die weiteren Inhalte des Glaubens ab: zum Beispiel aus dem Glauben an die wahre Gottheit und Menschheit Christi die Existenz eines göttlichen und menschlichen Willens in Jesus. Er appelliert aber auch nicht an unbestimmte Gefühle und Erlebnisse, wie die in seiner Zeit einflussreiche „Gefühlstheologie“, die unabhängig vom Verstand und den Naturwissenschaften durch das Gefühl die Welt der Religion zugänglich machen wollte. Der evangelische Theologe Friedrich Schleiermacher (1768–1834) sieht die Religion beispielsweise im Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit des Menschen von Gott begründet. Dadurch sollte der Religion ein Platz eingeräumt werden jenseits der Naturwissenschaften und einer Philosophie, die eine vernünftige Begründung der Religion in metaphysischen Grundeinsichten (zum Beispiel in die Existenz Gottes, der Seele ...) nicht mehr leistete. Newman hingegen versteht den Glauben als klare Erkenntnis Gottes und der göttlichen Offenbarung aufgrund des autoritativen Zeugnisses der menschlichen Träger des in der Geschichte an den Menschen ergangenen Wortes Gottes. Der Glaube spricht den Menschen in der Ganzheit seiner Existenz an, die sich im Kontext der Natur und im Gang der Geschichte der menschlichen Gesellschaft ereignet als Zustimmung des Gewissens in voller Freiheit. Darum kommt im Verhältnis des Menschen zu Gott die personale Dimension der Erkenntnis ins Spiel, die gegenüber der Erkenntnis der Materie, der formalen Logik und des äußeren Geschichtsablaufes eine ganz eigene Dimension der Wirklichkeit bildet. Erst mit der Kategorie des personalen Verhältnisses von Gott und Mensch ist eine Ebene erreicht, auf der die Aussagen des Glaubens verstanden und frei angeeignet werden können. Das will der Spruch in Newmans Kardinalswappen sagen: Das Herz spricht zum Herzen (cor ad cor loquitur). Das biblische Wort „Herz“ drückt die dem menschlichen Personsein entsprechende und gerechtwerdende ganzmenschliche Beziehung zu Gott aus.

    Der Leser der Schriften Newmans hat nie den Eindruck, dass der Verfasser ihn belehren will. Newman redet nicht auf ihn ein, sondern er spricht mit ihm über das gemeinsam interessierende Thema: ob die Grundfragen menschlicher Existenz im Licht der Offenbarung Gottes aufgehellt werden können oder für immer im Dunkeln bleiben müssen. Dem Leser bleibt die volle Freiheit, sich überzeugen zu lassen oder nicht.

    Wer aber eine vernunftgestützte Begründung des Glaubens an die Existenz Gottes, seinen Heilsplan und seine Wortoffenbarung in der Geschichte ablehnt, darf sich von einer ernsthaften, nämlich vernunftgemäßen Begründung des Nicht-Glaubens nicht dispensiert fühlen. Nicht nur der Glaube überschreitet die Vernunft, sondern auch der Unglaube. Wer um die Unvollendbarkeit der Vernunft durch sich selbst und die Unrealisierbarkeit des moralischen Gewissens aus eigener Kraft weiß, dem wird die rationale Begründung des Unglaubens keineswegs mehr so einleuchtend erscheinen, wie das die Propagandisten des agnostischen und skeptischen Liberalismus selbstverständlich voraussetzen. Die religiösen und metaphysischen Fragen lösen sich mit dem Fortschritt der Natur- und Sozialwissenschaften nicht von selbst auf. Sie können nicht mit dem Anspruch auf eine höhere Intellektualität definitiv als erledigt erklärt werden. Bei jedem Menschen beginnt in seiner persönlichen Lebensgeschichte in der Mitte seines Gewissens die Dramatik der geistigen und moralischen Herausforderungen jeweils neu. Jeder wird bewegt von der Sehnsucht nach Liebe und Glück, von der Frage nach dem Sinn des Lebens, der endlichen Wirklichkeit. Jeder steht vor der Entscheidung, sich dem Wahrheitsanspruch der Offenbarung Gottes zu stellen oder sich davon abzuwenden. Diese Fragen sind die jedes Menschen zu jeder Zeit. Das macht die Aktualität des Denkens von John Henry Kardinal Newman aus.

    Aus Bischof Gerhard Ludwig Müller: John Henry Newman. Vorzugsausgabe von John Henry Newman begegnen zur Seligsprechung, 1. Auflage 2010, Sankt Ulrich Verlag Augsburg (www.sankt-ulrich-verlag.de), 191 Seiten, EUR 19,90