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    Gottlose Techniken des Geistes

    Warum lassen sich Hirnforschung und buddhistische Meditation so leicht vereinbaren? Beide entsprechen einem minimalistischen Lebensgefühl, in dem das Dasein auf ein paar unkomplizierte Eigenschaften reduziert wird. So jedenfalls in der Version, die Wolf Singer, Hirnforscher am Max Planck Institut und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der atheistischen Giordano Bruno Gesellschaft mit Matthieu Ricard, ehemals Molekularbiologe und buddhistischer Mönch, in ihrem Gesprächsband bieten.

    Warum lassen sich Hirnforschung und buddhistische Meditation so leicht vereinbaren? Beide entsprechen einem minimalistischen Lebensgefühl, in dem das Dasein auf ein paar unkomplizierte Eigenschaften reduziert wird. So jedenfalls in der Version, die Wolf Singer, Hirnforscher am Max Planck Institut und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der atheistischen Giordano Bruno Gesellschaft mit Matthieu Ricard, ehemals Molekularbiologe und buddhistischer Mönch, in ihrem Gesprächsband bieten.

    Es ist die große Vereinfachung, die der der Kultur Überdrüssige heute zu brauchen scheint. Das große gute Gefühl als Lebensstil, das die neue Verantwortlichkeit vorgibt. Vielleicht als eine Art Nachfolgegeneration der 68er, nur dass Freiheit eine bloß noch untergeordnete Rolle spielt. Denn sowohl Singer gehört zu den Bestreitern der Willensfreiheit und im Buddhismus spielt Freiheit auch keine Rolle, ebenso wie das Individuum. So wird ja auch Buddhas Geburtstag nicht gefeiert, weil Geburt und damit Wiedergeburt ein trauriger Tag sei. Aber solch trübe buddhistische Gedanken sind in dem Band der neuen Suhrkamp-Reihe „edition unseld“ nicht zu finden. Hier geht es nach dem Geschmack des westlichen Buddhismus unbeschwert zu.

    Um es gleich vorweg zu sagen, der Band ist eher eine Werbeschrift für den Buddhismus als eine Auseinandersetzung zwischen Hirnforschung und Buddhismus. Und Wolf Singer ist merkwürdig zahm geworden; von seiner Theorie, es gebe keinen freien Willen, sagt er nichts. Dafür gibt er Ricard durch permanentes Nachfragen Steilvorlagen für dessen Gedanken zur Meditation. Das Ganze läuft auf einen Gefühlsatheismus hinaus. Gleich zu Beginn sagt Ricard, „dass der Buddhismus keine Religion im allgemeinen gebräuchlichen Sinne des Wortes ist, denn er gründet sich nicht auf einen Schöpfergott und erfordert keine Glaubensakte. Man könnte den Buddhismus vielmehr als eine Wissenschaft des Geistes und einen Weg zur Transformation bezeichnen. Er erforscht den Geist empirisch und das schon seit über 2500 Jahren“. So wird also von vornherein suggeriert, die Welt werde auch ohne Gott besser und ohne Gott sei es sogar vorteilhafter.

    Mit dieser gottlosen Technik des Geistes wird im Folgenden entwickelt, wie die Transformation geschehen soll. Auch das scheint ein Erbe der 68er zu sein: die Veränderung des Bewusstseins. Nur dass man jetzt glaubt, nicht bei der gesellschaftlichen Wirklichkeit ansetzen zu müssen, sondern im Innenleben eines Jeden unter dem Titel „Wissenschaft des Geistes“. Die „komplexen Theorien“ der Psychoanalyse verwirft Ricard ausdrücklich, vielmehr gehe es darum, eine „Win-Win-Situation“ herzustellen, in der wir „selbst ein glückliches oder erfüllteres Leben führen und außerdem zum Glück anderer beitragen können“. So naiv sind die Buddhisten in Asien jedoch nicht. Einmal sind die Lehren zumeist recht komplex und verbunden mit logischen Argumentationsformen und der Lehre von der Wiedergeburt, von der der europäische Buddhismus eigentlich nichts wissen will; von der Metaphysik will man ja gerade wegkommen. So bleiben hier nur psychische Techniken des Gefühlsausgleichs; Ricard betont etwa den Abbau von Hassgefühlen, die nicht unserem eigentlichen Wesen entsprechen. Man sage ja auch, in solch starken Emotionen sei man außer sich. Das ist nicht falsch, wird es aber, wenn allein darauf ein Weltbild aufgebaut werden soll. Denn die Wirklichkeit ist komplexer und lässt sich aus dem harmonischen Gefühlskern nicht ableiten. Ebensowenig wie aus der Evolutionstheorie, die Singer hier vertritt: „Wir sind, was uns die biologische Evolution über die Gene und die kulturelle Evolution über Erziehung aufgeprägt hat.“ Es gibt in der Wissenschaft zahlreiche methodische Zugänge zum Verständnis der Welt, und die Biologen können nicht erklären, warum ihr Zugang zur Welt der zentrale sein soll. Sie übersehen schlicht, dass es gerade die Vielfalt der Sinnbezüge mit dem Mittelpunkt der Schöpfung ist, die auch dem Leben Sinn gibt.

    Über den Bezug zwischen Hirnforschung und Meditation ist in dem Band wenig zu erfahren. In der Meditation könne man durch negative Gefühle lernen, dass sie Projektionen der Wirklichkeit seien, und Singer fügt ergänzend hinzu, „negative Emotionen haben auch außerordentlich wichtige Funktionen für das Überleben des Organismus. Sie sind vermutlich kein sinnloses Nebenprodukt der Evolution, sondern bleiben erhalten, weil sie dem Überleben dienen. Sie schützen und und helfen uns, averse und gefährliche Situationen zu meiden.“

    „Simplify your life“ ist nicht nur eine Fernsehserie, es ist zum Lebensstil geworden. Fazit: Atheismus in der Wissenschaft geht mit atheistischer Religion Hand in Hand. Eine der Überschriften kennzeichnet das ganze Buch: Internes Geplapper oder Verweilen im Hier und Jetzt.

    Von Alexander Riebel