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    Gott in Christus nahekommen

    Darmstadt führt im 110. Geburtsjahr von Olivier Messiaen sein grandioses Bühnenwerk „Saint François d?Assise“ auf. Von Werner Häussner

    Der Wahrheit so nahe – Szene aus Olivier Messiaens Oper „Saint François d?Assise“ Foto: Staatstheater Darmstadt

    Die Acht steht in der christlichen Symbolik für die geistige Wiedergeburt und den Anbruch einer neuen Zeit. Sie ist die Zahl der Seligkeiten und des Glücks. Das Oktogon christlicher Taufkirchen spricht davon ebenso wie die Zahl der Wochentage. Dass Olivier Messiaen sein Bühnenwerk „Saint François d?Assise“ mit acht Bildern in drei Akten gliedert, ist also kein Zufall. Die Drei der göttlichen Personen im Christentum und die Symbolzahl für Taufe und Auferstehung verbinden sich.

    Von solcher Symbolik ist Messiaens grandioses Alterswerk – uraufgeführt 1983 in Paris – durch und durch geprägt. Der Dreiklang kommt zu seinem Recht und entfaltet in archaischer Reinheit seine Wirkung – aber er wird gebrochen durch die Sexte, die den Klang spannend und reibungsvoll macht: Die pure Seligkeit, so ließe sich sagen, wohnt nicht einmal den Prädikaten der Gott- und Menschheit Jesu inne, die der Chor wuchtig akzentuiert im siebten Bild hinausruft, bis hin zum suggestiven Crescendo auf „Gott und Mensch“ hin. Messiaen lässt Gounod?sche Süße höchstens einmal kurz aufblinken, um sie gleich wieder in die geordnete Vielfalt des entscheidenden Symbols für die Zeit, des Rhythmus, hinein aufzulösen. Wir hören keinen musikalischen Supranaturalismus. Uns bleibt, Gottes Spuren in der Zeit zu verfolgen.

    Der Oper Gegenstand ist einer der größten Gottsucher der Geschichte des Christentums: Franz von Assisi. Messiaen schreibt keine klingende Biografie, er entfaltet längst nicht alle Aspekte des Lebens dieses bis heute so wirkmächtigen Heiligen der Armut, der Demut und der Liebe zu Mensch und Schöpfung. Franziskus ist nicht der aufbegehrende junge Mann, der seinem Vater die Kleider hinwirft und sich aus der Sicherheit einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie in Armut und Betrachtung zurückzieht. Er ist auch nicht der, der die Kirche wieder aufbaut. Und auch nicht der Bote des Friedens in den Kreuzzugskämpfen mit den Muslimen, wie er im Programmheft mit Worten Navid Kermanis eindrucksvoll beschrieben wird. Er ist der Mensch, der mit aller inneren Intensität Gott sucht und ihm in Christus nahe kommen will.

    So werden die viereinhalb Stunden Musik, durch zwei Pausen auf knapp fünfeinhalb Stunden Aufführungsdauer gebracht, zu einer mystisch-meditativen Reise in die Glaubenswelt eines Heiligen. Der Ausgangspunkt ist, was der Chor am Ende des ersten Bildes singt: In die Fußstapfen Jesu tritt, wer sich selbst verleugnet, sein Kreuz auf sich nimmt und ihm nachfolgt. Das Ende ist die Liebe, bis zum Tod am Kreuz, mit der sich Franziskus in völliger Verzückung identifiziert, als er die fünf Wundmale Christi empfängt. Und im Tode die Wahrheit schaut, mit deren „Überfülle“ Gott ihn blenden möge. Dazu senkt sich in der Neuinszenierung von Messiaens monumentalem Opus eine Lichtkugel herab und blendet die Augen der Zuschauer bis an die Grenze des Schmerzes.

    Es hat eine pikante Note, wenn rechtzeitig vor Messiaens 110. Geburtstag am 10. Dezember jetzt ausgerechnet in Darmstadt seine Oper wieder zur Debatte gestellt wird. Denn Messiaens rational konstruierender Stil seiner mittleren Jahre wurde zu einem der Ausgangspunkte der einflussreichen Darmstädter Schule. Messiaen und deren Jünger entfremdeten sich jedoch bald. Während aber die Musik dieser fünfziger Jahre heute ein Schattendasein fristet – warum spielt man in Darmstadt eigentlich statt des Allerwelts-Repertoires nicht mal eine Oper aus dieser Zeit? – ist Messiaen heute auf der musikalischen Agenda weithin präsent.

    Das Staatstheater jedenfalls hat die ungeheure Herausforderung vor allem musikalisch glänzend pariert. Johannes Harneit, das Staatsorchester und je drei fabelhafte Musiker am Schlagzeug und den von Messiaen so geliebten elektronischen Ondes Martenot können sich erstklassigen Aufführungen wie in München und Amsterdam durchaus zur Seite stellen. Harneit lässt die Violinen in aller Vielfalt schillern, stellt kristallin-kalt geschliffene Klänge gegen weichen, harmonisch anachronistisch schön gefalteten Samt, behandelt Effekte dezent, ohne die Farbwirkung der Klänge abzustumpfen. Und er hütet sich vor dem Rausch: Ein kammermusikalisch beherrschter, verhaltener Glanz legt sich über die Stellen, an denen Messiaen eben nicht auf den vollen Apparat setzt, sondern subtile Wirkungen mit einzelnen Motivsignalen, mit solistischen Verknüpfungen erzielt. So gerät die „Vogelpredigt“ und das antwortende Konzert der gefiederten Freunde Franziskus‘ zu einem Wunder an Leichtigkeit, Präzision und gleichzeitig sorgsam ausgearbeiteter Spontaneität.

    Auch die Chöre Darmstadts können sich hören lassen: Der Opernchor, der Rhein-Main Kammerchor und die Darmstädter Kantorei sind von ihren Leitern und einem Team von Einstudierern glänzend vorbereitet in die Premiere gegangen. Ob im Pianissimo aus der Ferne oder in voller Pracht aus dem kreuzförmig abgeteilten Zentrum des Zuschauerraums: Der Klang, die Genauigkeit und die Balance der Stimmen wirken tadellos.

    Der Darmstädter Intendant Karsten Wiegand und seine Co-Regisseurin Luise Kautz setzen für den undramatischen Verlauf auf eine Reihung behutsam entwickelter szenischer Zeichen, deren innerer Bezug zu Text und Musik schlüssig wird, deren lose Folge aber keinen konsistenten Zusammenhang bildet. Aus Gruppen weißgekleideter Menschen (Kostüme: Andrea Fisser) lösen sich im ersten Bild Franziskus und Bruder Léon in ihrem Dialog über das Ertragen von Leiden und Widersprüchen im Geiste Christi. In einem Video (Roman Kuskowski) schwenkt die Kamera über einen Marktplatz, auf dem wohl ein größeres Ereignis stattgefunden hat: Tribünen werden abgebaut, zuletzt rückt eine Heiligenstatue ins Zentrum des Blicks. Eine Schlüsselszene im dritten Bild, als sich Franziskus überwindet, den Aussätzigen zu küssen, erinnert mit dem in Binden eingewickelten Kranken – markant gestaltet von Mickael Spadaccini – an den von den Toten auferweckten Lazarus, aber weder die spannungsreiche Szene zwischen ihm und Franziskus noch der Freudentanz nach der Heilung gehen über szenische Gemeinplätze hinaus. Eine Spur heiterer Leichtigkeit legt der Engel Katharina Persickes mit seinen leuchtenden Sohlen, der den grämlichen Bruder Élie (Michael Pegher) – in der braunen Kutte der Franziskaner gänzlich um die weltliche Organisation besorgt – mit seiner Unbeschwertheit und der Frage nach der Vorsehung provoziert.

    Gerne hätte man sich auch erschlossen, welch weise weltsichtige Einsicht der „Gehende“ (Erwin Aljukic) vermitteln sollte, der sich am Eisernen Vorhang entlang schiebt, um schließlich mit dem Buchstaben OAMDG dem Kundigen zu künden, dass alles zur größeren Ehre Gottes geschehe? Eindrucksvoll dagegen das mit dem Sonnengesang eingeleitete fünfte Bild, in dem Franziskus vor den Projektionen einer wüsten Landschaft im Kreis geht – Sinnbild einer geistlichen Wüstenwanderung, aus der erlöst wir ihn später im Zentrum des Kreuzes wiederfinden.

    Dass sich über die lose Folge von Bildern kein Bogen spannen will, mag auch an der Bühne von Bärbl Hohmann liegen, deren Raum- und Bildprojektionen auf fünf Paneelen teilweise über naheliegende Illustration nicht hinauskommen, etwa wenn der Engel mit Bildern spielt, die an Giottos Fresken in Assisi erinnern, wenn beim Erscheinen des Engels Wolken ziehen oder bei der Vogelpredigt im ganzen Raum schwarz-weiß geschnittene Vögel kreisen. Berührend allerdings gelingt die letzte Szene: Während der Heilige Abschied nimmt, kämpft sich in einem Video ein Vögelchen aus dem Ei hinaus ins Licht der Welt. Das ist der Sieg des Lebens, das in der christlichen Hoffnung mit der Auferstehung von den Toten zu sich selbst und zu seiner ganzen Fülle gelangt.

    Weitere Vorstellungen am 23. September, 3. und 28. Oktober, 11. November 2018, jeweils 16 bis ca. 21.30 Uhr. Karten 0 61 51-2 81 16 00 oder www.staatstheater-darmstadt.de

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