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    Gott als Grund

    Die Argumentation für und wider die Existenz Gottes ist eine zentrale Debatte in der Theologie und auch in der Philosophie. Mit der Existenz Gottes steht und fällt nicht nur der Glaube an Gott, sondern auch die Möglichkeit einer Begründung ganz generell.

    „Grund und Begründendes unterscheiden“: Der „Vertikale Erdkilometer“ des amerikanischen Künstlers Walter de Maria in Kas... Foto: dpa

    Die Argumentation für und wider die Existenz Gottes ist eine zentrale Debatte in der Theologie und auch in der Philosophie. Mit der Existenz Gottes steht und fällt nicht nur der Glaube an Gott, sondern auch die Möglichkeit einer Begründung ganz generell.

    Es ist dabei wichtig zu unterscheiden, dass es nicht um eine Begründung Gottes geht, sondern eher um die Frage einer belastbaren Argumentation für die Existenz Gottes. Ist eine solche überzeugende Argumentation gelungen, ist Gott philosophisch gewissermaßen als „Archimedischer Punkt“ anzusehen, von dem aus eine grundlegende Begründung der Wirklichkeit, also von Sein, Welt und Person, erfolgen kann.

    Als höchste beziehungsweise letzte Realität gehört Gott selbst dieser Wirklichkeit an. Gott ist nach Thomas von Aquin „causa prima“ (erster Grund) und „ens a se“ (Sein aus sich heraus; Aseität). Gott ist demnach selbst das Sein, gleichzeitig ist zwischen dem Sein Gottes und dem geschaffenen Sein zu unterscheiden. Das geschaffene Sein, die Schöpfung, hat ihr Sein von Gott erhalten, sodass Gott Grund des Seins der Schöpfung ist. Gleichzeitig ist Gottes Sein keine Selbstbegründung für die geschaffene Wirklichkeit, da das aus sich seiende Sein Gottes als des Schöpfers vom geschaffenen Sein der Schöpfung zu differenzieren ist. Diese Überlegungen knüpfen an das ontologische Argument für die Existenz Gottes an, wie es in unterschiedlicher Formulierung bei Augustinus, Boethius und Anselm, aber auch bei Hegel zu finden ist: Gott ist das, worüber hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, deshalb muss ihm Existenz zukommen, da er sonst nicht das Größte wäre, was gedacht werden kann, würde ihm doch die Existenz zur Vollkommenheit fehlen.

    Andere Argumente für die Existenz Gottes schließen von der Existenz der Welt auf die Existenz Gottes, wie die „fünf Wege“ des Thomas von Aquin, die auf der realphilosophischen Metaphysik von Aristoteles beruhen. Ebenfalls von der Welt gehen die Wahrscheinlichkeitsüberlegungen bei Richard Swinburne aus: Durch die Hypothese der Existenz Gottes wird die Wahrscheinlichkeit für das Dasein der Welt erhöht, umgekehrt wird dadurch die Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes erhöht, da das Dasein der Welt offenkundig ist. Neuere Überlegungen, so bei Robert Spaemann, gehen von der absoluten Wahrheit und deren Begründung aus. Gott ist dabei nicht als Schlussstein in einem philosophischen System anzusehen, das den personalen, lebendigen Gott zu sehr einschränken oder einengen würde, sondern als Grund, der außerhalb eines philosophischen Systems steht.

    Diese Vorüberlegungen zeigen, dass es in der philosophischen Argumentation um die Existenz Gottes vor allem auch um transzendentalphilosophische Fragestellungen geht, nicht allein um transzendente Fragestellungen. Während transzendente Fragen sich auf Gott und seine Seinsweise richten, zielen transzendentale Fragestellungen auf die Bedingungen der Möglichkeiten von Sein und Erkenntnis ab. Diese letzteren Fragen verbleiben zunächst ganz im Rahmen eines philosophischen Begründungszusammenhangs und greifen nicht auf das Religiöse oder den Glauben aus. Daraus folgt, dass die philosophische Relevanz der Auseinandersetzung mit der Existenz Gott nicht religiösen Charakter trägt, sondern insbesondere der Möglichkeit der Begründung dient.

    Dieser Gedanke besteht aus zwei Schritten beziehungsweise Fragestellungen: 1. Inwiefern sind Begründungen überhaupt notwendig? 2. Ist Gott ein guter, vernünftiger Grund für etwas?

    Zunächst ist in der Tat zu fragen, inwiefern Begründungen notwendig sind. Eine der Hauptaufgaben der Philosophie besteht darin, Voraussetzungen des Denkens, die durchaus nicht sofort offenbar sein müssen, zu klären, um so zu einem möglichst voraussetzungslosen Denken zu gelangen, also zu einer Reinform des Denkens.

    Jedes menschliche Tun, jede Handlung eines Menschen setzt eine Motivation, einen Grund für das voraus, was getan wird. Anders kann menschliches Handeln nicht gedacht werden, wenn man es in Anlehnung an Aristoteles als zielgerichtetes Tun auffasst. Menschliches Handeln hat ein Woher und Wohin. Doch nicht nur das Handeln, sondern auch die Wirklichkeit als solche, das Sein, die Existenz des Menschen als Person, bedürfen eines Grundes.

    Dieser Grund kann nun in einem nicht weiter reflektierten Gefühl liegen oder er kann als nicht wichtig angesehen und damit vernachlässigt oder implizit vorausgesetzt werden. Im Extremfall wird auf eine solche Begründung ganz generell verzichtet. Insbesondere die Philosophie der Postmoderne entzieht sich dieser Begründungspflicht, indem sie vor der Aufgabe der starken Begründung der Wirklichkeit kapituliert und sich mit einem „pensiero debole“ (schwachen Denken) begnügt, wie es Gianni Vattimo tut.

    Doch damit verliert die Philosophie die rationale Suche nach Gründen und deren Prüfung, was nicht zuletzt ein Abschied vom Projekt der Aufklärung darstellen würde, wie der Philosoph Rémi Brague beklagt. Auch die Gefahr einer ideologischen Aufladung von Gründen ist gegeben, wenn deren vernünftige Untersuchung unterbleibt.

    Die Aufgabe der rationalen Prüfung von Begründungszusammenhängen ist also notwendig, wenn nicht ein Verzicht auf Vernunft überhaupt oder die Gefahr der weltanschaulichen Ideologisierung in Kauf genommen werden, was nicht wünschenswert, ja sogar gefährlich ist. Das Interesse an einer vernunftorientierten und wissenschaftlichen Ergründung und Untersuchung der Wirklichkeit ist unzweifelhaft größer als das Bestreben nach einem Verzicht auf eine solche Untersuchung.

    Hier setzt der zweite Gedankenschritt ein: Was macht einen Grund zu einem guten, starken Grund? Diese ebenfalls klassische Frage der Philosophie geht davon aus, dass für einen komplexen Zusammenhang, wie ihn die Wirklichkeit mit ihren Vorgängen darstellt, ein einfacher, nicht-komplexer Grund benötigt wird. Andernfalls könnte man beispielsweise die Welt oder menschliche Handlungen nur als „facta bruta“, als bloße Gegebenheiten ohne vernünftigen Grund hinnehmen. Auch eine weitere natur- oder sozialwissenschaftliche Untersuchung von Welt, Mensch und Gesellschaft würde sich dann erübrigen, da über eine bloße Gegebenheit ohne vernunftorientierte Struktur nichts aussagbar wäre, außer bloße Beschreibungen wechselnder Zustände, was wiederum wissenschaftlich sehr unbefriedigend wäre. Eine umfassende transzendentale, nicht transzendente Begründung des Seins und der Wirklichkeit ist also durchaus sinnvoll und vernünftig.

    Also ist demnach ein in sich einfacher, ewiger, unbegrenzter und ungeschaffener Grund notwendig, um einen komplexen Gegenstand der Wirklichkeit, wie die Welt und ihre Abläufe, sinnvoll und vernünftig begründen zu können. Folgt man der Argumentation des Religionsphilosophen Richard Swinburne, erhöht eine solche einfache Begründung für einen komplexen Zusammenhang die Wahrscheinlichkeit des Bestehens dieses ohnehin bekannten komplexen Zusammenhangs, wie dies bei der Existenz der Welt der Fall ist.

    Demnach wäre ein einfacher, ewiger, unbegrenzter und ungeschaffener Grund durchaus ein guter, ja sogar ein vollkommener und letzter Grund für die Existenz der Welt.

    Doch muss dieser Grund gleich mit Gott, gar mit dem Einen und Dreifaltigen gleichgesetzt werden? Genügt nicht die Begründung der Wirklichkeit ausgehend vom Subjekt als „res cogitans“ (denkende Substanz; Descartes)? Diesem Einwand ist entgegenzuhalten, dass erstens das Subjekt wiederum Teil der geschaffenen Welt ist, die es begründen soll und dass es zweitens ein zeitlich endlicher und nicht vollkommener Grund für die Wirklichkeit wäre.

    Wenn nicht das Subjekt als Begründung genügt, so mag die Annahme einer Art „Weltgeist“, wie wir sie bei Plotin oder später bei Hegel finden, ausreichen. So könnte ein weiterer Einwand lauten. Ein solcher Weltgeist als Grund der Welt wäre aber mit der Welt und damit mit dem zu begründenden System untrennbar verbunden. Nimmt man Gott als ewigen und allmächtigen Schöpfer der endlichen Schöpfung, der Welt, an, dann wäre Grund und Begründendes ontologisch voneinander unterschieden, wodurch die Stärke dieser Begründung für die Welt noch erhöht wird und ein Zirkelschluss vermieden wird. In ähnlicher Weise steht dann auch Platons Gutes „jenseits von Sein und Wesenheit“, wie es in seinem Dialog „Politeia“ (509 b) heißt.

    Das Verhältnis des Schöpfers zur Schöpfung ist ferner als Gerechtigkeit und als liebende Vorsehung identifizierbar, wie sie sich in Jesus Christus in unüberbietbarer Weise selbst offenbart hat. Auch die Freiheit der menschlichen Person, die die Freiheit zum Scheitern, zum Bösen und damit zum Verlust der Freiheit einschließt, ist als Kennzeichen der Würde der Person vom Schöpfer ausdrücklich gewollt: Christus selbst verheißt „das Leben [...] in Fülle“ (Joh 10, 10). Damit wird Gott der Wirklichkeit als Begründung durchaus gerecht. Die philosophische Begründung von Sein und Wirklichkeit konvergiert dann mit der christlich-theologischen.

    Gott erweist sich also als guter, starker und letzter Grund der Wirklichkeit, der er, unterschieden von der Schöpfung, als höchste Realität auch angehört. Damit wird Gott nicht „verzweckt“ oder instrumentalisiert, da er als Transzendenter und Ewiger für den Menschen zwar erkennbar aber nicht abschließend erfassbar bleibt. Gott wird durch seinen begründenden Charakter, den er für die Welt hat, nicht eingeengt oder begrifflich so gefasst, dass es ihn nicht mehr gibt, oder dass Gott im Hegelschen Sinne „tot“ ist, da er nur begrifflich existiert. Gott bleibt, in Anlehnung an Böhme und Schelling, der selbst nicht zu ergründende „Urgrund“ oder „Ungrund“ des Seins.

    Will man nicht das Vernunftprinzip und damit ein Herzstück der Aufklärung aufgeben, muss die Notwendigkeit der Begründung als rationale Grundlage der Wirklichkeit, insbesondere des menschlichen Seins und Handelns, akzeptiert werden. Wenn der Mensch keinen Grund mehr für sein Handeln hat, handelt er nicht. Dadurch wird der Mensch letztlich krank und kann sein Leben nicht mehr in freier Verantwortung gestalten.

    Es besteht also durchaus die philosophische Notwendigkeit eines starken und guten Grundes der Wirklichkeit, des menschlichen Handelns und des Daseins überhaupt, wie es Rémi Brague in seiner Münchener Abschiedsvorlesung dargelegt hat (DT vom 19. Juli).

    Erweist sich nun Gott als eine mögliche, starke und gute Begründung der Wirklichkeit, wird dadurch, zusätzlich zu den bereits bestehenden Argumenten für die Existenz Gottes, die Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes weiter erhöht, da ein starker, aber nicht existenter Grund eben kein starker Grund mehr wäre.

    Damit gewinnt die Religion als menschliche Antwort auf das Transzendente eine neue und zentrale Bedeutung.

    Sie kann dann nicht mehr Privatsache sein, da in der Religion etwas reflektiert und über etwas argumentiert wird, das alle Menschen in gleicher Weise angeht: Gott als zentraler und guter Grund der Wirklichkeit, die den Menschen und sein Handeln einschließt.