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    „Glücklicherweise gibt es einen Knopf zum Ausschalten“

    Er ist nicht der Bundeskanzler, auch nicht der Bundespräsident – doch offensichtlich hat sich Wolfgang Bosbach (CDU) während seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter einen enormen öffentlichen Stellenwert erarbeitet. Man spricht über den eloquenten Rheinländer, der die Polit-Talk-Show „Maischberger“ vorzeitig verlassen hat, weil eine Mitdiskutantin nicht sachlich genug war. Und man rätselt: Gibt es zwischen dem rhetorisch-medialen Clash bei der Sendung, der dem real-politischen Clash des G20-Gipfels in Hamburg thematisch folgte, einen tieferen Zusammenhang? Liegen die Nerven bei immer mehr Verantwortungsträgern in Politik und Medien blank? Folgt der oft beschworenen Dialog-Kultur nun endgültig die Krawall- oder gar die Der-Rest-ist-Schweigen-Kultur?

    «Maischberger» vom 12.07.2017
    Moderatorin Sandra Maischberger versuchte in ihrer Sendung, Talkgast Jutta Ditfurth zu beruhigen. Foto: dpa

    Er ist nicht der Bundeskanzler, auch nicht der Bundespräsident – doch offensichtlich hat sich Wolfgang Bosbach (CDU) während seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter einen enormen öffentlichen Stellenwert erarbeitet. Man spricht über den eloquenten Rheinländer, der die Polit-Talk-Show „Maischberger“ vorzeitig verlassen hat, weil eine Mitdiskutantin nicht sachlich genug war. Und man rätselt: Gibt es zwischen dem rhetorisch-medialen Clash bei der Sendung, der dem real-politischen Clash des G20-Gipfels in Hamburg thematisch folgte, einen tieferen Zusammenhang? Liegen die Nerven bei immer mehr Verantwortungsträgern in Politik und Medien blank? Folgt der oft beschworenen Dialog-Kultur nun endgültig die Krawall- oder gar die Der-Rest-ist-Schweigen-Kultur?

    Sicherlich wäre es nach Hamburg angebracht gewesen, die Vorkommnisse im öffentlich-rechtlichen Diskussionsformat kritisch-konstruktiv aufzuarbeiten. Doch lädt man dazu die sogar bei den Grünen umstrittene Jutta Ditfurth ein, von der allgemein bekannt ist, dass sie bei Talkshows das Thema und die Moral gern an sich selbst zieht?

    So wurde verbal noch mehr Öl ins Feuer gegossen. Krawall statt Befriedung, selbstverliebter Small-Talk statt inhaltliche Auseinandersetzung. Neben dem Polizeikommissar Joachim Lenders kritisierte die 65-Jährige revolutionstrunken den Einsatz von SEK-Einheiten gegen gewalttätige Randalierer: „Ist schon mal mit dem Sturmgewehr auf Sie gezielt worden?“, rief sie in die Kamera und meinte damit nicht Bosbach, sondern alle TV-Zuschauer. Schleierhaft bleibt, warum keiner in der Runde die Geistesgegenwart besaß, die Gegenfrage zu stellen, „Sind Sie schon mal mit einer Batterie Steine bombardiert worden?“

    Die ganze Diskussion war nichts anderes als eine nur schwer zu verdauende Anhäufung von seifigen Plattitüden, die zwischen Fa und Antifa dahinschlingerten und hatte etwas von einem publizistisch-politischen Schlamm-Catchen. Aber welchen Nährwert hat eine Sendung, in der aggressionsgeladene Kontrahenten ihre Parolen durch den Ring pusten, als wären sie gedopte Wrestler im Wettkampfmodus? Und, auch diese Frage sei erlaubt: Welches Zeichen wollte der talkshowerfahrene und als Politprofi doch eigentlich beleidigungsresistente Bosbach setzen, als er die Talkshow nach Ankündigung demonstrativ verließ? Vielleicht dies, dass Toleranz Grenzen kennt? Oder sollte es ein Zeichen dafür sein, dass in den links-libertären Mainstream-Medien die Gewalt von rechts einerseits zu Recht gegeißelt, andererseits linke Gewalt als Kavaliersdelikt schöngeredet wird?

    Der „Maischberger“-Talk bekam nach seinem Abgang nun endgültig etwas Kasperl-Theater-Artiges. Die Moderatorin, die bei ihren Gesprächen mit Helmut Schmidt bewiesen hat, dass Sachlichkeit und Einfühlungsvermögen kein Widerspruch sein müssen, bat Ditfurth aus Gründen der „Parität“ nun auch zu gehen. Doch die sagte trotzig und nicht ohne Logik: „Nö“. Schließlich bestand kein Anlass für sie als Gast, sich der individuellen Entscheidung Bosbachs anzuschließen. Man kann gehen, man kann aber auch bleiben.

    Inzwischen hat sich Sandra Maischberger für ihren moderationstechnischen Faux-Pas bei Frau Ditfurth entschuldigt, die sich nun sogar als doppelte Siegerin fühlen darf. Einzige Ungewissheit: Wer wird sie nochmal zu einer Talkshow einladen?

    Und die Reaktionen? „Das Niveau in manchen Sendungen der öffentlich-rechtlichen Sender ist nicht mehr auszuhalten“, meint der Bundesvorsitzende der Senioren-Union, Professor Otto Wulff. Dass die „radikale Altlinke“ Jutta Ditfurth Polizei und Politik in beleidigender Form die Schuld für die chaotischen Krawalle beim G20-Gipfel in Hamburg zuweisen konnte und sich Maischberger anschließend noch bei der Radikalen für den gescheiterten Versuch entschuldigt habe, sie aus der Sendung hin-auszukomplimentieren, sei ein „nicht zu entschuldigender Tiefpunkt im deutschen Fernseh-Journalismus“, sagte Wulff laut einer Pressemitteilung. „Glücklicherweise gibt es einen Knopf zum Ausschalten.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.