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    Gewissenstäter verdienen mehr Respekt

    Es sei ein Beitrag „zum Zweck sachlicher Klärungen“. So versteht Dieter Witschen die schon auf den ersten Blick außerordentlich unübersichtliche, in ihren einzelnen, miteinander vielfältig verwobenen Gesichtspunkten schwer überschaubaren Frage in seiner jüngst erschienenen Schrift, deren Überschrift aus einem einzigen Wort besteht: „Gewissensentscheidung“. Es geht dem Verfasser – so sagt es der Untertitel des Buches – um eine „ethische Typologie von Verhaltensmöglichkeiten“. Darunter versteht er die Frage, wie sich Menschen zu einer Gewissensentscheidung verhalten können und verhalten sollen – sei es, dass sie diese Entscheidung selbst zu treffen haben, sei es, dass sie als Dritte von der Gewissensentscheidung eines Anderen betroffen werden.

    Ärzte stehen ständig vor Gewissensentscheidungen: Was sie dem Patienten sagen und was sie mit ihm tun. Foto: dpa

    Es sei ein Beitrag „zum Zweck sachlicher Klärungen“. So versteht Dieter Witschen die schon auf den ersten Blick außerordentlich unübersichtliche, in ihren einzelnen, miteinander vielfältig verwobenen Gesichtspunkten schwer überschaubaren Frage in seiner jüngst erschienenen Schrift, deren Überschrift aus einem einzigen Wort besteht: „Gewissensentscheidung“. Es geht dem Verfasser – so sagt es der Untertitel des Buches – um eine „ethische Typologie von Verhaltensmöglichkeiten“. Darunter versteht er die Frage, wie sich Menschen zu einer Gewissensentscheidung verhalten können und verhalten sollen – sei es, dass sie diese Entscheidung selbst zu treffen haben, sei es, dass sie als Dritte von der Gewissensentscheidung eines Anderen betroffen werden.

    Witschen, der vielen Lesern vor fast drei Jahrzehnten mit seinem damals erschienenen, viel beachteten Buch über „Kant und die Idee einer christlichen Ethik“ bekannt wurde, und der zudem als Mitarbeiter eines Offizialats vermutlich auch beruflich mit dem Gegenstand seines Buches immer wieder befasst ist, weist ganz am Beginn seiner jüngsten Schrift darauf hin, dass der Begriff der „Gewissensentscheidung“ heute zwar in aller Munde ist, aber selbst keine lange Geschichte hat. Es handelt sich um einen noch jungen Begriff, der in den einschlägigen Wörterbüchern noch gar nicht auftaucht und außerordentlich erklärungsbedürftig ist. Was also bedeutet es, so fragt Witschen, von einer Gewissensentscheidung – und nicht etwa von einem Gewissensurteil – zu sprechen?

    In einer Gewissensentscheidung gipfeln die moralischen Erwägungen des Menschen. Witschen widmet sich nicht der Klärung der Frage, was das denn ist: ein Gewissen. Das hätte wohl auch den Rahmen des Buches gesprengt. Statt einer ausführlichen Entfaltung des Gewissensbegriffs verweist Witschen den Leser – kenntnisreich und belesen – immer wieder auf einschlägige Belegstellen und erläutert kurz die verschiedenen Verständnisweisen des Gewissens – als praktische Vernunft, als moralischer Wille und als ethisches Gefühl. Wer vom Gewissen spricht, kann zweierlei meinen: entweder verweist er auf das Vermögen einer Person oder aber auf deren Vollzug einer Handlung.

    Und mit dieser letztgenannten Verständnisweise von Gewissen ist Witschen bei jenem Begriff, dem er seine Untersuchung widmet: dem Begriff der Gewissensentscheidung. Sie meint den Vollzug einer Handlung, also den Entschluss eines Menschen, der seine Entscheidung moralisch – und nicht etwa pragmatisch, politisch oder juridisch – begründet. Urheber einer Gewissensentscheidung kann nur der Mensch sein – und zwar immer nur der einzelne Mensch. Er mag sich zuvor beratschlagt und erkundigt, Meinung und Wissen gesammelt und bewertet haben. Wenn von Gewissensentscheidung die Rede ist, dann geht es – am Ende – um das, wofür der Einzelne alleine gerade zu stehen hat, als Subjekt eines unabweisbaren, nur von ihm zu treffenden Entschlusses.

    Das Gewissensurteil geht der Gewissensentscheidung voraus. In den Worten Witschens: Das freie Ich verhält sich zum vernünftigen Ich. Das vernünftige Ich urteilt, wägt ab; das freie Ich entscheidet sich, diesem Urteil zu folgen – oder eben nicht zu folgen. Das vernünftige Ich hat es mit vergleichbaren Möglichkeiten zu tun, es trifft eine Vorzugswahl. Das freie Ich hat es mit einer gegenläufigen Möglichkeit nur insofern zu tun, als es wählen kann, ob es entsprechend oder entgegen seiner eigenen Gewissensüberzeugung handeln will.

    Um also das, was eine Gewissensentscheidung ausmacht, genauerhin klären zu können, ordnet Witschen seine Überlegungen anhand folgender Fragestellung: Wer – tut – was – wem gegenüber – in welchem Zusammenhang und unter welchen Bedingungen. So findet er zu den Bestimmungen, die dem Begriff aneignen, aus der Perspektive des Akteurs, also des Entscheiders. Das zweite, umfangreichere Kapitel des Buches geht sodann der Frage nach den Verhaltensmöglichkeiten gegenüber einer Gewissensentscheidung aus der Perspektive des Anderen – also des von einer fremden Gewissensentscheidung mehr oder weniger Betroffenen – nach. Denn obgleich eine Gewissensentscheidung der ureigene Entschluss einer Person ist, bedeutet das keinesfalls, dass Andere zu einer derartigen Entscheidung eines Einzelnen sich nicht eigens zu verhalten haben oder verhalten können. Wenn sie auch letztlich vom Einzelnen allein und jeweils zu verantworten ist, so hat sie gleichwohl Auswirkungen auf Andere, so dass bereits aus diesem Grund sich das Erfordernis ergibt, sich aus der Sicht des Dritten auf die Entscheidung einzustellen und in ein Verhältnis zu setzen.

    Das Gewissen, so schreibt Witschen, sagt dem Menschen letztverbindlich, wie er selbst hier und jetzt zu handeln hat, sofern er moralisch handeln will. Etwas anderes ist es, wie im Anschluss daran Dritte mit dieser Gewissensentscheidung umzugehen haben oder umgehen können. In insgesamt zehn, nach sachlichen Gesichtspunkten unterschiedenen Einstellungsweisen entwickelt Witschen eine ausgefeilte Typologie solcher Möglichkeiten, sich selbst zur Gewissensentscheidung eines Dritten in ein Verhältnis zu setzen. Das ist eine mehr als beachtliche Ordnungsleistung, zehn unterschiedliche, vom Leser gut nachvollziehbare Weisen der Gestaltung dieser Verhältnisbestimmung zu beschreiben und näherhin zu entfalten: nämlich Bewunderung, Zustimmung, Toleranz, Rücksichtnahme, Schutz, Überlassung, Kritik, Infragestellung, Eingrenzung sowie Hinderung sind jene von Witschen ausfindig gemachten, unterschiedlichen Einstellungsweisen, mit denen der Gewissensentscheidung Anderer begegnet werden kann.

    Witschen erläutert diese Einstellungsweisen auf eine klärende, den Sachverhalt ordnende und nachvollziehbare Weise, die Hinweise darauf gibt, wie eine Gewissensentscheidung des Einzelnen am Ende in den Entscheidungsfluss einer ganzen Gesellschaft einmündet. Dabei gewinnt das Buch an Spannung dadurch, dass sein Verfasser sattsam bekannte und oft zu allgemeiner Ratlosigkeit – nicht selten gar zu gerichtlichen Auseinandersetzungen – führende gesellschaftliche Spannungsfelder, wie sie uns heute nahezu tagtäglich begegnen, in seine Untersuchung einbezieht: der Steuerverweigerer, der nicht will, dass mit seinem Geld Waffenlieferungen bezahlt werden; der Arzt, der sich weigert, an Abtreibungen mitzuwirken; die Kirchengemeinde, die einem von der Abschiebung bedrohten Fremden gegen geltende Gesetze dennoch Asyl gewährt; der Medizinstudent, der sich weigert, an Tierversuchen mitzuwirken.

    Auf Schritt und Tritt spürt der Leser, dass Witschens Untersuchung des Begriffs der Gewissensentscheidung – sämtliche hier genannten Beispielsfälle und viele andere mehr finden ihre Rechtfertigung in der Bezugnahme auf eben diesen Begriff, im Gewissen entschieden zu haben – alles andere als eine trockene ethische Entscheidung darstellt. Sondern sie hat – um ein Lieblingswort des Verfassers aufzugreifen – ihren Sitz mitten im Leben – in unserem Leben. So leistet das Buch am Ende mehr, als es anfangs zu leisten verspricht. Seinem Anspruch nach zielt es – mit Erfolg – auf systematische Klärungen – Klärungen, die ohne jeden Zweifel höchst dringlich sind, bevor der Begriff der Gewissensentscheidung zu einem untauglichen Allerweltsbegriff, der für alles und jedes herhalten muss, verkommt. Tatsächlich führt uns Witschens Untersuchung über solche Klärungen, so dringlich, unverzichtbar und verdienstvoll sie sind, hinaus: indem es uns vor allzu leichtfertigen Verflachungen bei der Begründung unserer Entscheidungen schützt und vor Augen führt, wann und unter welchen Umständen ein Mensch erwarten kann, als ein Gewissenstäter Achtung zu verdienen.

    Dieter Witschen: Gewissensentscheidung. Eine ethische Typologie von Verhaltensmöglichkeiten. Paderborn 2012, Verlag Ferdinand Schöningh, EUR 16,90