• aktualisiert:

    Geschichtswälzer im Hochglanzdruck

    Es war ein großer Auftritt für Andrzej Wajda bei der diesjährigen Berlinale: Zusammen mit der deutschen Bundeskanzlerin präsentierte er dem internationalen Publikum seinen neuen Film „Katyn“, der das sowjetische Massaker an polnischen Offizieren 1940 thematisiert. Ein Massaker, das in den kommunistisch korrekten Lehrbüchern der Volksrepublik Polen jahrzehntelang der deutschen Wehrmacht in die Stiefel geschoben wurde. Wajdas Film räumt mit der ideologischen Geschichtsverfälschung systematisch auf. So detailliert, dass manche polnischen Filmkritiker dem Regisseur bei der Heimatpremiere im Herbst 2007 vorwarfen, einen zu akademischen Film, oder wie die „Newsweek Polska“ schrieb, einen „Geschichtswälzer im Hochglanzdruck“ gedreht zu haben. Andere störten sich an den simplen Gut-Böse-Schemata, obwohl Wajda immerhin auch einen guten Russen auftreten lässt. Die linksliberale „Gazeta Wyborcza“, der alles allzu Patriotische suspekt ist, lobte allerdings die Bildersprache Wajdas als besonders gelungen. Diese Bilder, auch die brutalen, würden in das kollektive Gedächtnis der Polen eingehen und das Gedenken an Katyn prägen.

    Es war ein großer Auftritt für Andrzej Wajda bei der diesjährigen Berlinale: Zusammen mit der deutschen Bundeskanzlerin präsentierte er dem internationalen Publikum seinen neuen Film „Katyn“, der das sowjetische Massaker an polnischen Offizieren 1940 thematisiert. Ein Massaker, das in den kommunistisch korrekten Lehrbüchern der Volksrepublik Polen jahrzehntelang der deutschen Wehrmacht in die Stiefel geschoben wurde. Wajdas Film räumt mit der ideologischen Geschichtsverfälschung systematisch auf. So detailliert, dass manche polnischen Filmkritiker dem Regisseur bei der Heimatpremiere im Herbst 2007 vorwarfen, einen zu akademischen Film, oder wie die „Newsweek Polska“ schrieb, einen „Geschichtswälzer im Hochglanzdruck“ gedreht zu haben. Andere störten sich an den simplen Gut-Böse-Schemata, obwohl Wajda immerhin auch einen guten Russen auftreten lässt. Die linksliberale „Gazeta Wyborcza“, der alles allzu Patriotische suspekt ist, lobte allerdings die Bildersprache Wajdas als besonders gelungen. Diese Bilder, auch die brutalen, würden in das kollektive Gedächtnis der Polen eingehen und das Gedenken an Katyn prägen.

    Durchaus möglich – besonders unter der Generation der Schulkinder und Jugendlichen, die sich den Film im Rahmen des Geschichtsunterrichtes ansehen mussten. Ob sie wollten oder nicht, und welche einen nicht unerheblichen Einfluss auf die schnell emporsteigenden Besucherzahlen des Films hatten. Ein Faktum, das schon bei früheren Wajda-Verfilmungen historischer Stoffe zu erkennen war und den 81-jährigen Regisseur in den Kreisen der polnischen Filmschaffenden trotz seines Klassikerstatus' aufgrund unbestrittener Meisterwerke („Der Kanal“, „Der Mann aus Marmor“) stets ein bisschen verdächtig gemacht hat.

    „Er sucht sich immer die großen, plakativen Themen für seine Filme aus. Themen, die auch bei der schlechtesten Verfilmung ein Gesprächsthema wären. Es geht ihm nicht um Kunst, es geht ihm nur ums Scheinwerferlicht“, sagt denn auch ein älterer Regisseur, der lange Zeit mit Wajda befreundet war, doch – wie er ferner erklärt – aufgrund der wachsenden Eitelkeit des im Jahr 2000 mit dem Ehren-Oscar und 2006 auf der Berlinale mit dem Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk Ausgezeichneten auf heilsame Distanz gegangen ist.

    Und eine Veränderung ist nicht abzusehen. Vor allem nicht, seit der Film „Katyn“ unlängst von der amerikanischen Filmakademie für den Auslands-Oscar nominiert wurde. Was in der polnischen Gesellschaft mit Stolz und Freude aufgenommen wurde – und Wajda eine Dauerpräsenz in sämtlichen Radio- und Talk-Shows des Landes sicherte, wo der Regisseur, der seit 2001 die in Warschau ansässige „Andrzej Wajda Meisterschule für Filmregie“ leitet, viel Raum für seine Ansichten und Erläuterungen fand. Seit der Vergabe der Oscars, bei der Wajda leer ausging, ist es jetzt wieder etwas ruhiger geworden. Wenn man von der massiven Plakat-Werbung für die nun im Handel erhältliche DVD-Fassung des Films absieht. Zudem brachte das Magazin „Polityka“ einen ausführlichen Artikel über Wajda, in welcher sein Film „Katyn“ trotz der „brutalen“ Oscar-Entscheidung als „wichtigster polnischer Film der letzten Jahre“ eingestuft wurde, der wahrscheinlich „interessanter für ein europäisches Publikum“ sei, was die positive Resonanz in Berlin bewiesen habe.

    Immerhin: Der Stoff des Films „Katyn“, basierend auf einem Roman „Post Mortem“ von Andrzej Mularczyk, berührt durchaus persönliche Erfahrungen des Regisseurs. Schließlich starb sein Vater, ein polnischer Offizier, in den Wäldern von Katyn. Dass Wajdas Alter-Ego im Film, der Student Tadzio, nach dem Krieg ein mutiger Student wird, der den Studienplatz nicht bekommen soll, weil er im Lebenslauf geschrieben hat, sein Vater sei in Katyn von den Sowjets ermordet worden, mag Wajda-Experten überraschen. Keiner seiner frühen polnischen Filme war auf solche Weise mutig oder stellte die Ideologie der Herrschenden in Frage, was ihm einige polnische Filmkritiker bis heute vorwerfen.

    Wie schnell derartige Helden-Epos-Kunst a la „Katyn“ unbeabsichtigt für Propaganda-Zwecke instrumentalisiert werden kann, zeigte sich schon kurz nach der polnischen Premiere des Films. Kaum hatte Präsident Lech Kaczynski das geschichts-didaktische Element des „Katyn“-Films lobend hervorgehoben, ordnete Polens damaliger Verteidigungsminister, Aleksander Szczyglo, an, dass sich alle Soldaten der polnischen Armee den Film ansehen. Über drei Millionen Polen haben den Film „Katyn“ inzwischen gesehen.

    Von Stefan Meetschen