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    Geschichten aus dem verwahrlosten Leben

    Die Literaturgeschichte ist auch eine Geschichte der Schönen und Reichen, eine Geschichte der Macht und Ausgrenzung. Nach der Märzrevolution und Karl Marx‘ „Das Kapital“ sind im späten 19. Jahrhundert die Weichen für das Proletariat gestellt, im frühen 20. Jahrhundert die Angestellten und städtischen Durchschnittsbewohner im Fokus der Aufmerksamkeit. Vom Klassenkampf ist seither in der Belletristik nur noch wenig zu spüren.

    Der Schriftsteller Heinz Strunk, der kürzlich den Prekariats-Roman „Der goldene Handschuh“ (2016) veröffentlichte. Foto: dpa

    Die Literaturgeschichte ist auch eine Geschichte der Schönen und Reichen, eine Geschichte der Macht und Ausgrenzung. Nach der Märzrevolution und Karl Marx‘ „Das Kapital“ sind im späten 19. Jahrhundert die Weichen für das Proletariat gestellt, im frühen 20. Jahrhundert die Angestellten und städtischen Durchschnittsbewohner im Fokus der Aufmerksamkeit. Vom Klassenkampf ist seither in der Belletristik nur noch wenig zu spüren.

    Aufgeweicht und dezentriert wirft die Moderne Standesnormen über Bord. Die Literatur bezieht ihre Stoffe von vermeintlich allen Milieus: Mittelständler und Aufsteiger, Millionäre und treuer Arbeiter, Erfinder und Lehrer, Ossis und Wessis, Weltverbesserer und Heuchler, Kosmopoliten und Heimatverbundene, Lügner, Retter und Genies. Jedes Jahrzehnt hat seine Soziogramme und Persönlichkeiten. Wer unterdessen ein Nischendasein führte, sind jene am untersten Rand der Gesellschaft; jene, die sich keine Sorgen über das Morgen leisten können, weil ihr Leben einem blanken Überleben gewichen ist. Die Gegenwart aus Armut und dem Bewusstsein des stetigen körperlichen und seelischen Verfalls zerfrisst ihren Alltag. Viele Namen hat diese Gruppe, die sich jenseits der schicken Bars und Lounges in den letzten Trinkhallen und Eckkneipen, Bahnhöfen und Suppenküchen der Republik zusammenfindet: Prekariat, Unterschicht, Modernisierungsverlierer, Abgehängte.

    Erzählst du noch vom Erlauchten und Betulichen, oder „hartzt“ du schon, haben sich immerhin einige zeitgenössische Autoren in den letzten Jahren gefragt und sich auf die künstlerische Suche nach jenen begeben, die weder in der sozialen Gemeinschaft noch in der Literatur eine Stimme hatten. Entstanden sind spannungsvolle Balanceakte zwischen Komik und Tragik. Selten das eine oder andere. Zumeist aber beides zugleich, wie Heinz Strunks formvollendeter, für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierter Roman „Der goldene Handschuh“ (2016) belegt, der die Genese des No Name Fritz Honka zu einem der abscheulichsten Frauenmörder der 70er Jahre dokumentiert. Fanta-Rolf, Samba-Eddy und Ritzen-Schorsch sind nur einige Schluckspechte, die sich täglich in der titelgebenden, Hamburger 24-Stunden-Kaschemme zusammenfinden. Manche verlassen den heruntergekommenen Schuppen erst gar nicht, weil schon das Aufstehen vom Barhocker eine kaum zu bewältigende Herausforderung darstellt. Man versackt und klebt, „Schmiersuff“ an den Wänden und in der Blase. Verrottende Existenzen. Wer hier einmal angekommen ist, für den gilt: Die „Konzentrationsspanne liegt bei der eines Fisches, nach fünf Sekunden ist alles vergessen“.

    Um sich in dieses Milieu vorzutasten, setzt Strunk sowohl auf die Mittel der Karikatur als auch der emphatischen Anteilnahme. Es sind Schicksale, die schockieren und bewegen. Ähnliches lässt sich für Thomas Melles Werk „3 000 Euro“ (2014) konstatieren: Auch hierin vernehmen wir den Blues der „Asozialenkneipen“ und treffen auf allerhand menschliches Elend: Typen wie den „ältere[n] Gnom mit langem weißem Bart, der zahnlos auf die Ausländer schimpft“, oder die „Frau, ein Zwerglein mit verhutzeltem Gesicht“, die sich über ihre fernen Kinder auslässt und mit zunehmender Bierseligkeit in Weinen übergeht, einen obdachlosen Studienabbrecher oder eine alleinerziehende Lidl-Kassiererin, die sich finanziell genötigt sieht, bei einem Pornodreh mitzumachen. Was ihnen bleibt, sind einzig die Träume von einem besseren Leben, irgendwo und irgendwann.

    Obwohl weder Melle noch Strunk – beide sind von Hause aus Literaturwissenschaftler – der Unterschicht angehören, zeugen ihre Texte von Authentizität. Klar ist: Fern sind der Schriftstellerei – zumindest im Wartestand auf den selten sich einstellenden Durchbruch – prekäre Lebensverhältnisse keineswegs. Derzeit liegt das durchschnittliche Jahreseinkommen von Autoren gemäß der Künstlersozialkasse bei knapp 19 000 Euro. Die Wirklichkeit bestätigt das Klischee vom brotlosen Poeten im vollen Umfang. Autoren wie Clemens Meyer und sogar Harry Potter-Erfinderin J. K. Rowling bezogen zeitweise Sozialhilfe, Karen Duve verdiente ihren Lebensunterhalt lange Zeit mit Taxifahren. Kierkegaard schrieb einst, dass „jede Dichterexistenz Sünde [sei], und zwar die: zu dichten, anstatt zu sein“. Dass Armut oftmals Teil einer jeden Künstlerkarriere ist, könnte ein Grund sein, warum die schreibende und noch immer brotlose Zunft ihr Augenmerk auf ein Milieu richtet, dessen innere Befindlichkeit die meisten von uns allenfalls noch über das RTL-Nachmittagsprogramm kennenlernen.

    Elend und literarische Produktivität stehen, wie die uralte Stereotype vom armen Poeten zeigt, bis in die Gegenwart hinein in einer engen Wechselbeziehung. So thematisiert Angelika Klüssendorf in ihrem Roman „April“ (2014), die Fortsetzung von „Das Mädchen“ (2011), ganz dezidiert die Geschichte einer verwahrlosten Jugend in der DDR: Nachdem sich April von den Schrecken ihrer frühen Jahre mit Schlägen und Kellerarresten lossagt, versucht sie im Ostberlin der 70/80er Jahre eine eigenständige Existenz aufzubauen. Auf Geheiß der Jugendhilfe bezieht sie ein Zimmer in der Wohnung einer kontrollwütigen Älteren, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs als Bürogehilfin und Archivarin durch, gibt sich bald als Irre aus, um sich krank schreiben zu lassen. Fuß in der Realität zu fassen, gelingt dem Pechvogel dabei kaum. Um die Alltäglichkeit des Scheiterns zu verwinden, stürzt sich jene, die „das Unglück anzieht“, bei Nacht in den Alkoholrausch, versackt in Kneipen und sucht in manch kurzer Affäre anfangs vergeblich die große Liebe zu finden. Der einzige Trost ist ihr das Schreiben, das Inspiration und Halt gibt. In der Armut, so wird dem Leser klarer und klarer, wächst eine Schriftstellerin heran.

    Diese Wendung ins Kreative mag – gemessen an den antriebslosen Subjekten der anderen Romane – eine Ausnahme sein. Was all diese Bücher hingegen eint, ist ihre fehlende politisch-gesellschaftliche Mitte. Kritisch stellt sich die Frage, ob es sie überhaupt jemals gab? Während die Parteien in der jüngeren Vergangenheit die sogenannte bürgerliche Mitte zur heiligen Kuh verklärten, blieb ihnen unbemerkt, dass ein immer größerer Teil an den Rändern auszufasern begann. So kann man Strunks, Klüssendorfs und Melles Gesellschaftsdiagnosen, die an die Großstadtromane des frühen 20. Jahrhunderts anknüpfen, oder auch Anna Katharina Hahns aktuelles Buch „Das Kleid meiner Mutter“ (2016) über die verlorene Jugendgeneration Spaniens durchaus als Streitschriften gegen einen verlogenen Gesellschaftstraum lesen. Inmitten der saturierten Überflusskultur legen sie die Abgründe frei, welche Gentrifizierungsmaßnahmen verdrängt haben.

    Manche wie Marion Poschmann, die in ihrer „Hundenovelle“ (2008) den Alltag einer arbeitslosen Stadtnomadin beschreibt, schlagen dafür den Ton der Melancholie an, andere wie Strunk greifen auf eine Sprache zurück, die sich, parodistisch gemixt aus Alltagsphrasen und Halbweisheiten, selbst entleert. Mit Sätzen wie „Wer mit allen Wassern gewaschen ist, ist noch längst nicht sauber“ oder „Auch bei Gegenwind kann man vorwärtskommen“ fängt „Der goldene Handschuh“ nicht nur ein soziales, sondern ebenso kommunikatives Vakuum ein.

    Sich auf literarischem Wege Einblick die unterste Armutszone oder, wie Melles Protagonist so treffend sagt, „in Gottes Mülleimer“ zu verschaffen, befriedigt mehr als ein voyeuristisches Bedürfnis. Im besten Fall gewinnt unsere Erfahrung aber an Multiperspektivität. Denn woran die Prekariatsromane appellieren, ist eine Mitleidsethik ganz im Sinne der Poetik Lessings: Aus Einfühlung folgt Verständnis, aus Verständnis Verantwortung. Diese Kunst dient einem wahrhaftigen Humanismus. Ihre Ehrlichkeit mutet schmerzhaft an. Denn sie weiß um eine kulturelle Identität, die auch die Dunkelzonen unserer Wohlstandsgesellschaft einschließt.