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    Geschenk für den kolossalen Gesellen

    „Doch siehe! Dort im Mondenschein/ Den kolossalen Gesellen/ Er ragt verteufelt schwarz empor/ Das ist der Dom von Köllen“, dichtete Heinrich Heine einst in seinem 1844 erschienenen Versepos „Deutschland – Ein Wintermärchen“ über seinen Eindruck, den der riesige Torso der gotischen Kathedrale bei des Dichters Deutschlandreise Ende 1843 auf ihn gemacht hatte.

    Fast 500 Jahre lang gehörte der Kran, hier 1868 auf dem Südturm der Baustelle des Kölner Doms, zum Wahrzeichen des berüh... Foto: dpa

    „Doch siehe! Dort im Mondenschein/ Den kolossalen Gesellen/ Er ragt verteufelt schwarz empor/ Das ist der Dom von Köllen“, dichtete Heinrich Heine einst in seinem 1844 erschienenen Versepos „Deutschland – Ein Wintermärchen“ über seinen Eindruck, den der riesige Torso der gotischen Kathedrale bei des Dichters Deutschlandreise Ende 1843 auf ihn gemacht hatte.

    Eine Kirche verteufelt schwarz? Mag sein, dass Heine sich dabei mit der ihm eigenen Ironie auf den Umstand bezogen hat, dass die 1248 begonnene Errichtung der Kathedrale spätestens 1560 aus finanziellen Gründen eingestellt werden musste und der Bau seitdem als unvollendetes Gotteshaus das Stadtbild prägte. Insbesondere dem alltäglichen und liturgischen Leben des unvollendeten Domes vor dem vollendeten Dom widmet sich nun die hervorragende Ausstellung „Der kolossale Geselle“ im Kölnischen Stadtmuseum. So, wie die seit der Domvollendung 1880 bis heute hoch aufragenden Türme der Westfassade das Erkennungszeichen Kölns sind, war es in den Jahrhunderten davor der hölzerne Baukran auf dem zur Hälfte vollendeten Südturm. Dessen stadtbildprägende Funktion wird in der Ausstellung vielfach eingefangen. Die bedeutende Sammlung von frühen Domansichten in der Graphischen Sammlung des Kölnischen Stadtmuseums bildet den Fundus der Schau, die bis zum 5. März gezeigt wird. Dazu kommen selten gezeigte Leihgaben aus dem Dom selbst, Gemälde, Modelle, Grundrisse und Baupläne, Radierungen, Stahlstiche und Dom-Souvenirs.

    Eine Graphik aus dem Jahre 1652 zeigt beispielsweise, wie der neue Erzbischof Maximilian Heinrich von Bayern, unter einem Baldachin sitzend, am Dreikönigstag im Langhaus das Pontifikalamt zelebriert – übrigens die früheste nachweisbare Darstellung des Langhauses. Auch die inzwischen rostigen Schutzgitter des Dreikönigenschreins aus dem 14. Jahrhundert, ein marmornes Lesepult von 1770 oder die vier Meter langen Kupferstiche mit der in seiner Vollendung geplanten Darstellung des Nordturms sind zu sehen. Zu entdecken ist der eiserne Drehpunkt, auf dem sich der etwa 25 Meter hohe Baukran bewegte. Kurios hingegen muten Exponate wie ein Stuhl, Tabaksdosen sowie ein Kreuz an, die aus dem Holz des Krans gefertigt wurden, nachdem er im Jahr 1868 abmontiert worden war.

    „Viele Künstler haben das merkwürdige Gebilde vom Domtorso zu einem Thema gemacht“, sagt Dombaumeisterin Professor Barbara Schock-Werner. Das zeigt sich auch in dem Katalog der Ausstellung. Die Bezeichnung Katalog ist jedoch zu bescheiden, denn das wunderbar, detailreich und liebevoll gestaltete Buch aus dem Kölner Greven Verlag über den kolossalen Gesellen ist ein höchst unterhaltsames, lesens- und sehenswertes Buch, um Deutschlands bekannteste Kirche und meist besuchte Sehenswürdigkeit auf eine weitestgehend noch unbekannte Weise zu entdecken. Die Autoren zeigen dabei unter anderem eine veränderte Sichtweise auf das jahrhundertelang unvollendete Gotteshaus auf: Es galt zunächst ausschließlich als die bauliche Hülle zur Aufbewahrung der Gebeine der Heiligen Drei Könige und wurde später zu einem eigenständigen Bild von Reisebeschreibungen und, insbesondere romantischen, Ansichten. Natürlich darf in einer solchen Ausstellung auch nicht der berühmte Artikel von Joseph Görres fehlen, der im „Rheinischen Merkur“ von 1814 die Vollendung des Domes zur nationalen Aufgabe erklärt hatte. Und natürlich darf auch nicht das bekannte Kölner Sprichwort fehlen: „Wenn der Dom fertig ist, geht die Welt unter.“

    Bis es jedoch so weit ist, wird fleißig weitergearbeitet. Darüber gibt wieder das „Kölner Domblatt“ Auskunft, das dieser Tage in seiner 75. Folge vom Zentral-Dombau-Verein (ZDV) vorgelegt wurde. (Im Handel erhältlich beim Verlag Kölner Dom, ISBN 978-3-922442-69-1, EUR 29,–). Im Mittelpunkt des weltweit einzigen Periodikums über die Bau-, Erhaltungs- und Wissenschaftsarbeiten an einer Kathedralkirche stehen dabei wie gewohnt die segensreiche Arbeit des ZDV sowie der Bericht der amtierenden Dombaumeisterin. Unter den vielfältigen Restaurierungs- und Erhaltungsmaßnahmen sind insbesondere – als die auch weithin erkennbare – Versehung der Obergadenfenster mit einer Außenschutzverglasung, die Restaurierung der Chorpfeilerfiguren im Hochchor sowie die Komplettierung der aus dem 19. Jahrhundert stammenden Obergadenfenster im südlichen Querhaus zu erwähnen. Schock-Werner vergisst in ihrem Bericht, auf eine wirklich bemerkenswerte Entdeckung bei Arbeiten an einem Strebepfeiler hinzuweisen: ein aus Kaffeerührstäbchen errichtetes Taubennest.

    Für Barbara Schock-Werner war es einer der letzten Berichte in ihrer Funktion als Dombaumeisterin, den sie für das Domblatt geschrieben hat. Für Kölns bedeutendste Immobilie wird nämlich derzeit ein neuer Hausmeister gesucht. Denn die Architektin, die gern noch zwei Jahre weitergemacht hätte, geht im Sommer 2012 in den Ruhestand. Mit der Suche nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin wurde auch deshalb schon so frühzeitig begonnen, damit die amtierende Dombaumeisterin den auf sie folgenden Stelleninhaber noch einige Monate einarbeiten kann.

    Sicherlich wird Schock-Werner auch nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt als Autorin beim Domblatt tätig sein, so wie ihr Vorgänger Arnold Wolff. Der beschäftigt sich in einem lesenswerten Bericht mit dem ehemaligen Domkran, den der Dichter Max von Schenkendorf im Jahr 1819 mit dem Vers beschrieb: „Seh‘ ich immer noch erhoben/ Auf dem Dach den alten Krahn/ Scheint mir nur das Werk verschoben/ Bis die rechten Künstler nah'n.“ Der Kunsthistoriker Klaus Hardering befasst sich in einem weiteren Kranbeitrag mit dessen aktuellem Weiterleben in, wie oben beschrieben, derzeit ausgestellten Exponaten im Kölnischen Stadtmuseum. Höchst unterhaltsam ist zudem der zunächst sehr speziell anmutende Bericht über den Dom als Objekt der Landvermessung, aus dem hervorgeht, dass die Türme des Gotteshauses um neun sowie 20 Zentimeter niedriger sind als bislang angenommen.

    Interessant und gut recherchiert ist zudem der Aufsatz des Kirchenhistorikers Prälat Norbert Trippen über die Dompfarre im 19. und 20. Jahrhundert. Der Beitrag geht auf eine Initiative des amtierenden Dompropstes Norbert Feldhoff zurück. Feldhoff will dadurch auch zum Verständnis beitragen, warum die Dompfarre am 1. Januar dieses Jahres aufgelöst und in einer aus mehreren Pfarreien gebildeten Gemeinde aufgegangen ist. „Es ist sehr schmerzlich, wenn Menschen ihre Pfarre verlieren, aber die Dompfarrei war ein fragwürdiges Geschenk Napoleons.“ Eine eigene Pfarrei sei der Dom davor ebenso wenig gewesen wie der Träger eines Doppelpatroziniums – auch dies wird im Domblatt geklärt. Schließlich berichtet die Jahresausgabe für die Mitglieder des ZDV auch über das geistliche Leben an der Kathedrale. Zum fünften Jahrestag des Weltjugendtags findet sich beispielsweise auch die Begrüßungsansprache, die Dompropst Feldhoff zur Begrüßung von Papst Benedikt XVI. im Jahr 2005 am Portal des Domes gehalten hat. „Ich habe noch nie für eine Seite Text so viel geschwitzt“, erinnert sich Feldhoff an die damalige Rede für seinen ehemaligen Doktorvater.

    Noch zahlreiche spannende Entdeckungen und verborgene Schätze holt das neue Domblatt rund um das Unesco-Weltkulturerbe hervor. Das gilt auch für die noch junge Schatzkammer des Domes, die ihr zehnjähriges Bestehen feiert. Aus diesem Anlass ist in den gotischen Gewölbekellern unter der mittelalterlichen Sakristei eine kleine, aber hochfeine und besonders exquisite Sonderausstellung über die Kölner Goldschmiedekunst des 14. Jahrhunderts (bis 3. April) zu sehen. Die 20 zum Teil noch gar nicht oder nur selten gezeigten Exponate – etwa Kelche, Monstranzen, Chormantelschließen, Reliquiare – geben einen Einblick in die grandiosen handwerklichen Fähigkeiten der Goldschmiedekunst im Mittelalter. Köln war damals eines der europäischen Zentren für dieses Handwerk, wobei neben den vielen Objekten für Stifts-, Kloster- und Pfarrkirchen sowie den Dom selbst natürlich auch zahlreiche weltliche Schmuckstücke gefertigt wurden.