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    Gelebte Traditionen

    Wo die Kirche noch im Dorf geblieben ist – Ein Hoch auf den Brauchtumskatholizismus. Von Alexander Pschera

    Wolken über Bayern
    Openair-Katholizismus: Wegkreuze sind in Bayern normal.dpa Foto: Foto:

    In Bayern ist die katholische Welt noch halbwegs in Ordnung.“ So klingt es landauf, landab, und manche Menschen, die diese Behauptung verbreiten, glauben wahrscheinlich selbst daran. Es sei ihnen zugestanden, denn irgendeine Hoffnung muss der Mensch schließlich haben. Doch Bayern ist nicht gleich Bayern. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass die Sonntagsgottesdienste in der Münchner Innenstadt genauso ausgedünnt sind wie die in Castrop-Rauxel, misst man sie an der Einwohnerzahl. Freilich, die Fronleichnamsprozession auf der prächtigen Ludwigsstraße ist ein katholisches Spektakel ersten Ranges, aber die Betonung liegt hier auf „Spektakel“. Denn für viele Teilnehmer ist sie eine Pflichtveranstaltung im obligatorischen Trachtenvereins- oder Studentenverbindungsprogramm. Wäre sie nicht in erster Linie ein Spectaculum, so würde sie von den Zuschauern, die die Straßen zu diesem Anlass säumen wie beim Einzug der Wiesnwirte, nicht so widerspruchslos hingenommen werden. Hätten diese Zuschauer den Eindruck, diese Tradition würde tatsächlich leben und glühen, dann erhöben sie mit Sicherheit lauthals Einspruch – und zwar mit Trillerpfeifchen oder sonstigem Kinderspielzeug, wie es heute offensichtlich zum Arsenal des selbst ernannten demokratischen Widerstands gehört.

    Doch verlassen wir die (traditioneller Weise ohnehin „rote“ Landeshauptstadt) und werfen wir einen Blick ins bayerische Oberland, das heißt auf jene sanft geschwungene Endmoränenlandschaft, die sich idyllisch am Fuße der Voralpen mit Seen und saftigen Wiesen ausbreitet. Dort gibt es an jeder Ecke ein Kloster, die Barockkirchen blinken in frischem Blattgold und man trifft auf kaum eine Wegkreuzung, an der der Wanderer nicht von einem Kruzifix daran erinnert wird, dass er sich stets für den richtigen Weg, sprich: den schmalen, steinigen und engen, entscheiden sollte. Ist das alles bloße Kulisse? Hat das alles kein inneres Leben mehr?

    Entschieden nein, kann ich als mittlerweile 20jähriger Bewohner eines eingewachsenen Dorfes mit direktem Blick auf Herzogstand, Ettaler Mandl und Zugspitze sagen. Natürlich nagt der Säkularismus gerade der jüngeren Leute auch an der Katholizität meines Oberlandes. Aber es gibt sie hier noch, die gelebten Traditionen, denen man ja nur zu gerne vorwirft, eben nur „Tradition“ zu sein. Der „Brauchtumskatholik“ – so die bewundernswert klare Selbstdefinition eines Nachbarn – ist ein Segen für die Kirche, weil er die Form zu wahren weiß, weil er die Disziplin hat, selbst nach einer durchzechten Nacht um 8.30 Uhr in der Messe präsent zu sein, weil er ein Bindeglied ist zwischen gestern und morgen, zwischen unten und oben. Denjenigen, die dabei pharisäerhaft den Finger heben und nach der Bedeutung der inneren Einstellung fragen, sei gesagt, dass die Form im katholischen Glauben ein ganz wesentliches, weil stützendes Element ist, weil sie dem Chaos und der Ordnung entgegentritt, die die Engel des Bösen verursachen.

    Formen – hierzu gehört auch die Trennung von Männlein und Weiblein innerhalb des Kirchenraumes. An einem Sonntagmorgen ist diese Segregation in unserer Dorfkirche (genauer: in einer der drei Dorfkirchen – denn so viele hat unser 1 500-Seelen-Dorf tatsächlich zu bieten) im Kern noch erkennbar, jene Aufteilung der Kirchenbesucher in: Kinder vorne, Frauen links und Männer rechts. Selbst die Zugezogenen ordnen sich dem unter, auch wenn es bedeutet, dass die Mitglieder einer Familie die Messe aus verschiedenen Blickwinkeln erleben. Das hat für die Eltern zumindest den unübersehbaren Vorteil, dass die Kleinen den strengen Augen der Mesnerin, die an der Eingangstür zur Sakristei wacht wie eine Harpyie, ausgesetzt sind, die für mehr Ruhe sorgen als eine bunte Kinderbibel und ein Pixi-Büchlein. So war es eben immer, und so sollte es in Zukunft auch sein. Eine andere Form des oberbayerischen Brauchtumskatholizismus ist der Bittgang, den ein moderner, aufgeklärter Städter wahrscheinlich nicht einmal mehr vom Hörensagen kennt und dessen Notwendigkeit er wahrscheinlich auch nicht einsehen oder als abergläubischen Hokuspokus abtun würde. Bei dieser Flurprozession zieht man, den Rosenkranz betend, im Mai über die Felder und erbittet vom Herrgott gutes Gedeihen und die Abwendung von Unwetter. Diesem Zweck dient auch der am Ende einer Messe gespendete Wettersegen („Gott, der allmächtige Vater, segne euch und schenke euch gedeihliches Wetter; er halte Blitz, Hagel und jedes Unheil von euch fern. Er segne die Felder, die Gärten und den Wald und schenke euch die Früchte der Erde …“). Hier tut sich eine innige Verwobenheit von Arbeit und Glaube kund. Gott ist viel mehr als die höchste Macht, der man möglicherweise am Ende seines Lebens begegnet. Er ist eine lebendige Wirklichkeit, die jede Minute der eigenen Existenz durchwirkt und mit dem man sich, sagen wir es nur einmal so flapsig, gutstellen sollte.

    Die Formen des Glaubens sind einfach schön

    Das alles sind Formen des Glaubens, die der Aufklärung und dem Fortschritt ein Dorn im Auge sind, wie wahrscheinlich auch unser schönes Heilige Grab, das am Karfreitag aufgebaut wird und an dem – hintereinander, wohlgemerkt – Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer eine Andacht halten. Die Modernisten wollen den Glauben vom Leben trennen. Sie wollen ein selbstbestimmtes Leben führen, dem ein tröstendes katholisches Mäntelchen umgehängt wird, in das man sich, wenn mal ein eisiger Schicksalswind wehen sollte, einwickeln kann. Aber so funktioniert das nicht. Das christliche Leben sollte aus einem Guss sein, und wenn ein Bauer auf seinem Traktor an einem Wegkruzifix vorbeifährt und sich dabei bekreuzigt, dann ist das alles andere als ein oberbayerischer Atavismus: es ist ein tief verwurzelter Seelenreflex, der gar nicht in seiner ganzen existenziellen Tiefe erfasst oder durchdacht werden muss, um das zu sein, was er ist: einfach schön!

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