• aktualisiert:

    Gegen die vielfältigen Gefährdungen des Menschseins

    Der Regensburger Philosophiehistoriker Rolf Schönberger über seinen akademischen Lehrer Robert Spaemann, dem er Brillianz des Stils, Grundsätzlichkeit der Fragestellungen und Klarheit der Gedanken zuschreibt.

    Robert Spaemann: Brillianz des Stils und Klarheit der Gedanken
    Robert Spaemann: Brillianz des Stils, Klarheit der Gedanken. Foto: Marijan Murat dpa/lsw. Foto: Marijan Murat (dpa)

    Robert Spaemann hat als Lehrer und Autor eine in der Philosophie ganz seltene Wirksamkeit entfaltet, die weit über die Grenzen des Faches und des Landes Aufmerksamkeit und Interesse auf sich gezogen hat.

    Brillianz des Stils, Grundsätzlichkeit der Fragestellungen, Klarheit der Gedanken

    Nicht nur die Brillianz seines Stils, auch die Grundsätzlichkeit seiner Fragestellungen sowie die Originalität und die Klarheit seiner Gedanken sind der Grund hierfür. Mit den diversen Traditionsbrüchen und den Selbstgefährdungen der Aufklärung rücken in seinem Denken ehemalige konzeptionelle Alternativen zusammen: Platon und Aristoteles, Antike und Christentum. Diese Orientierungen werden vor allem deshalb nicht bloß synkretistisch vereinigt, weil er selbst ein Denker von herausragender Eigenständigkeit war – ohne dies direkt erstrebt zu haben.

    Philosophie der Gegenwart unter dem Vorbehalt der Wahrheit

    Er hat aber auch die einander diametral entgegengesetzten Positionen innerhalb der Philosophie der Gegenwart so kritisch und zugleich produktiv wie kaum ein anderer angeeignet. Immer geht es um die Wahrheit – und nicht um geistesgeschichtliche Richtigkeiten oder gar um gesellschaftliche Akzeptanz. Um Überzeugen natürlich schon. Doch zustimmungsfähig hält er unbedingt nur etwas, das klar gedacht ist. Das Grundsätzliche ist dabei nicht das Entlegene und „Abstrakte“, sondern das uns besonders Naheliegende. Dieses philosophische Verstehenwollen wendet sich nicht zufällig gegen Entzweiungen, welche die vordergründigen Plausibilitäten schon auf ihrer Seite zu haben schienen: Ethische Orientierung wird eben ohne Metaphysik doch nicht verständlich, das Selbstverhältnis des Menschen kann doch nicht auf einen angemessenen Begriff von Natur verzichten und die Wahrheitsorientierung der Philosophie und aller Rationalität kommt doch nicht ohne die Religion aus – ohne diejenige, für die Gott der Inbegriff der Wahrheit ist. Aber anders als in vielen sonstigen Ausformungen der Religionsphilosophie wird bei Spaemann Religion nicht auf den Inhalt des Glaubens reduziert, sondern auch im Blick auf die rituelle Form religiöser Praxis durchdrungen.

    Naturalistisches Verständnis des Menschen ist gefährlich

    Sein wohl tiefgründigstes Buch gilt dem Thema "Personen". Ein naturalistisches Verständnis des Menschen ist nach Spaemann möglich, aber abgesehen von seiner Unmöglichkeit, sich konsequenz durchhalten zu lassen, auch gefährlich. Die Menschen sind Personen –– und also nicht gezwungen, sich als solche anzuerkennen. Aber wenn die Menschen sich nicht als Personen ansehen, werden sie sich alsbald auch nicht mehr als solche behandeln. Die vielfältigen Gefährdungen des Menschseins wurden ihm immer wieder Anlass, sich in öffentlichen Debatten mit dezidierten Stellungnahmen zu Wort zu melden.
    Spaemanns Weigerung, sich durch vorgestanzte Alternativen bestimmen zu lassen, wirkt ebenso befreiend, wie seine Innachgiebigkeit im Verstehenwollen – auch dessen, was sich – vermeintlich – von selbst versteht.

    Rolf Schönberger / DT (jobo)

    Die Hintergründe zu diesem Thema finden Sie in der Wochenausgabe der Tagespost. Kostenlos erhalten Sie die Zeitung hier.

    Weitere Artikel