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    Für lyrischen Tenor wird die Stimme fest und das Piano spröde

    Dass das Konzertprogramm der Salzburger Festspiele nicht so kulinarisch ist, wie gern immer wieder unterstellt wird, dafür sorgt in diesem Jahr schon Markus Hinterhäuser. Mit dem „Zeitfluss-Festival“ hatte der vor fast zwanzig Jahren einen festen Rahmen für die Neue Musik in Salzburg geschaffen, 2005 hat ihn Intendant Jürgen Flimm dafür zum Konzertchef gemacht. Die Festspiele 2011 sind sein Jahr: Als Flimm in den Salzburg-typischen Querelen hinwarf, übernahm Hinterhäuser die Interimsintendanz und verwandelte die undankbare Aufgabe in ein unaufdringlich kluges Programm. Im 100. Todesjahr stellt da etwa ein umfangreicher Zyklus die Kompositionen Gustav Mahlers denen von Zeitgenossen gegenüber, während die Reihe „Der fünfte Kontinent“ mit zentralen Kompositionen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sozusagen eine Summe von Hinterhäusers Wirken zieht, bevor im kommenden Jahr Alexander Pereira die Intendanz übernimmt.

    Rossinis „Stabat mater“ bei den Salzburger Festspielen, aufgeführt vom Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecil... Foto: Lelli

    Dass das Konzertprogramm der Salzburger Festspiele nicht so kulinarisch ist, wie gern immer wieder unterstellt wird, dafür sorgt in diesem Jahr schon Markus Hinterhäuser. Mit dem „Zeitfluss-Festival“ hatte der vor fast zwanzig Jahren einen festen Rahmen für die Neue Musik in Salzburg geschaffen, 2005 hat ihn Intendant Jürgen Flimm dafür zum Konzertchef gemacht. Die Festspiele 2011 sind sein Jahr: Als Flimm in den Salzburg-typischen Querelen hinwarf, übernahm Hinterhäuser die Interimsintendanz und verwandelte die undankbare Aufgabe in ein unaufdringlich kluges Programm. Im 100. Todesjahr stellt da etwa ein umfangreicher Zyklus die Kompositionen Gustav Mahlers denen von Zeitgenossen gegenüber, während die Reihe „Der fünfte Kontinent“ mit zentralen Kompositionen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sozusagen eine Summe von Hinterhäusers Wirken zieht, bevor im kommenden Jahr Alexander Pereira die Intendanz übernimmt.

    Doch bleibt Salzburg natürlich auch in diesem Jahr ein Festival, bei dem die Besucher ein Staraufgebot erwarten und bekommen. Wie jetzt, als Anna Netrebko an zwei Abenden im Großen Festspielhaus im „Stabat mater“ von Rossini zu hören war. In Salzburg wird Netrebko besonders geliebt, seit die russische Sopranistin hier 2002 als Donna Anna im „Don Giovanni“ ihren eigentlichen internationalen Durchbruch feierte.

    Dass bei solchen Gelegenheiten die geistliche Musik schon immer gern ihren festlichen Arm leihen durfte – und berühmte Sänger dann schon noch kürzere Partien sangen als heuer Netrebko –, belegt historisch nicht zuletzt die beim Label Orfeo erscheinende Reihe der legendären Salzburger „Festspieldokumente“. Bei Rossinis „Stabat mater“ – mindestens sechshundert Vertonungen der mittelalterlichen Sequenz von der Schmerzensmutter unter dem Kreuz zählt die Musikwissenschaft – ist das auch völlig unproblematisch. Hat sich Rossini, wie er immer betonte, doch nie zum geistlichen Fach berufen gefühlt. Wie alles, was dieser wohl bescheidenste Komponist der Musikgeschichte nach seinem freiwilligen Rückzug vom Theater schrieb, handelt es sich um ein Gelegenheitswerk, bei dem ein gewisser innerer Widerspruch stehenbleibt zwischen dem opernhaften Duktus und der ariosen Fröhlichkeit auf der einen und großer Innigkeit auf der anderen Seite. Die ersten Aufführungen dieser voll-endeten Fassung fanden denn auch nicht in Kirchen, sondern zunächst in einem Pariser Salon und danach im Théâtre-Italien statt. Es war wohl Heinrich Heine, der in einem Resümee der Uraufführung am ehesten das Anliegen des selbstverständlich gläubigen Rossini traf, indem ihn das „Stabat mater“ an eine Kinderprozession erinnerte, die er einmal im südfranzösischen Sete erlebt hatte: Naiv sei das und dabei tiefempfunden, dem „ungeheuren Martyrium entsprechend und doch kindlich, Anmut noch inmitten aller Schrecken“.

    Zum südländisch fröhlichen Duktus passt denn auch Joseph Haydns 104. Symphonie, die Antonio Pappano voranstellt. Denn auch wenn der Dirigent den Kopfsatz über einen harten Dualismus Richtung Beethoven drängt, haftet auch Haydns letzter Symphonie nichts tragisch Geniales, nichts Romantisches an. Die Accademia Nazionale di Santa Cecilia, das älteste rein symphonische Orchester Italiens, musiziert auch entsprechend elegant mit edler Binnenstrukturierung des Klangs. Nur weil Pappano den Klassizismus überbetont, sehnt man sich bald doch nach der gewohnten Härte der historischen Aufführungspraxis. Das Andante kommt rokokoesk federnd daher, der Schluss saust und wirbelt. Aber über hübschem Fluss bleibt wenig Witz.

    Was leider auch im „Stabat mater“ gilt. Die großen Ausbrüche inszeniert Pappano durchaus handfest, ebnet aber ansonsten die Sätze mit seiner hellen Allgewandtheit eher ein. Für die Kontraste sorgen so die Sänger: Starbariton Ildebrando D'Arcangelo trumpft wie stets mit seinem edlen und warmen Timbre, auch wenn er mit etwas künstlicher Eindunklung kaschieren muss, dass hier des Basses Grundgewalt vonnöten wäre. Die italienische Idiomatik darf man bei Matthew Polenzani in Stimmklang wie Diktion vermissen. Für einen lyrischen Tenor wird die Stimme schnell fest und das Piano spröde. Mezzosopran Marianna Pizzolato dagegen verflicht die wilden Lagenwechsel ihrer Partie mit solch wunderbar flexibler und weicher Tongebung, dass die Vereinigung mit den Leiden des Herrn in ihrer Kavatine „Fac ut portem Christi mortem“ aufrichtig die von Heine beschworene Innigkeit bekommt. Schließlich ist ihr der Text so vertraut wie Anna Netrebko: Erst vor kurzem haben beide miteinander und wiederum unter Pappano mit der Vertonung von Giovanni Battista Pergolesi die nach wie vor bekannteste Version des „Stabat mater“ auf CD vorgelegt.

    In der Tat hört man diese inhaltliche Dimension dann auch bei Netrebko: Ihre in den vergangenen Jahren dunkler gewordene Stimme verleiht der Schilderung des Jüngsten Gerichts im „Inflammatus“ die volle dramatische Wucht, wobei ein ins Pianissimo zurückgenommenes „Fac me cruce custodiri“ die flehende Wirkung noch steigert. Jeder Zeile, jeder Phrase verleiht Netrebko sicheres Eigengewicht. Dem unvermittelten Naturalismus solcher Deutung, dem Kalkulierten im Wechsel der Effekte eignet zweifelsohne ein kleiner Stich ins Vulgäre. Die derzeit konkurrenzlose Massenwirksamkeit der Netrebko, ihr gerade auch in Salzburg alljährlich inszeniertes Privatleben, hat bei Kennern immer wieder berechtigte Kritik auch stimmlicher Art hervorgerufen. Doch live auf einer Bühne sticht ihre schiere Präsenz – die Rede ist hier nicht vom Aussehen – auch an diesem Abend zunächst einmal schlicht jeden anderen Sänger aus. Dabei kann Netrebko sich kollegial einfügen in das berückende Soloquartett „Quando corpus morietur“. Doch wenn sie nach einer winzigen Belegtheit der Höhen am Ende die beiden entscheidenden hohen Cs mit Verve ins Festspielhaus schleudert, verliert der Hörer eben für einen Moment den Verstand. Und worum sonst ginge es beim Operngesang?