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    Für die Nachwelt diente der König als Projektionsfläche

    Wie entstand der Gedanke, sich Friedrich II. über ein Dokudrama anzunähern? Die Dokufiktion ist ein schwieriges Genre: Die Spielszenen müssen so gut sein, dass sie beim Zuschauer glaubhaft und emotional ankommen. Die Dokublöcke müssen erklären können – was nicht immer gelingt.

    Johannes Unger von rbb, Leiter der Dokufiktion „Friedrich – Ein deutscher König“. Foto: Archiv

    Wie entstand der Gedanke, sich Friedrich II. über ein Dokudrama anzunähern?

    Die Dokufiktion ist ein schwieriges Genre: Die Spielszenen müssen so gut sein, dass sie beim Zuschauer glaubhaft und emotional ankommen. Die Dokublöcke müssen erklären können – was nicht immer gelingt. Wir hatten das große Glück, dass dank der großartigen Schauspieler die Spielszenen sehr gut funktionieren, die ja die Schlüsselszenen im Leben Friedrichs darstellen. Darüber hinaus kommen drei Historiker zu Wort, die Friedrich einordnen und charakterisieren. Insgesamt handelt es sich meines Erachtens um eine sehr gute Rezeptur. Denn obwohl die meisten Deutschen wissen, dass es einen Preußenkönig namens Friedrich II. gab, ist er nur einem Drittel als historische Figur präsent, sodass wir ihn neu erzählen und erklären müssen.

    Die Idee, Friedrich von zwei Frauen darstellen zu lassen, ist ungewohnt. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

    Wir suchten eine Möglichkeit, eine Brechung in die Figur hineinzulegen, um sie neu zu erzählen. Denn Friedrich diente der Nachwelt als Projektionsfläche. Nicht nur die Deutschen, sondern auch die Völker ringsum – die Österreicher oder die Polen – haben sich in guten wie in schlechten Zeiten an ihm abgearbeitet. In der Geschichte wurde diese Figur bis in die Filmgeschichte hinein vielfach überhöht, etwa in den berühmten „Fridericus-Rex-Filmen“ mit Otto Gebühr. Wir wussten, für Friedrich gibt es keinen besseren Schauspieler als Katharina Thalbach. Die Reaktionen des Publikums bei der Premiere zeigten, dass Katharina und Anna Thalbach als Frauen zu Friedrich II. einen neuen Zugang schaffen. Das bringt ein gewisse Ironie und Respektlosigkeit, eine Überzeichnung hinein, die dem Zuschauer hilft, auf die historische Figur zuzugehen.

    Im Historikerstreit der achtziger Jahre wurde sogar eine Traditionslinie von Preußen bis zum Dritten Reich gezogen. Wie stehen Sie zu dieser Frage?

    Ich glaube, dass man diesen Streit nach wie vor führen muss: Was stellt dieses Preußen in der deutschen Geschichte dar? Zwar gibt es diese Traditionslinien, etwa in der Betonung des Militärischen, was Friedrich von seinem Vater, dem Soldatenkönig, übernommen hatte. Oder im unerbittlichen Motiv des „alles oder nichts“, das sich bis zum „Führerbunker“ zieht, wo Hitler ein Porträt Friedrichs gehabt haben soll. In unserem Film haben wir dies jedoch nicht so stark thematisiert, weil es uns um die Biografie ging, um die Brüche in der Person, und nicht so sehr um die Traditionslinie. Denn Friedrich ging es um seine Geltung, er hat nicht perspektivisch gedacht. Im Übrigen glaube ich, dass wir heute mit Friedrich unseren Frieden schließen können. Die ideologischen Schlachten sind geschlagen. Aus meiner Sicht ruht Friedrich gut in Sanssouci – und da soll er auch bleiben. Unsere ironische, distanzierte Inszenierung hilft auch dazu. Politisch hat er keine Bedeutung mehr, aber menschlich ist seine eine faszinierende Geschichte: Der hochbegabte, feinsinnige, weiche Kronprinz, der vom Vater drangsaliert wird, greift sofort nach der Thronbesteigung Schlesien an. Darauf folgt eine Kette von Schlachten, bei denen er auch mittendrin kämpft. Die Brutalität seines Vaters spiegelt sich in seinem Bestreben wider, sich Geltung zu verschaffen und eben aus dem Schatten des Vaters herauszutreten.

    Eigentlich ist Friedrichs Preußen ein Emporkömmling, der wie aus dem Nichts dem tausend Jahre alten Österreich die Stirn bietet.

    So wurde es auch damals gesehen. Maria Theresia war fassungslos. Was Friedrich tat, war empörend, ein Bruch mit allem. Preußen hatte keine Geschichte, Preußen war ein Flickenteppich. Natürlich gab es eine Vorgeschichte, aber Friedrich hat Preußen gemacht. Er vereinigte Preußen in seiner Person – das Projekt Preußen ist er selbst.