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    Freiheit durch Wahrheit

    Mahatma Gandhi, die Geschwister Scholl, Martin Luther King – in diesem Jahr erinnern viele Gedenktage an große Bekenner verschiedener Religionen und Ideen. Von Martin Lohmann

    Geschwister Scholl
    ARCHIV - Hans und Sophie Scholl (undatierte Aufnahmen), Gründer bzw. Mitglieder der Widerstandsgruppe «Weiße Rose» an de... Foto: dpa (dpa)

    Es gibt sie, sie verwundern, faszinieren oder erzeugen Unverständnis: Menschen, die die Wahrheit nicht nur suchen, sondern sie auch zu leben versuchen und gar unter schwierigsten Umständen ihr treu bleiben. Bis in den Tod. Der junge und mutige Priester Jerzy Popieluszko, der 1984 von Offizieren des polnischen Staatssicherheitsdienstes ermordet wurde, war so jemand. Maximilian Maria Kolbe, der im April vor 100 Jahren in Rom die Priesterweihe empfing und den die Nazis 1941 umbrachten, ebenso. Aber auch der 30. Januar 2018, also der siebzigste Tag der Ermordung von Mahatma Gandhi, erinnert an Zeugen des Geistes, des Mutes und der Wahrheit ebenso wie die Hinrichtung der Geschwister Scholl, die am 22. Februar 1943 fest und treu in den Tod gingen, ohne zu zerbrechen oder sich zu beugen.

    Die Studenten Hans und Sophie Scholl wagten, was viele nicht konnten oder wollten: Sie leisteten als Mitglieder der „Weißen Rose“ in München Widerstand gegen die Diktatur des Nationalsozialismus und verfassten sowie verteilten – wohlwissend, wie lebensgefährlich das war – Flugblätter mit humanistischen Wertvorstellungen, bis sie der Hausmeister der Universität überraschte und bei der Gestapo denunzierte. Nur vier Tage später wurden sie hingerichtet, ohne ihre Ideale und Überzeugungen verraten zu haben oder an ihnen zerbrochen gewesen zu sein.

    Sie hatten eine Idee von dem, was wahr und gut, von dem, was richtig und für alle notwendig ist, ebenso wie Martin Luther King, dessen berühmter Traum am 4. April 1968 keineswegs starb, als er bei einem Attentat erschossen wurde. Der schwarze Baptistenpastor und Bürgerrechtler kämpfte gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung, rief zu zivilem Ungehorsam auf und wehrte sich gegen die damals noch für viele „normale“ Rassentrennung. Sein „Civil Rights Movement“ erreichte schließlich auch das uneingeschränkte Wahlrecht für die schwarze Bevölkerung. Der Friedensnobelpreisträger von 1964 träumte von einer Welt, in der nicht die Farbe der Haut, sondern der Charakter entscheidend sei.

    Manche, wie etwa Gandhi, der mit seinem gewaltfreien Widerstand zum Vater des unabhängigen Indien wurde, zeigten noch im Angesicht des Todes jene innere Charakterstärke, wie sie der Erzdiakon Stephanus bewies, als er seinen feigen Mördern noch im Sterben vergab. Was für eine Größe! Von Gandhi, der von einem fanatischen Hindu-Nationalisten ermordet wurde, hören wir das Wort „Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken“. Was aber macht Menschen so stark, dass sie selbst in der Stunde der größten Verzweiflung und des scheinbaren finalen Scheiterns eben nicht verzweifeln, sondern vergeben können? Kann man wirklich die Wahrheit leben – und für sie gar sterben?

    Niemand von denen, die der Wahrheit oder wenigstens einer Idee von ihr nachspürten, hat sich vorgenommen, heroisch dafür zu sterben. Das wäre fatal, und aus christlicher Sicht hat es nichts, aber gar nichts mit Märtyrertum zu tun, wenn man gezielt den Tod sucht und auch noch andere mit hineinzieht. Morden ist nie eine Heldentat, weil es keine Tugend, sondern schwere Sünde ist. Warum aber kann die Nähe zur Wahrheit so sehr eine Formung des Seins bewirken, dass selbst der Tod davon nicht abzubringen vermag? Warum ist Wahrheit offenbar stärker als jede Furcht oder gar Angst? Hat das etwas mit dem zu tun, der als Inkarnation der göttlichen Wahrheit vor mehr als 2 000 Jahren zeigte, wozu der Mensch fähig ist, wenn er trotz allen Schmerzens und aller Schreie am Ende doch verzeihend Ja sagen kann? Wenn die Wahrheit Freiheit schenkt (vgl. Jo 8,32), macht sie dann auch im Tod noch frei?

    Die Jahrestage aus jüngerer Zeit machen nachdenklich und werfen wie von selbst Fragen auf, die sich eine wahrheitsphobe und opportunistische Gesellschaft anscheinend nicht leisten will, die sie aber dringend zu brauchen scheint. Und diese Fragen lauten: Gibt es überhaupt Wahrheit? Kann man sie finden? Lohnt es sich, für sie zu leben – oder sie zu leben? Und ist es vielleicht verstehenswert, für sie notfalls zu sterben? Was könnte Augustinus meinen, wenn er sagt: „Lieber mit der Wahrheit fallen als mit der Lüge siegen“? Wie kommt er dazu zu glauben, dass nur derjenige, der die Wahrheit tut, zum Licht gelangt?

    Es ist wohl wahr, dass in einer „Welt, in der nichts mehr wirklich wichtig ist, in der man tun und lassen kann, was man will“, die Gefahr besteht, „dass Prinzipien, Wahrheiten und Werte, die in Jahrhunderten mühsam erworben wurden, auf die Müllhalde eines übertriebenen Liberalismus gekippt werden“. Was Johannes Paul II. 1992 (nicht nur) den bayerischen Bischöfen ins Stammbuch schrieb, ist auch heute topaktuell.

    „Die Wahrheit erleuchtet den Verstand und formt die Freiheit des Menschen, der auf diese Weise angeleitet wird, den Herrn zu erkennen und zu lieben“, heißt es in der Enzyklika „Veritatis Splendor“ von Johannes Paul II. Er beschreibt die großen Schwierigkeiten, die Wahrheit zu erkennen, die durch Lug und Trug für den Menschen heute verdunkelt werde. „Und so geht er, während er sich dem Relativismus und Skeptizismus überlässt (vgl. Joh 18, 38), auf die Suche nach einer trügerischen Freiheit außerhalb dieser Wahrheit. Aber keine Finsternis des Irrtums und der Sünde vermag das Licht des Schöpfergottes im Menschen völlig auszulöschen. In der Tiefe seines Herzens besteht immer weiter die Sehnsucht nach der absoluten Wahrheit und das Verlangen, in den Vollbesitz ihrer Erkenntnis zu gelangen.“ Das beweise die Suche nach dem Sinn des Lebens. Jeder Mensch, in dem die Sehnsucht nach Wahrheit aktiv lebt, müsse sich den grundlegenden Fragen stellen: Was soll ich tun? Wie ist das Gute vom Bösen zu unterscheiden?

    In seiner ersten Enzyklika greift Benedikt XVI., der „Mitarbeiter der Wahrheit“, das auf und reicht uns die Erkenntnis an: „Die Liebesgeschichte Gottes mit Israel besteht im Tiefsten darin, dass er ihm die Thora gibt, das heißt, ihm die Augen auftut für das wahre Wesen des Menschen und ihm den Weg des rechten Menschseins zeigt; diese Geschichte besteht darin, dass der Mensch so in der Treue zu dem einen Gott lebend sich als Geliebten Gottes erfährt und die Freude an der Wahrheit, an der Gerechtigkeit — die Freude an Gott findet, die sein eigentliches Glück wird.“

    Sein eigentliches Glück? Also seine eigene Identität leben? Sein, wie man vom Innersten her ist? Oder, wie das heute so gerne heißt: Eins sein mit sich selbst? Authentisch leben? Ist es für Christen tatsächlich eine Aufgabe, einer dürstenden und zerrissenen Gesellschaft das Licht des Evangeliums zu überbringen, und dies in der Gewissheit, dass „Liebe vor allem die Vermittlung der Wahrheit ist“? (Benedikt XVI. 2005) Den Diplomaten sagte der wahrheitsliebende Petrusnachfolger 2006: „Die Verpflichtung zur Wahrheit ist die Seele der Gerechtigkeit. (...) Die Lüge kleidet sich oft in eine Scheinwahrheit, ist aber in Wirklichkeit immer selektiv und tendenziös und zielt in egoistischer Weise auf eine Instrumentalisierung des Menschen und letzten Endes auf seine Unterwerfung ab.“

    Die Wahrheit ist: Der Mensch kann die Wahrheit erkennen – und somit die Lüge entlarven. Und offenbar wohnt in ihm eine unstillbare Sehnsucht danach, die Wahrheit zu kennen. Dazu braucht es die Freiheit, sie finden zu wollen. Freiheit, die mehr ist als tun und lassen zu können, was man will. Für den, der in Freiheit glaubt und die Freiheit, die einen Namen hat, nämlich Jesus Christus, glaubt, gilt dann: „Jesus ist der Polarstern der menschlichen Freiheit; ohne ihn verliert sie ihre Ausrichtung, denn ohne die Erkenntnis der Wahrheit entartet die Freiheit, sie isoliert sich und wird zu steriler Willkür. Mit Jesus findet sich die Freiheit wieder, sie erkennt, dass sie für das Gute gemacht ist, und kommt in Handlungen und Verhaltensweisen der Nächstenliebe zum Ausdruck.“ (Benedikt XVI.)

    Den heiligen Maximilian Maria Kolbe trieb diese Kraft der Wahrheit dazu, freiwillig in den Hungerbunker von Auschwitz für einen anderen zu gehen. Derselbe schrieb kurz zuvor noch, dass ausschließlich die Wahrheit Grund für letztes Glück sein kann. Die Kraft der Wahrheit könne durch keine noch so flächendeckende und verbreitete Lüge leiden: „Wie groß ist doch die Kraft der Wahrheit! Eine Kraft, wahrlich unendlich und göttlich!“ Wer sich der Wahrheit öffnet, öffnet sich auch der Transzendenz. Und dann „erreicht das Verhältnis von Freiheit und Wahrheit seinen Höhepunkt, und man versteht voll und ganz das Wort des Herrn: ,Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien‘.“ (Benedikt XVI.)

    Dietrich Bonhoeffer, der vor 80 Jahren aus Berlin ausgewiesen wurde, kannte diese Freiheit, wusste aber auch, dass die Wahrheit „im menschlichen Leben etwas Fremdes, Ungewöhnliches, Ausnahmehaftes“ sein kann. Die wirkliche Wahrheit unterscheide sich von „jeder phrasenhaften Wahrhaftigkeit dadurch, dass sie etwas ganz Bestimmtes will, dass etwas geschieht – nämlich, dass sie den Menschen löst, freimacht. Dass sie dem Menschen auf einmal die Augen darüber öffnet, dass er bisher in der Lüge und der Unfreiheit und Angst gelebt hat und ihm so die Freiheit zurückgibt.“ Die Wahrheit wird euch frei machen, das sei zu allen Zeiten unzeitgemäß. So unzeitgemäß wie die Erkenntnis eines unerschrockenen Martin Luther King: „Ein Mensch, der für nichts zu sterben gewillt ist, verdient nicht zu leben.“ Freilich: Wer jemals echte Liebe entdeckt hat, ahnt, was der Anti-Rassist meinte. Und die junge Sophie Scholl sagte am Tag ihrer Hinrichtung am 22. Februar 1943: „So ein herrlicher Tag, und ich soll gehen. Aber was liegt an unserem Leben, wenn wir es damit schaffen, Tausende von Menschen aufzurütteln und wachzurütteln.“

    Die vielen großen und vermeintlich kleinen Zeugen der Wahrheit, die ihrer Freiheit auch im Angesicht des Todes treu blieben und das vermeintlich Unzeitgemäße in die Zeit brachten, haben eine starke Botschaft. Auch deshalb, weil sie, die Kolbes, Scholls, Bonhoeffers, Gandhis, Popieluszkos und Luther Kings, beeindruckend auf eine Wirklichkeit verweisen, die bereits im irdischen Leben möglich und lebbar ist und die Kraft besitzt, viel Licht in viel Dunkel zu bringen. Applaus ist da freilich nicht garantiert. Freiheit schon. Und auf die allein kommt es an. In voller Wahrheit.

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