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    Fragen nach dem letzten Grund

    „Gott lebt wieder“. Was für ein Titel! Ist er denn tot gewesen? Sind es etwa wir Menschen, die über Gottes Sein oder Nichtsein entscheiden? Seit wann ist das Geschöpf größer als sein Schöpfer? Oder um es so zu sagen: „Da antwortete der Herr dem Hiob aus dem Wettersturm und sprach: Wo warst Du, als ich die Erde gegründet? Sag es denn, wenn du Bescheid weißt. Wer setzte ihre Maße? Wer hat ihren Eckstein gelegt, als alle Morgensterne jauchzten, als jubelten alle Göttersöhne? Haben dir sich die Tore des Todes geöffnet, hast du der Finsternis Tore geschaut?“

    „Gott lebt wieder“. Was für ein Titel! Ist er denn tot gewesen? Sind es etwa wir Menschen, die über Gottes Sein oder Nichtsein entscheiden? Seit wann ist das Geschöpf größer als sein Schöpfer? Oder um es so zu sagen: „Da antwortete der Herr dem Hiob aus dem Wettersturm und sprach: Wo warst Du, als ich die Erde gegründet? Sag es denn, wenn du Bescheid weißt. Wer setzte ihre Maße? Wer hat ihren Eckstein gelegt, als alle Morgensterne jauchzten, als jubelten alle Göttersöhne? Haben dir sich die Tore des Todes geöffnet, hast du der Finsternis Tore geschaut?“

    Weder Julia Franck, Wolfgang Frühwald, Gloria von Thurn und Taxis, Barbara Honigmann, Martin Mosebach, Katharina Hacker, Matthias Matussek noch Ludger Honnefelder, Margot Käßmann, Franz Josef Wagner und Josef Winkler können diese Gottesfragen mit Ja beantworten, und – mit allem Respekt, auch nicht Reinhard Marx. Denn als Erzbischof von München und Freising weiß Marx selbstverständlich, was er Gott und seiner Kirche schuldig ist.

    „Für mich ist es

    unumgänglich, hin und wieder eine Kerze

    anzuzünden, was eigentlich eine sehr

    katholische

    Angelegenheit ist“

    Desgleichen kann man nicht von allen sagen, die Christian Döring zu einem Gespräch „zum Glauben im 21. Jahrhundert“ gebeten hat. Zwar ist es nicht uninteressant, vom Bild-Kolumnisten Franz Josef Wagner zu hören: „Aber ja, ich glaube an die Existenz des Teufels, der sich in vielen Gesichtern zeigt, überall, nebenan, in jedem Winkel haust der Teufel, das Böse. Genauso glaube ich an Engel.“ Aber Wagner sagt auch: „Ich weiß nicht, ob der Papst mich exkommuniziert, wenn ich sage: Der Mensch hat Gott notwendigerweise erschaffen.“

    Auch rührt es, vom Kirchenkritiker und Büchner-Preisträger Josef Winkler zu hören: „Es ist nicht alles, was war, in mir erloschen, es kommt wieder, verschwindet – und dann stehen wieder vergoldete Engel vor mir, vorne so schön und auf der Rückseite ausgehöhlt.“ Ebenso trägt es zur Klarheit bei, wenn Margot Käßmann, die „lutherisch-protestantische Bischöfin“, uns mitteilt: „Unsere Kirche sagt den Menschen nicht, was exakt sie zu tun haben, sondern möchte ihnen die Freiheit zumuten, selbst nachzudenken und verantwortungsvoll zu entscheiden.“ Damit trifft Frau Käßmann den Kern der Reformation, und deswegen gibt es weltweit auch aberwitzig viele von einander separierte evangelische Gemeinschaften. Jeder ihrer Gründer hat selbst nachgedacht und verantwortungsvoll entschieden, seine eigene „Kirche“ zu gründen. Ob Martin Luther das wirklich gewollt hat?

    Der katholische Weg ist bekanntlich ein diametral anderer. Die römisch-katholische Kirche mutet ihren Getauften die Freiheit zu, sich in Glaubensdingen dem Lehramt zu unterwerfen und das als den allein verbindlichen Glauben anzunehmen, was im Katechismus der römisch-katholischen Kirche zusammengefasst worden ist und dort subtil und luzide erläutert wird. Ohne Lehramt wird alles beliebig, wird alles relativ, und am Relativismus krankt auch das sicherlich gutgemeinte Buch Christian Dörings. Das, trotz Marx, Matussek und Mosebach, trotz Frühwald und Thurn und Taxis, doch in summa nicht mehr ist als ein mal mehr, mal weniger verbindliches Gottesgeplauder.„Ich halte es lieber mit dem Wundern und Staunen als mit Gott“, sagt die Schriftstellerin Julia Franck. „Für mich ist es unumgänglich, hin und wieder eine Kerze anzuzünden, was eigentlich eine sehr katholische Angelegenheit ist“, ruft uns die Schriftstellerin Katharina Hacker zu, und der Philosoph und Theologe Ludger Honnefelder hält die von Benedikt XVI. wieder rechtmäßig zugelassene alte Messe „für ein Oberflächenphänomen“.

    Da ist es tröstlich, vom Schriftsteller Mosebach zum selben Thema dies zu hören: „Die christliche Religion ist an die Liturgie fest gebunden. Liturgie ist Vollzug dieser Religion“ oder vom Literaturwissenschaftler Frühwald „Nicht glauben zu können, ist ein schweres Schicksal“ oder von der Unternehmerin Fürstin Gloria: „Katholische Spiritualität drückt sich vor allem im Gebet und in den Sakramenten aus, aber auch in Geboten und Riten“ oder vom Journalisten Matussek „Menschen die glauben, stellen die Fragen nach dem letzten Grund viel genauer als der höhnische Teil der Atheisten“.

    „Man wird den Eindruck nicht los, dass es sich alles in allem gesehen doch um ein

    Verteidigungs- und Rechtfertigungsbuch handelt“

    „Die Säkularisierungsthese, nach der eine Gesellschaft desto weniger religiös sein wird, je moderner sie ist, ist mausetot.“ So bringt es Erzbischof Marx auf den Punkt, von dem aus Christian Döring seine Glaubensgespräche vermutlich konzipiert hat. Das Konzept ist aller Ehren wert. Gewiss. Aber man wird den Eindruck nicht los, dass es sich alles in allem gesehen doch um ein Verteidigungs- und Rechtfertigungsbuch handelt. Schaut her, ruft es den „Aufgeklärten“ zu, viele der hier versammelten Geistesköpfe glauben an Gott. Ja, sicher. Das tun sie. Aber was weiter? Dürfen wir uns jetzt nach der Lektüre aussuchen, welches Angebot im Glaubensregal uns am besten gefällt. Mosebach? Oder darf es auch ein bisschen Käßmann sein? Lassen wir das alles dann einpacken und können es so getrost nach Hause tragen?

    Dörings „Gott lebt wieder“ ist vor dem Aufruhr um die Rücknahme der Exkommunikation der vier Bischöfe der Piusbruderschaft erschienen. Es ist ein typisches Buch aus der „Wir sind Papst“-Phase. Also aus der Zeit, als man Benedikt XVI. noch allüberall „Hosianna“ zurief. Das hat sich zu Beginn des Jahres 2009 innerhalb nur einer Woche bekanntlich gründlich geändert. „Kreuziget ihn!“ hörte man da. Besonders laut auch aus dem Blatt, für das Franz Josef Wagner täglich Briefe an Prominente schreibt. Das Verdammungsurteil kam aus den Mündern und Federn jener, die Glaubenssubjektivität und Glaubensrelativität für ein Menschenrecht halten. Aber das ist es nicht. Jedenfalls nicht in der römisch-katholischen Kirche. „Gott lebt wieder“ ist gut gemeint, aber der falsche Ansatz. Denn ER war nie tot. Nicht einmal Nietzsche hat das ernsthaft geglaubt.

    Von Ingo Langner