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    Forever Young?

    Was passiert, wenn Rockstars in die Jahre kommen.

    Eric Clapton: Gitarrist, Sänger, Songwriter
    Gitarrist, Sänger, Songwriter: Eric Clapton ist nicht nur ein vielseitig begabter Musiker, er hat im Laufe seiner Karrie... Foto: dpa

    Sie wollen es noch einmal wissen: Anfang März verkündete die Kult-Rockband Genesis, dass sie im November und Dezember dieses Jahres erstmals seit 13 Jahren wieder gemeinsam auf Tournee gehen werde. Zunächst zwar nur in ausgewählten Arenen in Großbritannien und Irland – aber wenn das Coronavirus den Rocklegenden keinen Strich durch die Rechnung macht, dürften sich auch im kommenden Jahr in ganz Europa unzählige Fans auf Gastspiele von Phil Collins, Tony Banks und Mike Rutherford freuen.

    Es darf davon ausgegangen werden, dass diese Tour die letzte sein wird, die die „Invisible Touch“- und „I Can‘t Dance“-Band bestreiten wird. Denn sämtliche Mitglieder befinden sich gegenwärtig im 70. beziehungsweise 71. Lebensjahr – und gerade Sänger und Schlagzeuger Phil Collins machte in den vergangenen Jahren eher mit seinem höchst fragilen Gesundheitszustand Schlagzeilen, als mit dem Veröffentlichen neuer Musik – eine kürzlich absolvierte Solotournee konnte von ihm nur sitzend bestritten werden.

    Nicht nur mit Blick auf Phil Collins und Genesis dürfte es erlaubt sein, die Frage zu stellen: Haben ältere Herren mit prekärer Gesundheit, die eigentlich finanziell bereits seit Jahrzehnten ausgesorgt haben sollten, es wirklich noch nötig, von Land zu Land zu reisen, um Nacht für Nacht ihren meist ebenfalls mit ihnen in die Jahre gekommenen Fans die alten Hits entgegenzuschmettern? In Zeiten schwindender Tonträgerverkäufe, geringerer Kaufkraft der jüngeren Generation und um Kinder und Enkel endgültig versorgt zu wissen: anscheinend ja. Und natürlich solange die Nachfrage des wohlsituierten älteren Publikums vorhanden ist.

    "Die Rockstargeneration 70+ denkt noch lange nicht an die Rente
    – geschweige denn der jüngeren Musikergeneration
    endgültig das Feld zu überlassen."

    Die Rockstargeneration 70+ denkt noch lange nicht an die Rente – geschweige denn der jüngeren Musikergeneration endgültig das Feld zu überlassen. Schon seit längerem sind die von Rockstars wie dem mittlerweile 74-jährigen The Who-Begründer Pete Townshend („Hope i die before i get old“) oder dem gleichaltrigen Singer-Songwriter Neil Young („It‘s better to burn out than to fade away“) beschworenen Zeiten ewiger Jugend und dem damit verbundenen Fingerzeig auf die vorangegangene, als geistig träge und repressiv empfundene ältere Generation vorbei. Discolegende Giorgio Moroder, der dieses Jahr bereits seinen 80. Geburtstag feiern wird, gibt vielmehr für seine Musikergeneration eine neue Losung aus: „74 is the new 24“.

    Und das Altersheim der rüstigen Rock-Rentner im Unruhestand wächst immer weiter an: Alleine in diesem Jahr dürfen Stevie Wonder seinen 70., Eric Clapton und Blondie- Sängerin Deborah Harry ihren 75. sowie Tom Jones, Manfred Mann, Cliff Richard und Ringo Starr jeweils gar ihren 80. Geburtstag feiern. Als junge Hüpfer müssen da U2-Sänger Bono und NDW-Ikone Nena mit ihren 60 Jahren oder Punksängerin Nina Hagen mit 65 gelten. So oder so darf festgestellt werden: Die einstigen Rock- und Popjungspunde sind nicht nur in die Jahre gekommen, sondern nähern sich mittlerweile sogar dem Greisenalter.

    Das hindert diese jedoch nicht daran, ganz nach dem James-Last-Motto „Andere gehen auf Kur, ich gehe auf Tour“ weiterhin die Welt zu bereisen und Konzerte zu geben, meist verstärkt durch eine Großzahl an jüngeren Begleitmusikern, die im Zweifelsfall dann schon die richtigen Töne treffen. Die Rolling Stones beispielsweise geben seit 2012 Jahr für Jahr Konzerte auf jeweils wechselnden Kontinenten – inklusive reichhaltiger Ruhepausen zwischen den einzelnen Tourabschnitten für die 72- bis 78-jährigen Musiker. Paul McCartney wiederum befindet sich seit 2002 auf einer scheinbar nicht enden wollenden Solotournee – Bob Dylan bereits seit Mitte der 1980er Jahre. Passender von ihm gewählter Programmname: „The Neverending Tour“. Auch Roxy-Music-Legende Bryan Ferry ist seit einiger Zeit Jahr für Jahr unterwegs, um Klassiker wie „Slave To Love“ oder „Avalon“ auf den Bühnen dieser Welt trotz brüchigerer Stimme, dafür aber mit erstklassigen Musikerinnen und Musikern, zum Besten zu geben. Ein Ende ist nicht in Sicht.

    Doch selbst verstorbene Künstler oder aufgelöste Bands können trotz physischer Abwesenheit in den Konzertsälen und Arenen dieser Welt weiterhin in Erscheinung treten. Einerseits natürlich in Form unzähliger Elvis-Presley-, Michael-Jackson- oder James-Brown-Imitatoren. Andererseits jedoch auch durch Coverbands wie beispielsweise der Australian Pink Floyd Show oder die ebenfalls aus Australien stammende Abba-Coverband Björn Again.

    Aber Coverbands und Gesangsimitatoren werden es aufgrund der Digitalisierung und des technischen Fortschritts künftig schwerer haben. Denn mittlerweile wissen die Erben musikalischer Legenden, dass es äußerst lukrativ ist, selbst die Gitarre in die Hand zu nehmen, um die Songs der Eltern und Großeltern einem nostalgietrunkenen Publikum zu präsentieren – wie es beispielsweise Beatles-Sproß Dhani Harrison oder die Allmann Betts Band tun, zu deren Mitgliedern drei Söhne von Gründungsmitgliedern der legendären Allman Brothers Band gehören.

    Ein weiterer neuer Trend, der für Erben und Rechteinhaber äußerst lukrativ ist, sind Hologramm-Konzerte mit den Avataren bereits verstorbener Künstler von 2Pac über Elvis Presley bis hin zu Whitney Houston oder Ronnie James Dio reicht mittlerweile die Liste der verstorbenen Musiker, die auf Hologramm-Tourneen um die Welt reisten – in Planung sind bereits „Konzerte“ mit Frank Zappa, Amy Winehouse und gar Maria Callas. Aufgrund dieser neuen Möglichkeiten möchten mittlerweile auch noch lebende Künstler nicht abseits stehen – und so werden auch bald Avatare der schwedischen Kultband Abba auf große Welttournee gehen, während Agnetha, Frida und Co. weiterhin den Ruhestand genießen dürfen. Immerhin zwei neue Songs spendieren die Schweden ihren Fans für die anstehenden Konzerte, vorgetragen dann allerdings von Ausgaben ihres verjüngten Ichs.

    Ein wenig erinnert dies an den Traum, den Kraftwerk-Gründungsmitglied Ralf Hütter schon vor vielen Jahrzehnten hatte: Eines Tages würden Roboter, die den Pionieren der elektronischen Musik zum Verwechseln ähnlich sehen, vollständig deren Platz auf der Bühne einnehmen, währenddessen die wirklichen Musiker einfach zuhause bleiben könnten oder im Studio an neuer Musik arbeiten würden. Angesichts der Tatsache, dass Hütter das letzte verbliebene Originalmitglied der vor genau 50 Jahren gegründeten Düsseldorfer Band ist, könnte dieser Traum der immer noch jährlich den Globus bereisenden Elektroformation näher und näher rücken.

    Eine andere deutsche Pioniergruppe elektronischer Klänge muss mittlerweile bereits ohne eines ihrer Gründungsmitglieder auskommen: Mit dem Tod ihres Masterminds Edgar Froese im Jahr 2015 bestehen Tangerine Dream nämlich nur noch aus Mitgliedern, deren ältestes Neu-Mitglied erst 2006 zur Band gestoßen ist. Doch ob mit Froese oder ohne: Die Band existi ert weiter und nimmt unter dem legendären Namen weiterhin neue Musik auf und gibt Konzerte. Möglicherweise aber verorten die verbliebenen Musiker Edgar Froese noch mitten unter sich. Denn der war der festen Überzeugung: „Es gibt keinen Tod, nur einen Wechsel der kosmischen Adresse.“

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