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    Europa wird noch viele Früchte des Glaubens erwarten können

    Seit 1993 besteht der Päpstliche Kulturrat in seiner heutigen Form. Monsignore Gergely Kovács gehört zum Führungsstab des römischen Dikasteriums: als „capo ufficio“, „Chef“ des Büros des Kulturrates. Während eines Besuchs in Paderborn sprach er mit dieser Zeitung über die Arbeit seiner vatikanischen Behörde.

    Monsignore Gergely Kovács. Foto: Kordik

    Seit 1993 besteht der Päpstliche Kulturrat in seiner heutigen Form. Monsignore Gergely Kovács gehört zum Führungsstab des römischen Dikasteriums: als „capo ufficio“, „Chef“ des Büros des Kulturrates. Während eines Besuchs in Paderborn sprach er mit dieser Zeitung über die Arbeit seiner vatikanischen Behörde.

    Worum dem Päpstlichen Kulturrat im Sinne des Zweiten Vatikanums um den Dialog zwischen Kirche und Kultur als einem der „autonomen Weltbereiche“?

    Wir sind sozusagen das „Kulturministerium“ des Vatikan. Weitere Kultur-Institutionen am Heiligem Stuhl sind die Vatikanischen Museen und die Päpstliche Kommission für die Kulturgüter der Kirche, die sich um Kirchengebäude, kirchliche Archive und Bibliotheken kümmert. Im Kulturrat hingegen befassen wir uns mit den nicht-materiellen Elementen von Kultur und pflegen ein Kulturverständnis in sehr umfassendem Sinne. Wir haben verschiedene Schwerpunkte: Kirche und Kunst, Kultur und Glaube, Glaube und Wissenschaft. Ein wesentlicher Aspekt ist auch der Dialog mit den Nicht-Glaubenden. Über Jahrhunderte war das Verhältnis von Kirche und Kunst sozusagen symbiotisch, und Kirche war lange der bedeutendste Auftraggeber für Künstler. Wenn wir heute ehrlich sind, ist diese einstige „symphonia“ zwischen Kunst und Kirche einer Spaltung zwischen Kirche und moderner Kunst gewichen. Und da ist es wichtig, Wege für einen Dialog zu finden. Dabei gilt es immer, Balance zu wahren, das heißt: einerseits die Eigenständigkeit des Künstlers, seine Kreativität und seine Freiheit zu achten. Auf der anderen Seite hat natürlich auch die Kirche das Recht, wenn sie einen Auftrag vergibt, darauf zu achten, dass die Arbeit des Künstlers in einen gewissen Kanon zu passen hat.

    Welche bedeutenden Initiativen des Päpstlichen Kulturrates gab es in jüngster Zeit?

    An erster Stelle möchte ich ein großes Künstler-Treffen im November 2009 nennen, zu dem der Heilige Vater – in Zusammenarbeit mit dem Kulturrat – in die Sixtinische Kapelle eingeladen hatte. Unserem Präsidenten, Gianfranco Kardinal Ravasi, gelang es, zu diesem Anlass dreihundert Künstler aus der ganzen Welt und aus unterschiedlichen Bereichen im Vatikan zu versammeln: Filmregisseure, Architekten, Maler, Bildhauer, Komponisten, Schauspieler und so weiter. Beiden, dem Heiligen Vater und Kardinal Ravasi, war es wichtig, einen offenen und unvoreingenommenen Dialog zu führen und bewusst keine Leitlinien vorzugeben. Seitdem hat es sehr viele weitere Anfragen von Künstlern an den Kulturrat gegeben, die Interesse an gemeinsamen Initiativen mit der Kirche haben.

    Haben sich aus dem Künstler-Treffen schon Kooperationen ergeben?

    Ein Ergebnis war Anfang Juli die Eröffnung einer großen Ausstellung im Vatikan aus Anlass des 60-jährigen Priesterjubiläums von Papst Benedikt XVI. Dazu wurden 60 Künstler aus aller Welt ausgewählt, die 60 Werke schufen – ein jedes sollte eines von 60 Priesterjahren illustrieren. Und diese Werke sind noch bis September im Atrium zum Audienzsaal im Vatikan zu besichtigen. Eine weitere, in diesem Jahr neu gestartete Initiative des Päpstlichen Kulturrates ist unsere Aktion „Vorhof der Völker“, eine Initiative zum Dialog mit den Nicht-Glaubenden. Wir führen Dialoge mit Vertretern aus Literatur, Malerei, aber auch Philosophie und anderen Wissenschaften – mit Leuten, die sich selbst als Agnostiker oder Atheisten bekennen. Es kommt zu Diskussionsrunden über gesellschaftlich relevante Themen wie den Einfluss technischer Entwicklungen auf die heutige Gesellschaft. Dieses Dialogprogramm haben wir im Februar 2011 in Bologna gestartet und im März in Paris offiziell eröffnet. Geplant sind weitere Dialogforen in Bukarest und auch in Albanien, Spanien, Schweden, Italien, Tschechien, USA. Als Kulturrat ist es uns im übrigen auch wichtig, die Anliegen der Ortskirchen nicht zu übergehen und Vorschläge der jeweiligen Ortsbischöfe mit Blick auf kulturelle Initiativen zu unterstützen und in unsere Arbeit zu integrieren.

    Seit einiger Zeit ist die Suche nach einer kulturellen Identität für Europa verstärkt Thema. Welche Rolle spielt in diesem Prozess die Kirche, welche Rolle spielt das Christentum für die Zukunft der Kultur Europas?

    Das ist eine ganz wesentliche Frage. Wir müssen unterscheiden zwischen „Kultur“ und „Kulturen“. Für Europa können wir von einer gemeinsamen Kultur sprechen. Da gibt es geistige Grundlagen, die allen Ländern gemeinsam sind. Bei allen Unterschieden, Spannungen, trotz aller Krisen und Kriege in der europäischen Geschichte, trotz aller Vielfalt der Kulturen in Europa gibt es bis heute etwas Verbindendes, das europäisch ist. Zu den gemeinsamen Grundlagen europäischer Kultur gehören ganz sicher die Menschenrechte – mit ihren christlichen Wurzeln. An vielen Orten in Europa ist auch beobachten, dass sich christliche Traditionen erhalten haben: Wallfahrten, Feste wie Libori in Paderborn – all das ist geblieben. Wenn ich dann aber die politische Sphäre in Europa betrachte und beobachten muss, dass es sogar schwierig ist, über die christlichen Wurzeln unseres Kontinents überhaupt ins Gespräch zu kommen, dass etwa die Verankerung eines Gottesbezugs im EU-Vertrag gescheitert ist, dann stelle ich mir schon die Frage: Wo gibt es noch ein breiteres gesellschaftlich-politisches Bewusstsein von den christlichen Fundamenten der europäischen Kultur? Nur wenn ich mir meiner eigenen Identität und ihrer Wurzeln klar bewusst bin, kann ich mich auch positiv auseinandersetzen mit anderen kulturellen Identitäten von Menschen, die von außen nach Europa strömen.

    Sie selbst stammen aus Rumänien, wurden dort in einer ungarischen Familie in der Erzdiözese Alba Julia geboren. Wo sehen Sie Unterschiede zwischen Ost- und Westeuropa?

    Ich möchte sagen: Westeuropa ist bei weitem stärker säkularisiert. In Osteuropa ist der Glaube im Alltag noch heute lebendiger – unbeschadet eines in kommunistischer Zeit staatlich verordneten Atheismus. Inzwischen ist allerdings mehr und mehr eine Art Assimilierung zwischen Ost und West zu beobachten, ein schleichender Mentalitätswandel in den osteuropäischen Ländern, der auch religiöse Traditionen erfasst. Das sehe ich mit Sorge, und dem suchen wir als Kulturrat so weit wir können, entgegenzuwirken. Die Kirche kann vieles tun, damit das Christliche als Wesensmerkmal für die künftige Gestalt Europas wieder stärker betont wird: Kontakte zwischen den europäischen Ländern fördern, Netzwerke schaffen, internationale Treffen mit Kulturschaffenden organisieren. Es genügt aber nicht, wenn wir als Kirche gut predigen und die schönen Künste pflegen; wir müssen zeigen, wie sehr wir das, worüber wir reden, wirklich ernst nehmen und leben. Wenn uns das gelingt, glaube ich, dass noch viele Früchte für die europäische Kultur zu erwarten sind.