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    Esoterisches auf der Leinwand

    Die roten, gelben und blauen Quadrate und Rechtecke auf den Bildern Piet Mondrians (1872–1944) kennen viele, ohne sie dem Maler direkt zuordnen zu können. Sie begegnen nicht nur in der Kunst, sondern auch im modernen Design. Der holländische Maler gilt als Meister der Abstraktion und hat die Kunst des 20. Jahrhunderts durch den von ihm begründeten „Neo-Plastizismus“ (Neue Gestaltung, 1925) nachhaltig beeinflusst. Was aber steckt hinter den berühmten Farbmustern?

    Keine Wolken, keinen Horizont, keine Wiesen oder Dünen: Piet Mondrian wollte nur noch „Manifestationen des Lichtes“. Foto: Museum

    Die roten, gelben und blauen Quadrate und Rechtecke auf den Bildern Piet Mondrians (1872–1944) kennen viele, ohne sie dem Maler direkt zuordnen zu können. Sie begegnen nicht nur in der Kunst, sondern auch im modernen Design. Der holländische Maler gilt als Meister der Abstraktion und hat die Kunst des 20. Jahrhunderts durch den von ihm begründeten „Neo-Plastizismus“ (Neue Gestaltung, 1925) nachhaltig beeinflusst. Was aber steckt hinter den berühmten Farbmustern?

    Mondrian begann als Landschaftsmaler, der in der Umgebung von Amsterdam Wäldchen, Bauerhöfe und Scheunen aus erdigen Braun-, Grün- und Grautönen pinselte. Er suchte nach Bescheidenheit und Einfachheit in seinen Bildmotiven. Goethes „Farbenlehre“, der über die Entstehung von Farben in der Abenddämmerung nachdachte, spielte in Mondrians Freundeskreis eine wichtige Rolle. Ein Leuchten, das vom Horizont ausgeht, ist daher öfters in seinen Bildern dieser Schaffensperiode zu sehen. Die vom Gegenlicht betonten Silhouetten von Bäumen, horizontale Wolkenbänder, die Spiegelungen der Himmelszone auf Wasserflächen zeigen das Bemühen des Künstlers, die Form zu vereinheitlichen. Langsam wandelte sich Mondrian vom Freilichtmaler zum Symbolisten, wie die Kuratorin der Ausstellung, Ortrud Westheimer, erklärte.

    1909 trat Mondrian der Theosophischen Gesellschaft bei, was seinen weiteren künstlerischen Weg zentral beeinflusste. Diese Vereinigung, die 1875 in New York unter dem maßgeblichen Einfluss von Helena Blavatsky entstand, sieht sich in ihrem Selbstverständnis als Teil einer universalen, geistlichen und ethischen Bewegung, die als „Universale Bruderschaft“ im endlosen Universum nach fundamentaler Essenz und kosmischem Bewusstsein suchte. Blavatsky nennt in ihrem zentralen Werk „Die Schlüssel zur Theosophie“ (1889) als Hauptziele: Die Bildung einer universalen Bruderschaft aller Menschen „ohne Unterscheidung von Rasse, Farbe und Bekenntnis“; das Studium arischer und anderer Schriften, insbesondere brahmanische, buddhistische und zoroastrische Philosophien, die Erforschung verborgener Geheimnisse der Natur in jeder Hinsicht, besonders der „latenten psychischen und spirituellen Kräfte des Menschen“.

    Was hier theoretisch formuliert ist, löste eine zeitgeistige Strömung aus, in der sich viele Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf die Suche nach dem „neuen Menschen“ machten. Man wollte sich neu „von innen heraus“ gestalten. Esoterik, Okkultismus, Welteinheitslehren und die von Rudolf Steiner begründete Anthroposophie entstanden aus dieser Gemengelage. Die Theosophie versuchte alle sichtbaren und unsichtbaren Phänomene auf ein einziges „gestaltendes Prinzip“ zurückzuführen. Begriffe wie „das Eine“, „das All“, „die Wurzel“ oder auch „Gott“ meinen dabei nicht den im Christentum beschriebenen personalen Schöpfer, sondern eine unpersönliche Kraft, eine Gottheit als Prinzip, das die Welt schafft und lenkt.

    Damit trat die Theosophie und die von ihr ausgehende esoterische Bewegung in scharfen Gegensatz zur christlichen Offenbarungsreligion. Die theosophische Konzentration auf ein „höheres Bewusstsein“, die „innere Lehre des Verborgenen“ markierte damit eine Wiedergeburt alter gnostischer Vorstellungen, gegen die schon die Alte Kirche in den ersten Jahrhunderten kämpfen musste. Während der Esoteriker oder Theosoph dem okkulten (verborgenen) Kern des Lebens auf die Spur zu kommen versucht, geht der Christ seit jeher den umgekehrten Weg. Von außen, nicht von innen, erwartet der Christ das Heil von Gott, der in seinem Sohn in die Welt tritt. Nicht Selbsterlösung oder Selbsterkenntnis stehen daher im Zentrum christlichen Denkens und Glaubens, sondern das Annehmen der Gnade in Christus Jesus, die zum ewigen Leben bei Gott führt.

    Was bei Mondrian eine „Spiritualität der Gotik“ genannt wird, ist im Grunde eine Spiritualität ohne Gott. Seit 1908, also ein Jahr vor seinem Eintritt in die Theosophische Gesellschaft, verbrachte der Künstler seine Sommerferien auf der niederländischen Insel Walcheren im Süden der Provinz Zeeland. Dort, in der Stadt Domburg an der Nordseeküste, sammelte sich Anfang des 20. Jahrhunderts eine Künstlerszene, die dem Luminismus, einer Spielart des französischen Pointilismus (Malen durch Farbtupfer) folgte. Theosophie galt dieser Szene als „spirituelle Wissenschaft“; Malerei und Kirchenbauten der Gotik inspirierten viele der Künstler zu ihren Werken. So malte und zeichnete auch Mondrian in dieser Phase immer wieder die Kirchen von Zoutelande und Domburg. An der Insel Walcheren reizte ihn – im Gegensatz zu den düsteren Bildern seiner Frühperiode – das klare, gleißende, mediterran anmutende Licht, was die Lichthaltigkeit seiner Farben steigerte. Bei der Suche nach dem Transzendenten wurde die Gegenständlichkeit in seinen Bildern immer unwesentlicher. An den Dünen oder einem Leuchtturm interessierten ihn die Motive des Waagerechten und Senkrechten; die Vereinfachung der Formen durch die Farbe führt ihn zu immer größerer Abstraktion. Die dabei entstandenen Bilder von Kirchen oder Mühlen, verfremdet durch Farben, entwickeln im Auge des Betrachters einen besonderen Reiz. Den theosophischen Einfluss erkennt der kundige Betrachter sofort an den in den Bildern jeweils abgeschnittenen Kirchturmspitzen, den fehlenden Kreuzen. Theosophen wie Mondrian wollten alles „Konfessionelle“ oder Religiöse vermeiden.

    Mondrians Weg in die Abstraktion, in die von Esoterikern und Spiritisten gesuchte „Erkenntnis der Wahrheit“, führte ihn schließlich Anfang der 1920er Jahre in die Grundfarben Rot, Gelb und Blau. In dieser Schaffensperiode, die ihn berühmt machte, gab es für den Maler keine Wolken, keinen Horizont, keine Wiesen oder Dünen mehr. Der Künstler wollte nur noch „Manifestationen des Lichtes“ schaffen. So gelangte er schließlich zu einem Koordinatensystem von horizontalen und vertikalen Linien, in denen er weiße, graue oder farbige Felder anordnete. Am Rande der Leinwand wurden diese Felder jeweils beschnitten, was eine Offenheit ausdrücken sollte, sozusagen die Fortsetzung des Bildes im Nichtsichtbaren.

    Mondrians theosophisch inspirierter Weg sollte ihn auf diese Weise vom sichtbaren in den unsichtbaren Kosmos führen, in die erdachte universale Welt von vermeintlich allgemeinen Prinzipien, geometrischen oder abstrakten Strukturen. Unvorstellbar für Mondrian war es daher wohl, die Inkarnation (Fleischwerdung) des lebendigen Wortes Gottes in Christus Jesus, die Geburt in Bethlehem, zu malen. Die Darstellung Maria mit dem Kinde, das wohl meistgemalte Bild der Kunstgeschichte, fehlt daher logischerweise in seinem Werk.

    „Mondrian. Farbe“, Ausstellung im Bucerus Kunstforum Hamburg, Rathausmarkt 2, 2 00 95 Hamburg, geöffnet bis 11. Mai.