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    Es ist nie zu spät, um neu zu beginnen

    In einer der bekanntesten Komödien aus den beginnenden siebziger Jahren „Mach's noch einmal, Sam“ („Play it again, Sam“, Herbert Ross 1972) erscheint dem unscheinbaren Kinokritiker Alan (Woody Allen) immer wieder sein Idol Humphrey Bogart, um ihm Selbstbewusstsein einzuflössen.

    In einer der bekanntesten Komödien aus den beginnenden siebziger Jahren „Mach's noch einmal, Sam“ („Play it again, Sam“, Herbert Ross 1972) erscheint dem unscheinbaren Kinokritiker Alan (Woody Allen) immer wieder sein Idol Humphrey Bogart, um ihm Selbstbewusstsein einzuflössen.

    Diese Idee mag dem neuen Film von Ken Loach „Looking for Eric“ Pate gestanden haben. Denn auch hier tritt ins Leben eines nicht gerade vor Selbstbewusstsein strotzenden einfachen Menschen dessen Vorbild, um ihm Lebenshilfe zu gewähren.

    Eric Bishop (Steve Evets) hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Bereits die erste Filmszene macht es ganz deutlich: Eric fährt Runde um Runde im Kreisverkehr irgendwo in Manchester, bis er einen Unfall baut. Der 50-jährige Briefsortierer lebt mit seinen beiden Stiefsöhnen Ryan und Jess in einem kleinen Haus, aber er hat sie ebenso wenig im Griff wie sein Auto. Erics Leben ist ein ewiger Kreisverkehr geworden, seit er vor mehr als einem Vierteljahrhundert seine große Liebe und erste Frau Lily (Stephanie Bishop) und die gemeinsame Tochter Sam sitzen ließ. Nicht einmal mehr zum Fußball geht er, seine Leidenschaft für den Rock'n Roll ist ebenfalls eingeschlafen, und sein Job bei der Post überfordert ihn augenscheinlich.

    Die Vergangenheit holt Eric ein, als ihn seine inzwischen erwachsene Tochter Sam (Lucy-Jo Hudson) um Hilfe bittet: Die alleinerziehende Mutter steckt mitten im Examen, und braucht die Unterstützung ihrer Eltern bei der Betreuung ihres Babys. Lily und Eric wechseln sich dabei ab, so dass es zu einem Wiedersehen nach Jahrzehnten kommt, das Eric emotional aus der Bahn wirft. Denn keine Frage: Lily ist noch immer seine große Liebe.

    Als sich einer seiner Stiefsöhne in krumme Geschäfte verwickeln lässt, ist das Chaos in Erics Leben perfekt. Da helfen keine Lebenshilfe-Ratgeber seiner gutmeinenden Arbeitskollegen mehr. Eric zieht sich in sein Schlafzimmer zurück, und fleht sein großes Fußballidol Eric Cantona auf dem lebensgroßen Poster um Hilfe.

    Und siehe da: Wie weiland Humphrey Bogart in „Mach's noch einmal, Sam“ steht auf einmal Eric Cantona (der sich selbst spielt) leibhaftig in Erics Zimmer. Der Manchester United-Ausnahmespieler aus den neunziger Jahren hilft seinem schmächtigen Namensvetter nicht nur körperlich fit werden. Eric bringt Eric dazu, fit zu werden im Kampf, um Lily zurückzugewinnen, seinen Freunden zu vertrauen, und seine Familie zu beschützen.

    „Looking for Eric“, der beim Internationalen Filmfestival Cannes 2009 uraufgeführt wurde, nimmt sich als ein modernes Märchen aus, das allerdings in der harten Wirklichkeit fest verankert ist. Diesen scheinbaren Widerspruch meistert „Looking for Eric“ indes mit schlafwandlerischer Sicherheit.

    Dies liegt zum einen am hervorragenden Drehbuch von Paul Laverty, das gut erarbeitete Dialoge mit bestechender Situationskomik verknüpft, auch wenn es gegen Ende mit überhandnehmender Action deutlich über die Stränge schlägt. Zum andern gelingt es Regisseur Ken Loach aber auch, die Figuren dank auch der unverbrauchten Gesichter von Steve Evets und Stephanie Bishop authentisch zu zeichnen. Ohne Pathos, ohne unnötige Dramatisierung liefern sie eine präzise Charakterstudie.

    „Looking for Eric“ schafft noch einen weiteren Spagat: die nuancierte Darstellung von Steve Evets und Stephanie Bishop mit dem eher hölzernen Schauspiel von Eric Cantona zu verbinden. Denn zwar hat Cantona bereits in mehr als einem Dutzend Spielfilmen mitgewirkt, ihm ist jedoch in „Looking for Eric“ auf der Leinwand stets eine leichte Unbeholfenheit anzumerken. Diese wirkt sich aber wohltuend aus, denn sie nimmt jedem noch so zaghaften Versuch einer divahaften Darstellung den Wind aus dem Segel.

    Ken Loachs Film kann nur bedingt als „Fußballfilm“ bezeichnet werden. Denn das Fußballspiel wird als Sinnbild für das Leben eingesetzt. Als beispielsweise Eric Bishop Eric Cantona nach seinem besten Spielzug auf dem Rasen von Old Trafford fragt, antwortet der Fußballspieler überraschend nicht mit einem Tor. Nein, für ihn war der magischste Moment ein perfekt geschlagener Pass zu einem Mitspieler. „Und wenn er das Tor verfehlt hätte?“, hakt der Postbedienstete nach. „Du musst Deinen Mitspielern vertrauen. Immer!“, lautet die Lehre, die Cantona aus diesem Spielzug zieht.

    Könnten die aus der Fußballwelt entnommenen Lebenserfahrungen, die Eric Cantona dem anderen Eric beizubringen versucht, oberflächlich als Plattitüden angesehen werden, so steckt in ihnen jedoch eine tiefe Weisheit. In der leichtfüßigen Inszenierung von Ken Loach gipfeln sie in der Einsicht, dass es nie zu spät ist, um einen Neuanfang zu wagen.

    Von José García