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    „Es gibt nur eine Solidarität“

    Wer bei Solidarität an Polen denkt, liegt richtig. Nicht, weil sich unsere östlichen Nachbarn fast 25 Jahre nach dem Fall des Kommunismus durch einen übermäßigen Gemeinschaftssinn auszeichnen würden – die Einführung des kapitalistischen Systems hat gerade im Osten die Ellbogen-Mentalität wachsen lassen –, sondern weil der Fall des Kommunismus ohne die polnische Arbeitergewerkschaft „Solidarnoœæ“ (Solidarität) nur schwer vorstellbar wäre. Es waren die gewerkschaftlichen Proteste an der Danziger Lenin-Werft im Sommer 1980, die das kommunistische System erstmals nachhaltig zum Wanken brachten. Erst streikten die Arbeiter, weil die Preise für Fleisch in die Höhe geschossen waren und die Kranführerin Anna Walentynowicz entlassen worden war. Dann wurde unter Leitung des Elektrikers Lech Wa³êsa ein betriebliches Streikkomitee gegründet.

    Eindrucksvolle Bilder in der Danziger Ausstellung über „Solidarnoœæ“. Foto: Meetschen

    Wer bei Solidarität an Polen denkt, liegt richtig. Nicht, weil sich unsere östlichen Nachbarn fast 25 Jahre nach dem Fall des Kommunismus durch einen übermäßigen Gemeinschaftssinn auszeichnen würden – die Einführung des kapitalistischen Systems hat gerade im Osten die Ellbogen-Mentalität wachsen lassen –, sondern weil der Fall des Kommunismus ohne die polnische Arbeitergewerkschaft „Solidarnoœæ“ (Solidarität) nur schwer vorstellbar wäre. Es waren die gewerkschaftlichen Proteste an der Danziger Lenin-Werft im Sommer 1980, die das kommunistische System erstmals nachhaltig zum Wanken brachten. Erst streikten die Arbeiter, weil die Preise für Fleisch in die Höhe geschossen waren und die Kranführerin Anna Walentynowicz entlassen worden war. Dann wurde unter Leitung des Elektrikers Lech Wa³êsa ein betriebliches Streikkomitee gegründet.

    Schnell zeigte sich, dass es den Arbeitern nicht nur um Nahrung ging. Sie stellten, unterstützt von Intellektuellen, einen 21-Punkte-Katalog auf, der die Einsetzung freier Gewerkschaften forderte, die Freiheit des Wortes, das Streikrecht und die Freilassung aller politischen Gefangenen. Ein mutiger Schritt, der mit Erfolg gesegnet war. Ende August 1980 unterzeichnete ein Vertreter der sozialistischen Regierung mit Wa³êsa eine entsprechende Vereinbarung. Wobei sich der charismatische Gewerkschaftsführer und spätere Nobelpreisträger eines Kugelschreibers mit dem Konterfei des polnischen Papstes bediente.

    Ein zeitgeschichtlicher Stoff, der zum Mythos wurde. Für viele Menschen aus der ganzen Welt, die heute nach Polen kommen, gehört ein Abstecher an die Danziger Lenin-Werft deshalb zum Reiseprogramm. Zu Recht. Denn der genius loci lässt sich auch über 30 Jahre nach dem Streik erstaunlich authentisch bestaunen. An das berühmte Tor sind bei Wind und Wetter ein Bild von Johannes Paul II., sein Wappen und ein Bild der Muttergottes angeheftet. Vor einem Jahr wurde sogar der Name „Leninwerft“ wieder am Haupttor angebracht. Eine Form von Denkmalpflege, die nicht allen Polen gefällt. Der ältere Mann am Souvenirschalter beispielsweise blickt mit Verachtung auf den kommunistischen Schriftzug.

    Auch für das gigantische „Museum für die Geschichte der Solidarnoœæ“, das auf dem Werftgelände errichtet wird und eine Bibliothek, ein Archiv und ein Forschungsinstitut umfassen soll, hat der Mann nur einen geringschätzigen Blick übrig. Der riesige Baustellenkomplex gehört zum „Europäischen Zentrum der Solidarnoœæ“, einer Einrichtung, die von der Europäischen Union mit Millionen Euros gefördert wird und neben dieser retrospektiven Seite auch zukunftsorientierte Projekte organisiert: Festivals, Workshops, Seminare und Konferenzen. Große Preise, große Veranstaltungen, bei denen man die für die Arbeiter einst so wichtigen geistlichen Aspekte suchen muss. Genauso wie die Arbeiter selbst, die eigentlichen Helden von damals. Vor allem seit der Leiter des Zentrums nicht mehr der Dominikaner Maciej Ziêba ist, sondern der Journalist Basil Kerski, der zwar in Deutschland, Polen und Amerika bestens vernetzt ist, von Lech Wa³êsa und der Oppositionspartei PiS jedoch abgelehnt wurde, als er 2011 die verantwortungsvolle Stelle übernahm.

    Es scheint eine Kluft zu existieren zwischen den religiösen Arbeiter-Veteranen von damals und den technokratischen Machern von heute, die sich zwar beide auf die Solidarität berufen, darunter aber etwas völlig anderes verstehen. Diesen Eindruck bekommt man auch in der legendären Arbeitsschutz- und Hygienehalle (SALA BHP), in der Wa³êsa die Vereinbarung unterschrieb. Heute ist die Halle ein schlichtes Museum, in dem internationale Publikationen zur Gewerkschaft Solidar-noœæ ausliegen und im Rahmen der Ausstellung „Jest jedna Solidarnoœæ“ (Es gibt nur eine Solidarität) zahlreiche Schautafeln von den Entbehrungen der frühen 1980er Jahre Zeugnis geben: Warteschlangen, leere Regale, Kinderwagen mit Toilettenpapier. Aber auch von der helfenden Präsenz der Kirche. Immer wieder erkennt man nämlich auf den Abbildungen Geistliche, die mit den Arbeitern beten oder die Beichte hören. Dazu sieht man beim Gang in den Raum, wo die Arbeiterversammlungen stattfanden, zahlreiche Wimpel der regionalen Gewerkschaftsgruppen. Auf vielen ist Maximilian Kolbe als Patron abgebildet.

    Man darf gespannt sein über die zukünftige Nachbarschaft zwischen dem großen, modernen Museum und den schlichten Einrichtungen im Originalzustand, über den fortgesetzten Streit um die Deutungshoheit darüber, was damals in welchem Geist geschah. „Keine Solidarität ohne Liebe“, sagte Papst Johannes Paul II. Er meinte vermutlich nicht nur die Nächstenliebe, sondern auch die Liebe Gottes. Die göttliche Dimension. Pünktlich zum 25. Jahrestag der ersten demokratischen Wahlen in Polen im Jahr 2014 soll das „Museum für die Geschichte der Solidarnoœæ“ jedenfalls eröffnet werden. Die Baukosten belaufen sich auf etwa 50 Millionen Euro. Ungefähr die Hälfte dieser Summe stammt aus Geldern der Europäischen Union.

    Die ständige Ausstellung „Jest jedna Solidarnoœæ“ ist dienstags bis sonntags von 10–17 Uhr geöffnet. Eintritt frei. Danzig, Lenin-Werft, SALA BHP, Plac Solidarnoœci Robotniczej.