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    „Ernst nehmen, dass Glaube eine Gnade ist“

    Die deutschen Bischöfe haben „Qualitätskriterien für katholische Schulen“ vorgelegt. Regina Einig sprach darüber mit Elfriede Schmitz-Keil, die zwanzig Jahre im staatlichen Düsseldorfer Luisen-Gymnasium arbeitete, sechzehn Jahre das Erzbischöfliche Gymnasium Marienberg in Neuss leitete und darüber hinaus in der Lehrerausbildung tätig war.

    Das Dokument „Qualitätskriterien für Katholische Schulen“ soll katholischen Schulen dabei helfen, ihr christliches Profil zu stärken. Taugt es dazu?

    Nein, es taugt dazu nicht, weil der Text viel zu allgemein formuliert ist und kaum Begründungen enthält. Immer wieder fällt auf, dass das Wort „katholisch“ umgangen und der Text durch das Wort „christlich“ geglättet wird, das weniger Ecken und Kanten besitzt. Dreimal taucht es nur auf: in der Forderung, dass der Schulleiter das „katholische Profil“ zu vertreten habe, innerhalb des Wortes „Katholikentage“ und in dem Satz: „Die Lehrer eignen sich ein solides Grundwissen an über das Christentum und die katholische Lehre“. Alles, was eigentlich das katholische Profil einer Schule ausmachen sollte, wird zu wenig präzisiert.

    Was sollte genauer angesprochen werden?

    Ich bedaure, dass in diesem Papier wenig von Verkündigung und nicht von den Sakramenten gesprochen wird. Es fehlt beispielsweise im ganzen Text die Erwähnung der Eucharistie, die Mittelpunkt des katholischen Glaubens ist. Es wird zwar von der Ebenbildlichkeit des Menschen gesprochen, aber dass diese Ebenbildlichkeit die Freiheit des Menschen ausmacht, die ihn auch zu falschem Handeln führen kann und ihn erlösungsbedürftig macht, wird nicht gesagt. Ich vermisse auch einen Hinweis darauf, dass Jesus Christus in seinem Wort und den Sakramenten da ist. Die Beichte als Quelle eines Neuanfangs wäre sicher ebenfalls erwähnenswert. Ein Defizit des Textes ist es, dass er den Zusammenhang von katholischem Profil, Kirche und Sakramenten nicht deutlich genug macht.

    Auch im Bereich der sozialen Fertigkeiten fehlen mir die Begründungszusammenhänge. Wie das Gleichnis von den Talenten zeigt, bedeuten Talente und Fähigkeiten auch Verantwortlichkeit in der Welt und gegenüber Gott. An unserer Schule hielten besonders leistungsstarke Schüler Förderunterricht für diejenigen, denen das Lernen schwer fiel. Dafür gaben wir ihnen die Chance, besonders gefördert zu werden und beispielsweise ein Jahr zu überspringen. In dem Dokument wird zwar davon gesprochen, dass wir uns der Schwachen annehmen müssen und dass es zu einer Begegnung unterschiedlicher Begabungen kommen muss, aber man geht den Schritt nicht weiter, indem man sagt: Wenn ich ein verantwortliches Leben vor Gott führen will, muss ich meine besonderen Fähigkeiten auch verantwortlich in den Dienst des Gemeinwohls und derjenigen, die der Hilfe bedürfen, stellen. Das ist ein wichtiger Gedanke, der katholische Schulen profilieren könnte.

    Ein weiterer Aspekt: Es geht in der Veröffentlichung des Textes um „Qualitätskriterien für katholische Schulen“. In der Präambel heißt es, „die Schüler unterliegen nicht der Evaluation“. Begründet wird dies damit, dass Schüler schon einer ständigen Evaluation durch die schulische Leistungskontrolle unterliegen. Das beinhaltet für mich einen groben Denkfehler: Wenn wir katholische Schulen haben, ist es ganz wichtig, unabhängig von der Leistungsbeurteilung einmal zu prüfen, was eine solche Schule für das Leben junger Menschen eigentlich bewirkt und Schülern nach der Schulzeit prinzipielle Fragen zu stellen: Hat die Schulzeit an einer katholischen Schule zu einer Vertiefung des Glaubens und einem besseren Kennenlernen der Glaubensinhalte geführt? Prägen die Begegnungen an einer solchen Schule mein Leben als Christ? Solche Fragen dürfen wir nicht einfach aussparen. Es wäre eine vordergründige Sicht, nur auf die Kenntnisse der Schüler zu achten, denn dafür geben wir Noten. Interessant ist doch der Weg im katholischen Glauben und in der Lebenshaltung junger Menschen. Viel Kirchensteuer fließt in unsere Schulen ein und wir müssen die Frage nach der positiven Wirkung unserer Schulen mutig stellen, denn ich bin von deren Wirkung überzeugt.

    Es gibt derzeit keine Daten, die darüber Aufschluss geben, wie viele katholische Schulen ein eigenes Curriculum für den Religionsunterricht aufgestellt haben. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

    Nach meiner Kenntnis wird das nicht gemacht. Staatliche Curricula für den Religionsunterricht werden von den katholischen Schulen im Blick darauf übernommen, dass die Anerkennung der Abschlüsse dadurch erhalten bleibt.

    Wie bewerten Sie diese Praxis?

    Katholische Schulen haben ihre Freiheit, bestimmte Akzente und Schwerpunkte zu setzen. Das wäre im Religionsunterricht besonders wichtig, da wir ja dort ganz andere Bedingungen als an staatlichen Schulen vorfinden. Wir haben in der Regel im Gymnasium von der 5. bis zur 13. Klasse verbindlichen Religionsunterricht. Das sieht an staatlichen Schulen ganz anders aus. Dort gibt es die Möglichkeit der Abwahl, die Schwierigkeit, dass der konfessionelle Religionsunterricht nicht als solcher geführt werden kann, weil man unterschiedliche Gruppen zusammenlegt. Deshalb sind Religionslehrer an staatlichen Schulen manchmal gezwungen, Themen zu wählen, von denen sie annehmen, dass sie allgemeines Interesse erwecken. So fällt es manchmal schwer, einen vertiefenden Reflexionshorizont zu erreichen. Katholische Schulen haben schon durch den größeren Zeitrahmen viel mehr Möglichkeiten, theologische Fragen und Glaubensfragen intensiver anzusprechen. Natürlich halten wir im Religionsunterricht keine Katechese. Religionsunterricht ist ein wissenschaftspropädeutisches Fach im Gymnasium. Aber es ist ein großer Fehler, dass man nicht den Mut hat, hier ein ganz klar akzentuiertes, vertiefendes und differenziertes Curriculum zu entwickeln. Es wäre unbedingt notwendig, dass Gymnasiasten einmal ein ganzes Evangelium lesen anstatt immer nur eine kurze Perikope vorgesetzt zu bekommen, über die dann eine theologische Fragestellung gestülpt wird. Auch in anderen Fächern setzt das Arbeiten und Verstehen von Literatur die Lektüre ganzer Werke voraus.

    Befürworter staatlicher Curricula befürchten, dass katholische Schulen durch eigene Lehrpläne den Pflichtfachcharakter des Religionsunterrichtes schwächen.

    Das Argument muss man ernst nehmen. Diese Gefahr lässt sich jedoch umgehen, indem alle Vorgaben des staatlichen Curriculums berücksichtigt, aber sinnvoll ergänzt werden. Insgesamt wäre ein verbindliches Zusatz-Curriculum zu den Vorgaben des staatlichen Curriculums zu entwickeln.

    Zur Werteerziehung heißt es: „Es geht um kritische Auseinandersetzung mit Werten und Normen“. Wie beurteilen Sie das?

    Dies ist ein Desiderat des ganzen Textes. Es werden Werte und Selbstverständlichkeiten formuliert, die für alle guten Schulen zutreffen. Das ist auch gut so. Wir haben eine Landesverfassung (NRW), in der sehr deutlich auf eine Werteerziehung hingewiesen wird. Darüber hinaus wäre zu sagen, dass Wirkungen kirchlichen Lebens, Kenntnisse der Glaubensaussagen, die Verkündigung der Kirche die Werteerziehung an katholischen Schulen prägen. Mich stört es, dass nirgendwo gesagt wird: Zentrum einer katholischen Schule muss die Kapelle sein. Wo Eucharistie gefeiert wird, ist eigentlich der Ort, von dem aus das Handeln und das Lernen derjenigen, die an einer solchen Schule sind, bestimmt wird. Das Dokument erwähnt zwar, dass Schüler auch eine Kapelle oder andere geschützte Räume für Gebet, Stille und Rückzug haben sollen – aber darum geht es nicht allein.

    Ist Liturgie an katholischen Schulen ein „Angebot“?

    Das ist ein immer aktuelles Problem an katholischen Schulen. Kann man jemanden dazu verpflichten, in den Gottesdienst zu gehen? Wir müssen ernst nehmen, dass Glaube eine Gnade ist. Dass niemand zum Glauben gezwungen werden kann, ist eine Selbstverständlichkeit. Aber dass man die Möglichkeit haben muss, etwas kennenzulernen, ehe man sich für eine Sache entscheidet, das müssen wir auch pädagogisch ernst nehmen. Die meisten Kinder gehen heute mit ihren Eltern nicht mehr regelmäßig zur Messe oder zum Gottesdienst. Wenn wir die Teilnahme an der Schulmesse allein zum Angebot erklären, das man annehmen oder ablehnen kann, setzen wir gruppendynamische Prozesse in Gang: Schüler, die kommen, können unter den Druck der anderen geraten, die stattdessen eine Freistunde vorziehen. Es sind also häufig sekundäre Phänomene, die dem Messbesuch im Wege stehen, es ist keine prinzipielle Ablehnung. Wenn man das Ziel katholischer Schulen ernst nimmt, nämlich junge Menschen zu Christus zu führen, dann müssen sie ihn zunächst einmal kennenlernen. Wo könnten Sie es besser als in der gemeinsamen Eucharistiefeier? Wie sähe es in unseren Schulen aus, wenn die Unterrichtsteilnahme auf Freiwilligkeit basieren würde? Bestimmte Dinge müssen eingeübt werden, damit man sie wertschätzen lernt und eine Beziehung zu ihnen gewinnt.

    Wie haben Sie selbst es in der Praxis gehalten?

    Ich habe es an unserer Schule so gehalten, dass von der Jahrgangsstufe 5 an die Klassenlehrer mit den Klassen geschlossen in die Schulmesse gegangen sind. In den Klassen 5 und 6 wurden die Zeichen und Symbole, der Aufbau der Messe, in der Katechese, der Predigt den Kindern erklärt. Das machte ihnen Spaß, weil sie nun besser verstanden, was sie erlebten. In der Mittelstufe wurde es schwieriger. Hier ist das Zeugnis und das Vorbild der Lehrer besonders gefragt. Wir haben uns immer wieder gefragt: Wie können wir den Schülern deutlich machen, dass uns der gemeinsame Messbesuch ein Anliegen ist? Viele kluge und pädagogisch sensible Klassenlehrer haben mit ihren Schülern vor dem wöchentlichen Messbesuch darüber gesprochen: Wo haben wir ein Problem, für das wir gemeinsam beten können? Die Schüler sahen, dass in diesem wöchentlichen Schulmessgang ihre Familien und ihre Sorgen in den Fürbitten aufgenommen wurden. In der Oberstufe habe ich zu Beginn des Schuljahres mit den einzelnen Jahrgangsstufen erörtert, warum uns der wöchentliche Schulgottesdienst so wichtig ist. Wenn junge Menschen spüren, dass die wöchentliche Schulmesse kein Zwang ist, sondern ein Geschenk, mit dem wir die Schwierigkeiten des Lebens besser bewältigen können, ist vieles erreicht. Man muss dann allerdings genauso offen sein und sich auf ein Gespräch einlassen, wenn jemand kommt und sagt, ich kann im Augenblick nicht zur Messe gehen, weil ich Glaubensschwierigkeiten habe. Das ist wirklich eine Frage des sensiblen Umgehens mit jungen Menschen. Gleichgültigkeit in der Reaktion auf ständiges Fehlen bedeutet Desinteresse.

    Auch Lehrer sollen sich um ein Leben mit der Kirche bemühen. Trifft Religionslehrer der Praxisschock besonders hart?

    An katholischen Schulen nicht, dafür gibt es aus meiner Sicht keinen Grund. Dies mag an mancher staatlichen Schule anders sein. Sie können ähnliches etwa auch bei Musiklehrern beobachten. Das sind Fächer, die in den Schulen von Seiten der Eltern nicht die Bedeutung haben wie beispielsweise Mathematik oder Fremdsprachen. Dass die Schüler dann etwas lockerer an diese Fächer herangehen, ist auch klar. Aber an staatlichen Schulen ist der Praxisschock größer. Das liegt an den sehr ungünstigen Bedingungen: Der Religionsunterricht wird häufig auf Randstunden gelegt und zum Teil müssen Schüler beaufsichtigt werden, die Religion abgewählt haben. All diese Probleme haben wir an katholischen Schulen nicht. Da hat der Religionsunterricht einen anderen Stellenwert. Ich sehe als weiteres Problem, dass viele Lehrer – auch Religionslehrer –, schon von zuhause keine religiöse Sozialisation mehr haben. Sie müssen selbst immer wieder um den Glauben ringen. Da ist auch an katholischen Schulen ein Schulleiter gefordert, um Hilfestellungen zu geben und solche Krisen zu erkennen, aber auch deutlich zu sagen: Häresien werden nicht verbreitet. Es ist eine Fehlvorstellung zu glauben, dem Zeitgeist in diesem Fach folgen zu können und die Kirche gewissermaßen zum Buhmann zu degradieren. Wenn Schüler spüren, dass hier eine große Distanz zwischen der Lehrmeinung der Kirche und der Auffassung des Religionslehrers besteht – sie wird schon in Mimik und Gestik sichtbar –, dann ist es vorbei mit der Glaubwürdigkeit.

    Ist Latein eine besondere Aufgabe?

    Ja, denn vieles, was heute nicht mehr ausgebildet wird – genaues Hinsehen, sprachliche Präzision und Konzentrationsfähigkeit – ist durch das Fach Latein gut zu erreichen. Hinzu kommt, dass im modernen Lateinunterricht Fragen der Tradition, der Mythologie, der gewachsenen Kultur thematisiert werden. Es tut jedem gut, zu wissen, aus welchen Wurzeln er lebt. Für die Fächer Griechisch und Latein sollten wir kämpfen. Außerdem ist Latein die Sprache der Kirche. Hier sollten katholische Schulen nicht aufgeben.

    Empfiehlt es sich, bei der Gestaltung des Unterrichts „den jeweiligen fachdidaktischen Diskussionsstand“ zu berücksichtigen?

    Nein, günstiger wäre es, hier zu sagen: Katholische Schulen fordern eine kritische Auseinandersetzung mit den fachdidaktischen Vorgaben. Wer in den vergangenen Jahrzehnten Lehrer ausgebildet hat, konnte sich davon überzeugen, wieviel fachdidaktischer Unsinn seit den 68er Jahren auf die Schulen zugekommen ist. Fachdidaktische oder methodische Fragestellungen sind fast ideologisiert worden, indem erklärt wurde: Wenn nicht ein bestimmter Wechsel an Sozialformen in einem Unterricht da ist, ist der Unterricht nichts wert. Solche Aussagen sind aber von der begleitenden Unterrichtsforschung überhaupt nicht belegt. Zu den fachdidaktischen Fragen müssen wir deshalb kritisch Stellung nehmen, weil durch die Vorgaben des Zentralabiturs auch inhaltlich Schwerpunkte gesetzt werden, die ich höchst fragwürdig finde und die schwer didaktisch zu legitimieren sind. Zu den Kernthemen der Oberstufe in Nordrhein-Westfalen gehörte beispielsweise im Fach Englisch von Margaret Atwood „Der Report der Magd“. Man muss den Text kennen, um die Gefährlichkeit der propagierten Vorstellungen nachvollziehen zu können. Ich bezweifle, dass Schüler ohne kundige Hilfe die Problematik differenzierend beurteilen können. Im Fach Deutsch gehört in NRW Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ zu den Kernthemen, die bis zum Abitur vorbereitet werden müssen. Viele Kollegen haben über die Schwierigkeiten mit diesem Text geklagt, weil er eine Problematik vorstellt, über die Schüler in diesem Alter und erst recht nicht in koedukativen Klassen reden wollen, vor allen Dingen nicht in einer größeren Öffentlichkeit. Sowohl die katholischen Büros in den verschiedenen Bundesländern als auch die Schulleiter an katholischen Schulen täten gut daran, ein Gegengewicht zu bilden und die Verantwortlichen dazu zu zwingen, unter fachdidaktischen Gesichtspunkten zu prüfen, was in Schulen in bestimmten Fächern gelesen werden soll. Deshalb müssen katholische Schulen es leisten, fachdidaktisch kritisch mit Vorgaben, die gerade die jeweiligen Trends oder Moden von Erziehungswissenschaftlern widerspiegeln, umzugehen. Sie sollten begründen, warum sie bestimmte Modetorheiten nicht mitmachen, sondern bestimmte Erfahrungen, die sich bewährt haben, beibehalten und weitergeben wollen.