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    Erinnerung an ein furchtbares Verbrechen

    Nicolas Philibert wurde mit der Dokumentation „Sein und Haben“ (2002) hierzulande schlagartig bekannt. Der Film dokumentierte ein Jahr Unterricht in einer Ein-Klassen-Schule in einem südfranzösischen Dorf.

    Nicolas Philibert wurde mit der Dokumentation „Sein und Haben“ (2002) hierzulande schlagartig bekannt. Der Film dokumentierte ein Jahr Unterricht in einer Ein-Klassen-Schule in einem südfranzösischen Dorf.

    Sein Metier lernte der 1951 geborene französische Regisseur in den siebziger Jahren als Regieassistent unter anderem von René Allio. In dieser Eigenschaft arbeitete Nicolas Philibert auch an dem Spielfilm mit, den René Allio (1924–95) in den Jahren 1975/76 auf der Grundlage eines Buchs von Michel Foucault (1926–84) drehte, in dem der Philosoph und Soziologe wiederum einen Kriminalfall aus dem 19. Jahrhundert literarisch verarbeitete: „Ich, Pierre Riviere, Mörder meiner Mutter, meiner Schwester und meines Bruders“. Das furchtbare Verbrechen geschah 1835 in einem Dorf in der Normandie. Als sich Pierre Riviere nach seiner Verurteilung zu lebenslanger Haft 1840 in seiner Zelle erhängte, hinterließ er 80 Blätter, auf denen er seine Beweggründe niedergeschrieben hatte. Der Fall erweckte das Interesse der Nachwelt, weil Justiz und Psychologen wohl erstmalig eng zusammenarbeiteten.

    So kommt es, dass sich zunächst Michel Foucault und dann Filmregisseur Allio des 150 Jahre alten Falles annehmen. Das Besondere an Allios Film: Er dreht hauptsächlich mit Laiendarstellern, mit den Bauern aus der Region, möglichst an den Originalschauplätzen, an denen sich die Tragödie im Jahre 1835 abspielte.

    Nun besucht der einstige Regieassistent und inzwischen bekannte Dokumentarfilmer Nicolas Philibert nach dreißig Jahren die damaligen Laiendarsteller. Dazu führt Philibert selbst aus: „Ich war damals 24 Jahre alt, und Allio hatte mir den Posten des ersten Regieassistenten angeboten. Dieser Film, der einige Kilometer entfernt von dem Ort gedreht wurde, wo 140 Jahre zuvor ein Bauernsohn einen dreifachen Mord begangen hatte, sollte einen großen Teil seiner Einzigartigkeit der Tatsache verdanken, dass die meisten Rollen von Bauern der Region gespielt wurden. Und jetzt habe ich mich entschlossen, in die Normandie zurückzukehren, um dort diesen Menschen, die für einen kurzen Moment ihres Lebens Schauspieler waren, wieder zu begegnen. Dreißig Jahre sind seitdem vergangen.“

    „Rückkehr in die Normandie“ stellt nicht bloß eine Art verspätetes „Making Of“ des Allio-Filmes dar. Darüber hinaus bietet Philiberts Film allgemein gültige Aussagen über das Filmemachen selbst, etwa über die Recherchen, die René Allio dreißig Jahre zuvor anstellte, die Suche nach den geeigneten Drehorten und den passenden (Laien-)Darstellern.

    Die Spurensuche einer besonderen Art verdient Beachtung: Claude Hébert, der Pierre Riviere spielte, blieb lange unauffindbar. Nach seinem Auftritt folgte er zunächst Allio nach Paris, drehte weitere Filme und verschwand in den achtziger Jahren. Erst kurz vor Drehschluss konnte Philibert ihn aufspüren. Zuletzt war Hébert nach Paris gefahren, um Allio auf dem Sterbebett zu besuchen.

    Heute lebt er in Haiti, als katholischer Priester. So macht er vom Weltjugendtag 2005 aus Köln kommend einen kleinen Abstecher in die Normandie. Zuletzt zeigt Nicolas Philibert auch, warum dieses Projekt für ihn ein Herzensanliegen war: Philiberts Vater hatte in Allios Film eine kleine Rolle übernommen. Er spielte den Justizminister, der beim König um Begnadigung für Pierre bat.

    Von José García