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    Er webte große Mythenteppiche

    Vor 40 Jahren starb der britische Autor J. R. R. Tolkien. Berühmt gemacht hat ihn sein Kultroman „Der Herr der Ringe“. Der wortmächtige Sprachenerfinder entwickelte für seine Fantasy-Welt ganze Sprachsysteme mit Grammatik und eigenen Schriften. Doch Tolkien war auch ein tiefgläubiger Katholik, der nicht zur Heiligen Kommunion ging, wenn er nicht zuvor gebeichtet hatte.

    Der englische Schriftsteller J.R.R. Tolkien. Foto: IN

    Vor 40 Jahren starb der britische Autor J. R. R. Tolkien. Berühmt gemacht hat ihn sein Kultroman „Der Herr der Ringe“. Der wortmächtige Sprachenerfinder entwickelte für seine Fantasy-Welt ganze Sprachsysteme mit Grammatik und eigenen Schriften. Doch Tolkien war auch ein tiefgläubiger Katholik, der nicht zur Heiligen Kommunion ging, wenn er nicht zuvor gebeichtet hatte.

    Der Glaube bildete das wichtigste Fundament in Tolkiens Leben. Er gab ihm Kraft, durch die er den Alltag bewältigte und seine Arbeit heiligte. Täglich betete er den Rosenkranz, die regelmäßige Beichte war für ihn ebenso selbstverständlich wie der tägliche Messgang. Noch im hohen Alter diente er als Ministrant. Seinen Söhnen empfahl er die tägliche Kommunion, sein ältester Sohn wurde Priester. Dass seine Kinder und Enkel katholische Schulen besuchten, war selbstverständlich. Wer war dieser große, liebende Mensch?

    John Ronald Reuel Tolkien wird am 3. Januar 1892 im südafrikanischen Bloemfontein geboren, wo sich sein Vater aus beruflichen Gründen aufhielt. Seine Vorfahren waren im 18. Jahrhundert aus Sachsen nach England eingewandert. Später sollte Tolkien seinen Namen vom deutschen Wort „tollkühn“ ableiteten. Drei Jahre nach seiner Geburt ziehen er, sein zwei Jahre jüngerer Bruder Hilary und seine Mutter, der das afrikanische Klima gesundheitlich zusetzt, zurück nach England. Bald wird ihr neues Leben in Birmingham von der Nachricht überschattet, dass der in Südafrika zurückgebliebene Vater an schweren inneren Blutungen gestorben ist.

    Schon früh zeigt sich Tolkiens Sprachbegabung. Seine Mutter unterweist ihn in Latein, Französisch und Deutsch. Durch sie lernt er die Artus-Sage kennen, auch Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ und Andrew Langs Märchenbücher, durch die er von den nordischen Sagen um Sigurd und den Drachen Fafnir hört. Es folgt eine Zeit mehrerer Umzüge und Schulwechsel. 1903 kehrt er mit einem Stipendium an die King Edward’s School zurück und lernt neben Griechisch das seltene Mittelenglisch. Geoffrey Chaucers „Canterbury Tales“ und Thomas Malorys „Le Morte Darthur“, eine Zusammenstellung verschiedener Erzählungen der Artus-Sage, zählen zu den Inspirationsquellen des phantasiebegabten jungen Tolkien.

    Nachweislich prägend ist die religiöse Erziehung. Seine Mutter, 1900 gegen den Willen ihrer Eltern und Schwiegereltern zum Katholizismus konvertiert, erzieht ihn in ihrem Glauben. Ein Schock für ihn, als sie 1904, er ist gerade zwölf, nach sechstägigem diabetischen Koma stirbt. Doch ihr früher Tod nährt keine Zweifel in ihm, sondern festigt ihn im Glauben. Erlösung, weiß er, kann der Mensch nur durch Jesus Christus finden. Diese Einstellung wird zum grundlegenden Beweggrund seines literarischen Schaffens. Noch eine weitere Prägung ist für ihn lebensbestimmend: Pater Francis Morgan wird sein Vormund. Kein unbedeutender Mann, er ist Kaplan von John Henry Newman gewesen.

    Nach einem fehlgeschlagenen Versuch 1909 bekommt Tolkien im Dezember 1910 ein Stipendium des Exeter College in Oxford. Doch sein akademischer Weg verläuft nicht geradlinig. Er wechselt an das Institut für englische Sprache und Literatur. Dort stößt er auf das Epos „Crist“ aus dem frühen 9. Jahrhundert. Zwei Zeilen daraus beeinflussen ihn nachhaltig: „Eala Earendel engla beorhtast / ofer middangeard monnum sended“ – „Heil dir Earendel, strahlendster Engel, / über Mittelerde den Menschen gesandt“. Mittelerde... es muss ihm wie eine Erleuchtung vorgekommen sein. Er selbst sollte später sagen: „Ich fühlte mich auf seltsame Weise beflügelt, als ob sich in mir etwas geregt habe (...) Da steckte etwas ungeheuer Fernes, Wundersames und Schönes hinter diesen Worten.“

    Nach dem Studium bleibt er an der britischen Brutstätte brillanter Intellektualität und stilvoller Dialektik. Ein Unikum wie Lewis Carroll, der hundert Jahre früher, der Fantasy-Literatur vorgreifend, gleichfalls wundersame Geschichten erzählte. Nur dass dieser als Mathematiker, jener als Spezialist für alte englische Literatur und Sprache lehrte. Noblesse oblige. Tolkiens artistisch-artifizielle Sprachgewalt, seine mythischen Schichtungen, seine antiquarisch und zugleich zeitlose Monumentalität, wo hätte sie besser gedeihen können als in der pittoresken Gelehrtenrepublik, die das alte Oxford noch darstellte, bevor auch hier Technokratie die Phantasie überstülpte?

    Seit den frühen 1920ern erzählt der fabulierfreudige Professor regelmäßig seinen Kindern phantasievolle Geschichten. 1938, nachdem er 34 Jahre lang altenglische Philologie gelehrt hat und als ausgewiesener Kenner des „Beowulf-Epos“ zu Ehren kam, veröffentlicht er „Der kleine Hobbit“, ein Kinderbuch von den Abenteuern des Bilbo Baggins. Das Buch entreißt Tolkien dem sprachwissenschaftlichen Elfenbeinturm, stattdessen gerät er auf die literarische Schiene. Auf das Weben großer Mythenteppiche versteht er sich noch nicht. Das sollte nicht lange auf sich warten lassen.

    „Der Herr der Ringe“, ein mit sprachlicher Genauigkeit erzählter Fantasykrimi, der alle Stärken alter Sagen besitzt. Alles in allem mehr als ein Roman. Vielleicht bildet das mächtige Epos, so scheint es heute, den Schlussteil einer Jahrtausende umfassenden Mythologie, dennoch ist es kein kühl kalkuliertes Konstrukt, sondern speist sich aus Durchlebtem und Durchlittenem. Die Figur Sam Gamdschie, der wackere Gefährte Frodos, ist, wie Tolkien später ausführte, inspiriert von den britischen Grenadieren im Ersten Weltkrieg. Tolkiens persönliche Liebesbeziehung spiegelt sich wider in der Geschichte des Königserben Aragorn und Arwen, die wie Tolkien und seine Frau Edith erst nach langer Trennung zusammenkommen. Tolkien zeichnet seine Figuren tiefenpsychologische, nie holzschnittartig. Der Hobbit Frodo stürzt unter der Last seiner Aufgabe in tiefe Melancholie und gelänge ohne seinen Helfer Gollum (auch er in sich zerrissen) nie an sein Ziel.

    Erst 1954, nach einigen Kämpfen, wird „Der Herr der Ringe“ veröffentlicht. Anfang der 60er erscheint in den USA eine unautorisierte Kopie. Tolkien protestiert, doch sie ist es, die eine Kultbewegung unter den Studenten auslöst, durch die der Autor über Nacht berühmt wird. In vielerlei Hinsicht erscheint „Der Herr der Ringe“ hochmodern, etwa in seiner Darstellung eines Familienethos oder in seiner Kritik an ökologischem Raubbau. In einem Brief erklärt Tolkien, die Trilogie sei ein „von Grund auf religiöses und katholisches Werk“.

    Doch wer ist der Herr der Ringe, und was hat es mit dem Ring auf sich? „Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,/ Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.“ (übersetzt von Ebba-Margareta von Freymann). Wer weiß, vielleicht war dieser Ring derjenige, den Lessing in seiner Ringparabel meinte? Ein kühner Gedanke? Undenkbar wäre es nicht, Tolkiens Werk steckt voller Überraschungen und längst nicht alle sind entdeckt. Die Tolkien-Forschung ist noch lange nicht am Ende. Auch seine frühen Gedichte werden allzu stiefmütterlich behandelt.

    Eins ist gewiss, Tolkiens Werk lebt aus dem Glauben heraus. Deshalb können seinem Werk Disney-Monster und George Lucas Sternenkrieger nichts anhaben. Sie mögen in ihrer zweidimensionalen Einfältigkeit das Publikum ablenken, bewegen und bekehren können sie nicht. Tolkiens Epos gibt Alltägliches wieder, aber das wirkt leichthinnig, spielerisch und unangestrengt metaphysisch. In seiner katholischen Frömmigkeit ist Tolkien im elementarsten Sinn des Wortes ein Mystiker. Nur im Sieg des Guten, das weiß er, und davon schreibt er, kann das Böse zurückgedrängt werden.