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    Entzweiung ist eine der schwersten Sünden

    Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

    Willkommen: Papst Franziskus erhielt nach der Audienz den Petersdom als Modellbau. Foto: dpa

    Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

    Jedes Mal, wenn wir unser Glaubensbekenntnis erneuern und das „Credo“ beten, sagen wir, dass die Kirche „eine“ und „heilig“ ist. Sie ist eine, weil sie ihren Ursprung im dreifaltigen Gott hat: Geheimnis der Einheit und der vollkommenen Teilhabe. Dann ist die Kirche heilig, insofern sie auf Jesus Christus aufbaut und durch den Heiligen Geist belebt wird, erfüllt von Gottes Liebe und seinem Heil. Zugleich aber ist sie heilig und besteht aus Sündern, wir alle, Sünder, die wir jeden Tag die Erfahrung unserer Gebrechlichkeit und unserer Armseligkeiten machen. So drängt uns dieser Glaube, den wir bekennen, zur Umkehr, er drängt uns, den Mut zu haben, täglich die Einheit und Heiligkeit zu leben, und wenn wir nicht geeint sind, wenn wir nicht heilig sind, so deshalb, weil wir Jesus untreu sind. Doch er, Jesus, lässt uns nicht allein, er verlässt seine Kirche nicht! Er geht mit uns, er versteht uns. Er versteht unsere Schwächen, unsere Sünden, er vergibt uns, immer vorausgesetzt, dass wir uns vergeben lassen. Er ist immer mit uns, indem er uns beisteht, weniger Sünder, heiliger, geeinter zu sein.

    Ohne die Gnade des Herrn fehlt die Kraft zum Schweigen

    1. Die erste Tröstung ergibt sich aus der Tatsache, dass Jesus so sehr für die Einheit der Jünger gebetet hat. Dies ist das Gebet beim Letzten Abendmahl, Jesus hat so sehr gebetet: „Vater, alle sollen eins sein“. Er hat für die Einheit gebetet, und er tat dies kurz vor seinem Leiden, als er sich anschickte, sein Leben für uns hinzugeben. Ständig sind wir aufgefordert, dies auf einer der eindringlichsten und bewegendsten Seiten des Johannesevangeliums, Kapitel siebzehn (vgl. V. 11.21–23), neu zu lesen und zu betrachten. Wie schön ist es zu wissen, dass sich der Herr unmittelbar vor seinem Sterben nicht um sich selbst gesorgt hat, sondern an uns dachte! Und in seinem innigen Gespräch mit dem Vater hat er besonders dafür gebetet, dass wir eins seien mit ihm und untereinander. Ja, mit diesen Worten hat sich Jesus zu unserem Fürsprecher beim Vater gemacht, damit auch wir in die vollkommene Gemeinschaft der Liebe mit ihm treten können; gleichzeitig vertraut er sie uns als sein Testament an, damit die Einheit immer mehr zum Kennzeichen unserer christlichen Gemeinden und zur schönsten Antwort an einen jeden werde, der uns nach dem Grund der Hoffnung fragt, die in uns ist (vgl. 1 Petr 3, 15).

    2. „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17, 21). Die Kirche hat seit ihren Anfängen versucht, dieses Anliegen zu verwirklichen, das Jesus so sehr am Herzen liegt. Die Apostelgeschichte ruft uns in Erinnerung, dass sich die ersten Christen von ihrer Umgebung durch die Tatsache unterschieden, dass „sie ein Herz und eine Seele waren“ (Apg 4, 32); der Apostel Paulus mahnt dann seine Gemeinden, nicht zu vergessen, dass sie „in einem einzigen Leib aufgenommen“ sind (1 Kor 12, 13). Die Erfahrung aber sagt uns, dass die Sünden gegen die Einheit zahlreich sind. Und dabei denken wir nicht allein an die Schismen, denken wir auch an Verfehlungen, die in unseren Gemeinden sehr üblich sind, an die „Pfarrei-Sünde“, an jene Sünden in den Pfarreien. Bisweilen nämlich sind unsere Pfarreien, die dazu berufen sind, Stätten des Teilens und der Gemeinschaft zu sein, auf traurige Weise von Neidereien, Eifersucht, Antipathien... gezeichnet. Und das Geschwätz ist für alle leicht zugänglich. Wie viel wird doch in den Pfarreien geschwätzt und geklatscht! Das ist nicht gut. Wenn zum Beispiel einer zum Vorsitzenden jener Vereinigung gewählt wird, dann schwätzt man viel gegen ihn. Und wenn die andere da zur Vorsitzenden der Katechesen gewählt wird, klatschen die anderen gegen sie.

    Nun, das ist nicht die Kirche. Das darf man nicht tut, das dürfen wir nicht tun! Man muss den Herrn um die Gnade bitten, es nicht zu tun. Das ist menschlich, ja, aber es ist nicht christlich! Dazu kommt es, wenn wir es auf die ersten Plätze abgesehen haben; wenn wir uns selbst in den Mittelpunkt stellen, zusammen mit unserem persönlichen Ehrgeiz und unseren Sichtweisen der Dinge, und über die anderen urteilen; wenn wir auf die Fehler der Brüder und Schwestern schauen, statt auf ihre Begabungen; wenn wir dem, was uns trennt, mehr Gewicht geben als dem, was uns eint...

    Einmal habe ich im Bistum, das ich vorher hatte, einen interessanten und schönen Kommentar gehört. Es war die Rede von einer alten Frau, die ihr ganzes Leben lang in der Pfarrei gearbeitet hat, und einer, der sie gut kannte, hat gesagt: „Diese Frau hat nie schlecht über einen anderen geredet, sie hat nie geschwätzt, sie war immer ein Lächeln“. So eine Frau kann auch morgen heiliggesprochen werden! Das ist ein schönes Beispiel. Und wenn wir auf die Geschichte der Kirche blicken – wie viele Spaltungen unter uns Christen. Auch jetzt sind wir gespalten. Auch in der Geschichte haben wir aufgrund theologischer Spaltungen gegeneinander Krieg geführt. Denken wir an den Dreißigjährigen Krieg. Doch das ist nicht christlich. Wir müssen auch für die Einheit aller Christen arbeiten, den Weg der Einheit beschreiten, der jener Weg ist, den Jesus will und für den er gebetet hat.

    3. In Anbetracht all dessen müssen wir ernsthaft eine Gewissenserforschung betreiben. In unseren christlichen Gemeinden ist die Entzweiung eine der schwersten Sünden, da sie die Gemeinden nicht zum Zeichen des Wirkens Gottes, sondern des Wirkens des Teufels macht, der seiner Definition gemäß jener ist, der spaltet, der die Beziehungen zerstört, der Vorurteile unterstellt... Die Spaltung in einer christlichen Gemeinde, sei es in einer Schule, in einer Pfarrei oder Vereinigung, ist eine sehr schwere Sünde, da sie Werk des Teufels ist. Gott dagegen will, dass wir in der Fähigkeit wachsen, einander anzunehmen, zu vergeben und uns gern zu haben, um immer mehr ihm zu ähneln, der Gemeinschaft und Liebe ist. Darin liegt die Heiligkeit der Kirche: sich selbst als Bild Gottes wiederzuerkennen, das von seiner Barmherzigkeit und seiner Gnade erfüllt ist.

    Liebe Freunde, lassen wir in unserem Herzen diese Worte Jesu erklingen: „Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden“ (Mt 5, 9). Wir wollen aufrichtig für alle Male um Vergebung bitten, da wir Anlass zu Spaltung oder zu Unverständnis in unseren Gemeinden gegeben haben, dies in dem Wissen, dass man allein durch eine beständige Umkehr zur Gemeinschaft gelangt. Was ist Umkehr? Umkehr heißt, den Herrn um die Gnade zu bitten, nicht schlecht über andere zu reden, nicht zu kritisieren, nicht zu schwätzen, alle gern zu haben. Das ist eine Gnade, die uns der Herr schenkt. Das heißt es, im Herzen umzukehren. Und wir wollen bitten, dass die alltägliche Umgebung unserer Beziehungen ein immer schönerer und freudigerer Abglanz der Beziehung zwischen Jesus und dem Vater werden kann.

    Die Pilger und Besucher aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:

    Einen herzlichen Gruß richte ich an die Pilger und Besucher deutscher Sprache. Heute begrüße ich besonders die Schüler aus Lennestadt und die Jugendlichen des Feriencamps in Ostia. Danke, dass ihr so zahlreich gekommen seid. Vertraut auf Christus, auf die Wahrheit seines Wortes und die Kraft seiner Gnade. Er wird euch auf allen Wegen begleiten!

    Übersetzung aus dem Italienischen

    von Armin Schwibach