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    Entgleiste Zukunft?

    Einen der wohl berühmtesten Romananfänge der Weltliteratur hat Charles Dickens in „Eine Geschichte von zwei Städten“ (1859) geschaffen: „Es war die beste Zeit, es war die schlimmste Zeit“. Die Rede ist von der Zeit der Französischen Revolution, und es ist unschwer einzusehen, dass die Zeitgenossen diese je nach weltanschaulichem Standpunkt entweder als die beste oder als die schlimmste aller bisherigen Zeiten wahrnehmen konnten. Heute hingegen scheint es eine zunehmende Zahl von Menschen zu geben, die die gegenwärtige Zeit als die beste und die schlimmste zugleich ansehen.

    Entgleister Zug in der Schweiz
    Wie wird die Zukunft aussehen? Niemand weiß es. Manchem dient ein Zug als Metapher für düstere Prognosen. Als Christ sol... Foto: dpa

    Einen der wohl berühmtesten Romananfänge der Weltliteratur hat Charles Dickens in „Eine Geschichte von zwei Städten“ (1859) geschaffen: „Es war die beste Zeit, es war die schlimmste Zeit“. Die Rede ist von der Zeit der Französischen Revolution, und es ist unschwer einzusehen, dass die Zeitgenossen diese je nach weltanschaulichem Standpunkt entweder als die beste oder als die schlimmste aller bisherigen Zeiten wahrnehmen konnten. Heute hingegen scheint es eine zunehmende Zahl von Menschen zu geben, die die gegenwärtige Zeit als die beste und die schlimmste zugleich ansehen.

    Bezeichnend für diese widersprüchliche Einschätzung ist eine Parabel des atheistischen australischen Comedians Jim Jefferies, in der er die Menschheit mit einem Zug vergleicht: Vorn im Zug sitzen die Wissenschaftler, die die Maschine antreiben und sich bemühen, sie zu beschleunigen; im zweiten Waggon sitzen die Agnostiker und religiös Indifferenten, und weiter hinten sitzt die breite Masse der religiösen (und somit „dummen“) Menschen, die den Zug durch ihr bloßes Gewicht verlangsamen.

    Gegen diese Parabel wäre mancherlei einzuwenden. Ihr offensichtlichster Schwachpunkt ist der szientistische Fehlschluss, Wissenschaft und Religion seien einander entgegengesetzte Kräfte. Darüber hinaus könnte man sich fragen, was denn nach Jefferies' Meinung die Lösung für das von ihm beschriebene Problem sein soll. Die hinteren Wagen abkoppeln? Was hieße das, von der metaphorischen auf die pragmatische Ebene übertragen?

    Noch bemerkenswerter ist aber ein anderer Punkt: Ein Zug fährt auf Schienen. Seine Richtung und letztlich auch sein Ziel sind also vorgegeben. Wäre dies ein treffendes Bild für die menschliche Entwicklung, dann müsste daraus eigentlich ein gelassener Fortschrittsoptimismus resultieren: Ob der Zug sich nun langsam oder schnell bewegt, er fährt jedenfalls in die richtige Richtung, denn eine andere gibt es ja nicht. Angesichts des rasanten wissenschaftlich-technologischen Fortschritts unserer Zeit müsste man davon ausgehen, dass der gegenwärtige Stand der Menschheitsentwicklung der beste bislang dagewesene sei und dass auch in Zukunft alles nur noch besser werden könne.

    Doch viele Menschen, die dieser Einschätzung theoretisch zustimmen würden, scheinen praktisch alles andere als überzeugt davon. Hand in Hand mit einem oft unkritischen Fortschrittsoptimismus geht eine tiefgreifende Zukunftsangst, bis hin zu Prophezeiungen eines nahen Weltuntergangs, sei es durch einen Atomkrieg mit Nordkorea oder durch den Klimawandel. Personifiziert werden diese Ängste gern in Gestalt von US-Präsident Trump, dessen Gesicht auf einem SPIEGEL-Cover als todbringender Komet zu bewundern war, der auf die Erde zurast.

    Bleibt man bei Jefferies' Bild des Zuges, dann heißt das: Die Freude am immer schnelleren Vorwärtskommen des Zuges wird getrübt durch die Angst, der Zug könne entgleisen. Nun entgleist ein Zug aber normalerweise, weil er zu schnell ist, nicht, weil er zu langsam ist. Man könnte also den Leuten, die im Zug hinten sitzen und ihn bremsen, eigentlich dankbar sein. Offenbar ist aber das Gegenteil der Fall.

    Das deterministische Geschichtsbild, das sich in der Zug-Parabel ausdrückt, ist an sich nicht neu. Geschichtsmächtig geworden ist es bereits in Form des „Historischen Materialismus“ nach Marx und Engels. Während dieser von immanenten Gesetzmäßigkeiten in der Wirtschafts- und Sozialgeschichte ausging, operiert der „Evolutionäre Humanismus“ unserer Tage mit Konzepten aus dem Bereich der Biologie. Aber ebenso wie die Marxisten den angestrebten kommunistischen Idealzustand nicht in Ruhe abwarteten, sondern ihn aktiv herbeizuführen versuchten, wollen auch die Evolutionären Humanisten der Natur nicht einfach ihren Lauf lassen, sondern ihr mit künstlichen Mitteln auf die Sprünge helfen. Wer sich diesem „Fortschritt“ verweigert oder entgegenstellt, wird schnell als Feind der gesamten Menschheit wahrgenommen.

    Der Evolutionäre Humanismus tendiert zum „Transhumanismus“, also zu der Idee, den Menschen über sich selbst hinaus zu führen – man könnte auch sagen: das Konzept „Mensch“ zu überwinden. Als eine Art Avantgarde des Transhumanismus kann man die „Postgender“-Ideologie betrachten, die das biologische Geschlecht als determinierenden Faktor der menschlichen Existenz überwinden will. Notwendig dafür ist eine Entkopplung der menschlichen Sexualität von ihrer Fortpflanzungsfunktion, wie sie einerseits durch Empfängnisverhütung, andererseits durch künstliche Befruchtung ermöglicht wird. Interessant ist, dass der Postgenderismus ideologisch vielfach an den Feminismus anzuknüpfen versucht oder sich sogar selbst als feministisch definiert, obwohl hier ein offenbarer logischer Widerspruch besteht: Schließlich kann man nicht für die Rechte von Frauen eintreten und gleichzeitig behaupten, dass es „Frauen“ gar nicht gäbe.

    Es scheint jedoch, dass die binäre Logik – derzufolge eine Aussage wahr oder falsch, aber nicht wahr und falsch zugleich sein kann – zu den Dingen gehört, die die Postgender-Ideologie „überwinden“ will – weil sie im Wortsinne „heteronormativ“ ist: normierend auf der Basis von Unterscheidungen. Im Gegensatz dazu könnte man „Postgender“ – in Anknüpfung an den von dem Soziologen und Philosophen Zygmunt Bauman geprägten Begriff der „liquid modernity“ – als eine „liquid ideology“ bezeichnen, deren innere Widersprüche gerade ihre Stärke ausmachen: Es ist nahezu unmöglich, ihr zu widersprechen, weil sie sich permanent selbst widerspricht.

    Diese „liquid ideology“, die sich den Kategorien der Logik entzieht, ist charakteristisch für ein Phänomen, das der Philosoph Alasdair MacIntyre als „Emotivismus“ bezeichnet hat: Das postmoderne Individuum legt für sich selbst fest, was richtig und falsch sei, und zwar auf der Basis seiner Gefühlslage. Dieser Emotivismus produziert fortwährend logische Widersprüche, die vom Individuum jedoch nicht als solche wahrgenommen oder erkannt werden.

    Es liegt auf der Hand, dass und warum vor diesem Hintergrund gerade die Religion als Bedrohung empfunden wird: Religion behauptet, was wahr und was gut sei, sei dem Menschen objektiv vorgegeben und somit seiner Verfügungsgewalt entzogen. Eine „emotivistische“ Kultur, die darauf besteht, es müsse jedem Individuum erlaubt sein, seine eigene Wahrheit zu konstruieren, muss Religion daher prinzipiell als repressiv wahrnehmen.

    Diese Angst vor dem repressiven Potenzial von Religion drückt sich nicht allein in Jim Jefferies' Zug-Parabel aus, sondern beispielsweise auch in der derzeit in den Vereinigten Staaten laufenden und dort viel diskutierten TV-Serie „The Handmaid's Tale“ – basierend auf einem 1985 erschienenen Roman von Margaret Atwood, der bereits 1990 von Volker Schlöndorff unter dem Titel „Die Geschichte der Dienerin“ verfilmt wurde.

    Darin wird die dystopische Vision einer fundamentalistisch-christlichen Diktatur auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten entworfen – an sich schon eine bemerkenswerte Zukunftsvision in einer Zeit und Gesellschaft, die insgesamt eher von einem rapiden Bedeutungsverlust der Religion geprägt zu sein scheint. Vollends absurd erscheint es, dass in dieser Dystopie ausgerechnet strenggläubige Christen für die Etablierung einer Gesellschaftsordnung verantwortlich gemacht werden, in der – zur Sicherstellung des Nachwuchses angesichts grassierender Unfruchtbarkeit – Sexsklaverei und Leihmutterschaft zur Normalität gehören. Es würde wohl zu kurz greifen, dieses bizarre Szenario lediglich auf Unkenntnis des christlichen Menschenbildes und der christlichen Sexualethik zurückzuführen. Vielmehr scheint es, dass hier die verdrängten Schattenseiten des gepriesenen wissenschaftlich-technologischen Fortschritts als albtraumhafte Schreckbilder wiederkehren – für die man jedoch die „Fortschrittsfeinde“ verantwortlich macht. Während dystopische Science-Fiction üblicherweise damit operiert, gegenwärtige gesellschaftliche und technologische Entwicklungen konsequent in die Zukunft weiterzudenken und auf diese Weise zu verdeutlichen, dass die (vermeintlich) „beste aller Welten“ tatsächlich das Potenzial in sich trägt, zur schlimmsten zu werden, scheint „The Handmaid's Tale“ wie gemacht für eine Generation, die nicht willens oder nicht in der Lage ist, den inneren Widerspruch zwischen ihrem Fortschrittsglauben und ihrer tiefsitzenden Zukunftsangst zu reflektieren, und darum einen imaginären Feind für ihre Ängste verantwortlich macht.

    Das Beispiel zeigt, dass der postmoderne, „emotivistische“ Mensch nicht nur die Konsequenzen seines Handelns, sondern sogar die Konsequenzen seines Denkens nicht zu überschauen vermag. Das könnte nun allerdings wirklich ein ernsthafter Grund sein, ein Entgleisen des Zuges zu befürchten.