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    Eltern geben Orientierung

    Es ist ein lebenslanger Prozess, den jeder Mensch durchläuft: Sozialisation. Erwachsene und Kinder verinnerlichen gesellschaftliche Normen und Konventionen, es bilden sich Denk- und Verhaltensmuster heraus, die ein Leben in einer Gemeinschaft erst ermöglichen. Dass dieser Prozess sowohl unbewusst als auch bewusst stattfinden kann, ist ebenso bekannt wie die Tatsache, dass bei Kindern nicht allein Eltern, sondern auch der Freundeskreis, das übrige soziale Umfeld und Institutionen wie die Schule die Entwicklung und die Sozialisation bestimmen.

    Religiöse Sozialisierung von Kindern ist entscheidend für ihr späteres Leben. Foto: KNA

    Es ist ein lebenslanger Prozess, den jeder Mensch durchläuft: Sozialisation. Erwachsene und Kinder verinnerlichen gesellschaftliche Normen und Konventionen, es bilden sich Denk- und Verhaltensmuster heraus, die ein Leben in einer Gemeinschaft erst ermöglichen. Dass dieser Prozess sowohl unbewusst als auch bewusst stattfinden kann, ist ebenso bekannt wie die Tatsache, dass bei Kindern nicht allein Eltern, sondern auch der Freundeskreis, das übrige soziale Umfeld und Institutionen wie die Schule die Entwicklung und die Sozialisation bestimmen.

    Welche Rolle aber spielen die Religion und die damit verbundenen Werte für die Sozialisation von Kindern? Wie entstehen religiöse Wertvorstellungen und wie wirken sie sich auf das Denken und Handeln sowie die Lebensführung des Kindes aus? Welche Bedeutungen haben diese Vorstellungen für die Gesellschaft?

    Bisher ist dieser Themenkomplex noch relativ unerforscht. Eine Gruppe aus Theologen und Sozialwissenschaftlern der Universitäten Tübingen, Bonn, Heidelberg und Dortmund sowie von der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main will hier nun Licht ins Dunkel bringen. Innerhalb eines auf drei Jahre angelegten Projektes, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit über 600 000 Euro finanziert wird, will die Forschungsgruppe „Religion und Gesellschaft“ die durch Religiosität beeinflussten Prozesse der Wertvermittlung untersuchen. Dabei steht insbesondere die religiöse Sozialisation von acht bis neun Jahre alten Kindern in Deutschland im Mittelpunkt.

    Etwa 10 000 Eltern und Kinder wurden im Rahmen einer repräsentativen Vorstudie durch das Meinungsforschungsinstitut infas bereits schriftlich befragt, eine zweite Befragung läuft derzeit an. Dabei werden unter anderem die Eltern darüber befragt, wie ihr Gebetsverhalten aussieht, welches Gottesbild sie haben, wie religiös sie sich einschätzen, welche Werte für sie wichtig sind und wieviel Vertrauen sie in Polizei, Justiz oder die Kirchen haben. Darüber hin-aus wird auch der religiöse Kenntnisstand der Kinder erfasst: Besitzen sie beispielsweise eine Kinderbibel? Kennen die Kinder das Gleichnis vom verlorenen Sohn oder vom barmherzigen Samariter? Welche Bedeutung hat Ostern?

    In einer Pressemitteilung machten die Forscher klar, dass sich Religiosität nicht ausschließlich auf das Christentum beziehe. „Die christlich-kirchliche Religion in modernen Gesellschaften hat an Bedeutung verloren – gleichzeitig ist aber zu beobachten, dass in den vergangenen Jahren Religion für viele Menschen wieder zunehmend wichtig geworden ist“, betont der Soziologie Dieter Hermann vom Institut für Kriminologie der Universität Heidelberg, der für den ersten Projektabschnitt federführend ist. Ein Schwerpunkt des Projektes liegt aber dennoch auf der Bedeutung des Kommunionunterrichts bei katholischen Kindern.

    Neben der Grundfrage, welche Auswirkungen religiöse Wertvorstellungen für die Gesellschaft haben, versteckt sich hier also eine Thematik, die in Zeiten eines stark kritisierten Religionsunterrichts durchaus Brisanz besitzt und für die Kirche und deren Katecheten und Pädagogen nicht ganz uninteressant sein dürfte: Der Tübinger Religionspädagoge Albert Biesinger, der zu der Forschergruppe gehört, erhofft sich im späteren Studienverlauf Rückschlüsse über die Qualität der Kommunionkatechese und die Frage, ob sie eine nachhaltige Wirkung auf die Entwicklung der Kinder hat. Die Studie könnte damit Anhaltspunkte für eine überarbeitete, erfolgreichere Kommunionkatechese liefern. Im Gespräch mit dieser Zeitung machte Biesinger deutlich, dass es im Gegensatz zum Religionsunterricht an den Schulen sowie der evangelischen Konfirmantenkatechese kaum wissenschaftlich fundierte Studien dazu gebe.

    Zwar steht die Forschergruppe noch am Anfang ihrer Arbeit, dennoch zeigen vorläufige Analysen und Auswertungen der ersten Befragung bereits Trends auf: So deutet sich an, dass die christliche Religiosität einhergeht mit einem höheren Vertrauen in Personen und Institutionen.

    „Vertrauen ist Teil des Sozialkapitals einer Gesellschaft und wird mit gesellschaftlicher Stabilität, politischer Partizipation und Akzeptanz demokratischer Regierungsformen in Verbindung gebracht. Somit trägt die christliche Religion zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei“, schließt Hermann daraus. Zudem zeige sich, dass religiöse Werte bei der Sozialisation einen hohen Stellenwert besitzen und sich auch auf die Ausbildung anderer Wertebereiche auswirken. Überrascht seien die Forscher darüber gewesen, dass lediglich bei den religiösen Werten ein starker Zusammenhang zwischen Eltern und Kindern bestehe. In anderen Bereichen sei dies deutlich geringer. „Die Orientierung der Kinder wird hier in erster Linie von den Eltern vermittelt“, erläutert Hermann. Woran das liegt, können die Forscher noch nicht sicher sagen. Abzuwarten bleibt auch, ob vergleichende Rückschlüsse auf andere Religionsgemeinschaften wie beispielsweise den Islam möglich sein werden.