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    Einige Anmerkungen zur deutschen katholischen Publizistik

    Die katholische Publizistik hat in den vergangenen Wochen und Monaten Schlagzeilen geschrieben: Zuerst trat Pfarrer Michael Broch als Geistlicher Direktor der katholischen Journalistenschule zurück, die von der Deutschen Bischofskonferenz getragen wird; dann entschieden die Gesellschafter des „Rheinischen Merkur“, dass die katholische Wochenzeitung künftig lediglich noch als sechsseitige Beilage der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ erscheint, was de facto also das Ende des Merkur als 32-seitige Vollredaktionszeitung bedeutet, weil die Gesellschafter nach unterschiedlichen Meldungen das Blatt nicht mehr jährlich mit zwischen rund 2,5 und drei Millionen Euro Kirchensteuermitteln, die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) schrieb gar von 4,5 Millionen Euro, subventionieren können.

    Die katholische Publizistik hat in den vergangenen Wochen und Monaten Schlagzeilen geschrieben: Zuerst trat Pfarrer Michael Broch als Geistlicher Direktor der katholischen Journalistenschule zurück, die von der Deutschen Bischofskonferenz getragen wird; dann entschieden die Gesellschafter des „Rheinischen Merkur“, dass die katholische Wochenzeitung künftig lediglich noch als sechsseitige Beilage der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ erscheint, was de facto also das Ende des Merkur als 32-seitige Vollredaktionszeitung bedeutet, weil die Gesellschafter nach unterschiedlichen Meldungen das Blatt nicht mehr jährlich mit zwischen rund 2,5 und drei Millionen Euro Kirchensteuermitteln, die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) schrieb gar von 4,5 Millionen Euro, subventionieren können.

    Aufschlussreich ist nun vor allem, wie die innerkirchlichen und säkularen Kritiker dieser beiden Entscheidungen argumentieren. Sie werfen der katholischen Kirche, und hier insbesondere den Bischöfen vor, mit diesen Entscheidungen sowohl die Präsenz des Katholischen in der säkularen Welt zu schwächen, als auch die binnenkirchliche Meinungsvielfalt zu beschneiden. Wer sich mit dieser Kritik auseinandersetzt, auch wenn ihre Formen zuweilen bizarre Blüten treiben, stößt zum Kern der Probleme zeitgenössischer katholischer Publizistik vor: Der schon seit längerer Zeit verloren gegangene Balance von Position und Dialog.

    Dies lässt sich zunächst gut am Rücktritt von Pfarrer Broch als Geistlichem Leiter des Institutes zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) der Deutschen Bischofskonferenz illustrieren. Bekanntlich trat Broch zurück, weil ihm die Bischöfe nach einem Interview das Vertrauen entzogen hatten, in dem Broch behauptete, Papst Benedikt XVI. fahre die Kirche gegen die Wand, die kirchliche Sexualmoral sei antiquiert, der Zölibat müsse auf den Prüfstand, eine Art Klerikalismus verursache die Krise der Kirche und die Bischöfe besäßen eine gewisse Bunkermentalität. Kritiker kommentierten die Entscheidung der Bischöfe in einer konzertierten Aktion vom Deutschen Journalisten-Verband (DJV) über die Gesellschaft katholischer Publizisten (GKP) bis zum Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), dass dies die Reputation des ifp in der säkularen (Medien)-Welt und die Meinungsfreiheit innerhalb des Instituts aufs Spiel setze. Der Gründungsdirektor des ifp, der Jesuit Pater Wolfgang Seibel, sprach dann noch von reaktionären Kräften in der Kirche, die diese Entscheidung zu verantworten hätten und beklagte sich, dass „sogar“ Absolventen des ifp den Rücktritt von Pfarrer Broch begrüßt hätten.

    Und genau letztere Stigmatisierungen Andersdenkender bestätigen die Crux der gegenwärtigen katholischen Publizistik. Denn umgekehrt wird ein Schuh daraus. Wenn der Geistliche Direktor der katholischen Journalistenschule in dieser Funktion ein Interview gibt, das Kritik am Papst, der kirchlichen Lehre und der Amtsführung der Bischöfe so in den Vordergrund stellt, dann präjudiziert der Geistliche Direktor dieser Journalistenschule die Leitlinien des Institutes in einem Maße, dass sie einseitig das Meinungsklima dort prägen müssen. Wer als junger katholischer Mann oder Frau sich nämlich überlegen sollte, Journalist zu werden, und dies an einer katholischen Einrichtung will, der jedoch gleichzeitig das Denken und die Arbeit von Papst Benedikt XVI. und die kirchliche Lehre schätzt, der wird sich an einem ifp ausgeschlossen fühlen, dass Kritik an der Kirche qua Geistlichem Direktor zum anerkannten Habitus und Eintrittsbillett macht. Und wer schließlich das ifp absolviert hat und in der katholischen Publizistik eine Anstellung sucht, wird sich aus Angst davor, keine zu finden, hüten, wider den Stachel der Meinungen des Geistlichen Direktors des ifp, die den vermeintlichen Mainstream innerhalb des ifp zu verkörpern scheinen, zu löcken – er wird zu dessen fundamentaler Papst- und Kirchenkritik öffentlich schweigen, wird sich anpassen, will er nicht sogleich als „Reaktionär“ gebrandmarkt werden und damit seine Arbeitsmarktchancen als katholischer Publizist erheblich reduzieren. Dass Pfarrer Broch von seinem Amt als Geistlichem Direktor des ifp zurückgetreten ist, ist also vielmehr ein Beitrag dazu, dass offen und ohne repressive Toleranz an einer katholischen Journalistenschule, die von der Deutschen Bischofskonferenz getragen wird, über das katholische Selbstverständnis von Journalisten gestritten werden kann und dass „sogar“ ein Mitglied des ifp Positionen der kirchlichen Lehre und des Papstes für bedenkenswert befinden kann, ohne dafür sogleich an den Rand gedrängt zu werden. Wer mit ein wenig Abstand den Rücktritt von Pfarrer Broch betrachtet, muss zugeben, dass die Kritik am Vertrauensentzug der Bischöfe reichlich übertrieben war und innerhalb des ifp eben nicht sogleich „reaktionäre“ kirchliche Kräfte das Kommando übernommen haben. Dass es jedoch unterschiedliche Wege, einen „Neuaufbruch“ der katholischen Kirche in Deutschland zu bewerkstelligen, mit dem sich gerade die Herbstvollversammlung der Bischöfe beschäftigt hat, geben kann, als allein das Heil darin zu suchen, eine Art Protestantisierung (Abschaffung des Zölibats, eine andere Bio- und Sexualethik, Einführung der Frauenordination, „weg von Rom“, Einführung mehr synodal-„demokratischer“ Strukturen und so weiter) der katholischen Kirche zu fordern, sollte sich auch im ifp abbilden können und dürfen – und der Dialog innerhalb des ifp über die unterschiedlichen Positionen, welche Wege des Neuaufbruchs der katholischen Kirche gegangen werden können, möglich sein. Das ifp muss also die binnenkirchliche Pluralität tatsächlich als solche ernst nehmen, was eine heilsame Erfahrung der Causa Broch werden kann.

    Womit der zweite Vorwurf der Kritiker am Vertrauensentzug der Bischöfe für Pfarrer Broch berührt ist: dem, dass das ifp dadurch an Reputation innerhalb der säkularen Welt verliert und somit die katholische Kirche nach dem Missbrauchsskandal weiter Glaubwürdigkeit einbüßt. Auch dieser Vorwurf beleuchtet die Schwäche der gegenwärtigen katholischen Publizistik, anders jedoch, als das die Kritiker intendieren mögen. Denn betrachtet man, wer den Dialog und die Kontroverse zwischen säkularer Welt und katholischer Kirche an vorderster Front prägt, wer also in säkularen Medien Kirche präsent macht, dann sind dies durch die Bank eben nicht Absolventen der katholischen Journalistenschule ifp. Um nur einige wenige Namen zu nennen: Daniel Deckers in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Matthias Drobinski in der „Süddeutschen Zeitung“, Matthias Mattusek im „Spiegel“, Thomas Assheuer bei der „Zeit“ oder Gernot Facius und Paul Badde bei der „Welt“ oder Martin Lohmann als katholischer Publizist – man muss nicht immer mögen und nicht alles unterschreiben, was diese Meinungsmacher sagen, aber sie prägen medial die Agenda in der Auseinandersetzung von Kirche und Welt. Nicht also der Rücktritt von Pfarrer Broch ist das Problem des ifp und seiner Bedeutung für die Präsenz der Kirche in der säkularen Welt, sondern dass das ifp nicht selbst die Exzellenz und die Publizisten hervorbringt, die dort präsent sind, wo es im Verhältnis von Kirche und Welt im wahrsten Sinne des Wortes weh tut, wo die Fragen gestellt sind, deren Beantwortung ins Ungeschützte, ins Gefährliche führen. Und so ist der Vorwurf, das ifp solle mit dem Rücktritt von Pfarrer Broch zur katholischen „Kaderschmiede“ (Deutscher Journalisten-Verband) gemacht werden, eben kein Vorwurf, sondern umgekehrt exakt die Beschreibung des Mangels. Katholische publizistische Exzellenz, die auf gleicher Augenhöhe mit den Drobinskis, Deckers und Mattuseks agieren können, kann sich jedoch nur entwickeln, wo der Wettbewerb der gegensätzlichen kirchen(politischen), und hier vor allem der lehramts- und papstorientierten Positionen, innerhalb der katholischen Journalisten- und Publizistenausbildung ausdrücklich zugelassen wird. Womit sich der Kreis zum zuvor Gesagten schließt. Der Dialog unterschiedlicher Positionen innerhalb der Kirche sowie gleichzeitig zwischen Kirche und säkularer Welt ist nur möglich, wo es diese unterschiedlichen Positionen gibt – wo Positionen unterdrückt oder schnell abgeschliffen werden, ist kein wirklicher, spannender Dialog möglich.

    Das illustriert wiederum das Schicksal des „Rheinischen Merkur“. Das Markenzeichen dieser katholischen Wochenzeitung war Jahrzehnte gewesen, dass hier ein gleichberechtigter Dialog unterschiedlicher, gegenstrebender kirchen(politischer) Positionen gewährleistet war. Der „Rheinische Merkur“ moderierte diesen binnenkirchlichen Dialog, war Plattform dafür gewesen. Das machte ihn lesenswert. Ein Indiz dafür, dass der Wettstreit der verschiedenen kirchen(politischen) Positionen, also der Dialog, aus der Balance geriet, war beispielsweise das Ausscheiden von Christa Meves aus der Herausgeberschaft 2006 gewesen. So verlor der Merkur wohl an Abonnenten und an Interesse eines Teils der Leserschaft, dem der Wettstreit der Positionen nicht mehr profiliert genug erschien. Professor Wolfgang Ockenfels, der streitbare Dominikaner und Vertreter der katholischen Soziallehre, der selbst früher im „Rheinischen Merkur“ geschrieben hatte, sprach in zugespitzter Form gar von „Langeweile“, an der der Merkur schließlich gestorben sei. Dass es den „Rheinischen Merkur“ in der Form, in der es ihn gab, nicht mehr gibt, sollte wie die Causa Broch eines der letzten Warnzeichen für die gesamte katholische Publizistik sein: Dass sehr vieles darauf ankommt, Positionen und Dialog neu auszutarieren, was verschärft wird durch die weitere soziale und inhaltliche Fragmentarisierung der kirchlichen und gesellschaftlichen Milieus.

    Das alles bleibt natürlich nicht ohne Folgen. Die katholische Publizistik in Deutschland darf nicht so einfach weitermachen wie bisher. Es dokumentiert mehr Hilflosigkeit als Überzeugung, tatsächliche Entscheidungen der Kirche wie zuletzt im Fall Broch und „Rheinischer Merkur“ reflexhaft routiniert so zu kommentieren, als werde dadurch die Präsenz des Katholischen in der säkularen Welt und die binnenkirchliche Meinungsvielfalt geschwächt – das ist allenfalls behauptet und wird nicht länger durch die Realität gedeckt, weshalb auch kirchliche Entscheidungsträger mit dieser Taktik zusehends weniger zu beeindrucken sind, was deren Vorgehen im Fall Broch und „Rheinischer Merkur“ ebenfalls dokumentiert.

    Die katholische Kirche in Deutschland muss in ihrer künftigen Medienstrategie also zuerst inhaltlich darauf achten, dass unterschiedliche profilierte Positionen wieder möglich sind und tatsächlich formuliert werden können, gerade auch lehramts- und papstorientierte – dass es hier ein Bedürfnis und einen Mangel gibt, illustriert ja nicht zuletzt die neue Debatte in der säkularen Öffentlichkeit um das Konservative, die von „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ bis zur „Zeit“ geführt werden. Dann muss die Kirche in Deutschland die Pluralität dieser Positionen, also den Dialog zwischen ihnen, zulassen, neu organisieren und austarieren. Das führt dann zur weiteren Aufgabe, die Medien und Instrumente zu schaffen oder bestehende zu fördern und zu diversifizieren, die diesen beiden Aufgaben – handfeste, greifbare Positionen zu formulieren und in den innerkirchlichen wie säkularen Dialog einzubringen – am besten gerecht werden. Wie das im Einzelnen geschehen kann, wie dafür die finanziellen Mittel einzusetzen sind – darüber steht das Nachdenken und Entscheiden erst am Anfang.