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    Eine neue Königin in Hamburg

    Wenn sich in der Konzertsaison 2017 ab Januar die Hamburger Elbphilharmonie erstmals mit Klängen füllen wird, werden auch Orgelpfeifen Teil des neuen Klangraumes sein. Die mit dem Bau beauftragte Orgelbaufirma Klais aus Bonn hat für den neuen

    Orgelbauer Philip Klais inmitten der Klais-Orgel in der Hamburger Elbphilharmonie. Foto: Maxim Schulz

    Wenn sich in der Konzertsaison 2017 ab Januar die Hamburger Elbphilharmonie erstmals mit Klängen füllen wird, werden auch Orgelpfeifen Teil des neuen Klangraumes sein. Die mit dem Bau beauftragte Orgelbaufirma Klais aus Bonn hat für den neuen

    Konzertsaal eine innovative Konzeption entwickelt, die geistliche und weltliche Orgelmusik neu erlebbar machen wird. Philip Klais, Orgelbaumeister und

    verantwortlich für die Erstellung des Instrumentes mit 4 812 Pfeifen, stellte sich den Fragen der Tagespost.

    Die Orgel in der Elbphilharmonie ist ohne Zweifel eines der spannendsten Projekte, an denen man derzeit im Orgelbau im weltlichen Bereich arbeiten kann. Sie steht in direkter Beziehung zu anderen großen Konzertorgeln. Welches Konzept haben Sie für diese Orgel entwickelt?

    Die Orgel ist ein sehr altes Instrument, welches vor über 2 000 Jahren in Alexandria erfunden und entwickelt wurde. Seit diesem Zeitraum hat sich das Instrument kontinuierlich weiterentwickelt. Äußerlich ist das allein daran ablesbar, dass bei jedem einzelnen Instrument die äußere Gestaltung auf den Raum und die umgebende Architektur abgestimmt ist. Es gibt nahezu keine zwei identischen Orgeln. Und Gleiches gilt für die musikalische Konzeption, das Klangkonzept und den Klang der Orgel: Auch hier ist jedes einzelne Instrument ganz individuell für den Raum, die Aufgabenstellung, die Kulturlandschaft entwickelt, jedes einzelne Instrument verfügt über eine eigene Persönlichkeit. Das alles basiert auf den erprobten Handwerkstraditionen vergangener Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte, insofern ist jeder Orgelbauer in erster Linie Handwerker. Um jedoch die individuelle Ausrichtung auf den Raum, die Entwicklung eines in sich stimmigen Konzeptes für eine einzigartige Aufgabenstellung umsetzen zu können, ist ein hohes Maß an Kreativität und schöpferischer Kraft notwendig: Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen der Kenntnis und dem Respekt gegenüber dem Tradierten und künstlerischer Vision und Kreativität ist hier gefordert. Die Orgel allein macht keine Musik. Erst der Künstler, der Organist, bringt sie zum Klingen. Der Orgelbauer als Künstler versucht mit seinem Arbeiten ein Instrument zu schaffen, welches den Orgelspieler klanglich so berührt und bewegt, dass er diese Begeisterung an das Publikum weitergibt, dass er das Publikum musikalisch in seinen Bann zieht und mit Klang verzaubert.

    Worin besteht die Aufgabe Ihrer Orgel?

    Die Orgel der Hamburger Elbphilharmonie ist als Konzertsaalinstrument entwickelt: Die wichtigsten Aufgabenstellungen dieser Orgel sind das Spiel mit dem Orchester, das Spiel gegen ein Orchester, die Begleitung von einer einzelnen menschlichen Stimme bis hin zur Begleitung eines ganzen Ensembles, das Begleiten eines Chores, und darüber hinaus in einem Konzertsaal die Darstellung einer großen Bandbreite der seit dem späten 18. Jahrhundert entstandenen Orgelsololiteratur. Der Schwerpunkt des Instrumentes liegt hierbei bedingt durch die Aufgabenstellung im Konzertsaal auf dem Repertoire des 19., 20. und, wie wir hoffen, auch des 21. Jahrhunderts. Ungeachtet des Schwerpunktes auf diesen Epochen war es unser Ziel, die Klanglichkeit der Einzelstimmen des Instrumentes so mischfähig und miteinander verschmelzend anzulegen, dass die darstellenden Künstler auch darüber hinausgehendes Orgel-Repertoire dem Publikum begeisternd nahebringen können werden.

    Wie sollte das Zusammenspiel zwischen Mensch und Orgel sein?

    Die Konzeption der Orgel der Elbphilharmonie wurde durch den Orgelsachverständigen Manfred Schwartz erarbeitet: Dieser legte das Grundkonzept der Orgel an, welches neben dem grundtönigen, orchestralen Konzept des Instruments auch bereits die Idee eines zusätzlichen Orgelteiles, angeordnet im Reflektor der Orgel als Fernwerk, mit beinhaltet. Das Streben nach Perfektion scheint uns Menschen innezuwohnen, auch wenn wir oftmals die Erfahrung machen, dass gerade in der Auseinandersetzung mit dem kantigen, eckigen, nicht perfektem, aber dafür mit einer starken eigenen Persönlichkeit Ausgestatteten der größere Reiz liegt. Natürlich suchen auch wir Orgelbauer nach dem perfekten Klang, wir versuchen jede einzelne Pfeife so auf die Raumakustik und das Zusammenspiel mit allen anderen Pfeifen abzustimmen, dass jede der mehreren tausend Pfeifen sowohl als Solistin als auch im Chor mit den anderen Pfeifen an jedem Platz im Saal überzeugt. Und gleichzeitig ist es uns wichtig, dem Klang jeder einzelnen Pfeife eigene Persönlichkeit zu geben, sie nicht bis zur gepflegten musikalischen Langeweile, dem elektronischen Sinuston zu glätten, damit es gelingt, den Künstler, den Organisten über eine intensive Auseinandersetzung mit dem Instrument zu immer neuen Ausdrucksformen zu bewegen und so das Publikum zu fesseln.

    Über die Elbphilharmonie wurde ja fast genauso viel diskutiert wie über den Flughafen Berlin Brandenburg. Wofür braucht eine Stadt wie Hamburg einen zweiten Konzertsaal und wofür braucht die Elbphilharmonie eine Orgel?

    Die Elbphilharmonie ist ein unendlich spannendes Gebäude, welches für mich persönlich unter dem Thema Zugänglichkeit steht. Der Hafen von Hamburg ist und war schon seit langer Zeit der Zugang zum Meer, der Zugang zu Handel, der Zugang zu wirtschaftlichem Erfolg. Durch die Erfindung der Container wurden den großen Speicherhäusern im Hafen, die als Stückgutlager für den Seehandel eine unverzichtbare Basis darstellten, die wirtschaftliche Grundlage entzogen. Die Stadt Hamburg hat dieser Brachfläche mit einem gut durchdachten Stadtentwicklungs-Projekt, dem Projekt Hafen City, neues Leben eingehaucht. Und ich bewundere Hamburg für den Mut, an die Spitze dieses Projektes ein Bauwerk der Kultur als Landmarke und Anziehungspunkt zu setzen: Ein Hochhaus, auf dem ein Konzertsaal angeordnet ist, ein für jeden zugänglicher Platz auf dem Dach des ehemaligen Speicherhauses, ein Ort, von dem aus sowohl die Stadt mit dem Michel und den weiteren Hauptkirchen, die Alster, die Elbe und der Hafen zu überblicken sind. Die Leichtigkeit und Faszination der Architektur lässt dabei vergessen, dass es sich um einen Konzertsaal auf dem Dach eines Hochhauses handelt. Dieses Gebäude ist ein offenes Bauwerk mit öffentlich zugänglichem Raum, das allen Hamburgern, allen Besuchern aus aller Welt und allen, die sich für den Ausblick, für Musik und für Architektur interessieren, offensteht. Ein Gebäude, welches unterschiedliche Menschen verbindet. So empfinde ich die Elbphilharmonie nicht als Konkurrenz für die Laeiszhalle, sondern als willkommene Ergänzung. Jeder Raum, jeder Konzertsaal hat eine spezielle musikalische, akustische und architektonische Konzeption und stellt so eine Herausforderung an uns Orgelbauer dar, ein einzigartiges Instrument für einen einzigartigen Raum zu schaffen. Dies gilt natürlich auch für die Elbphilharmonie.

    Hat die Orgel auch genügend Anziehungskraft auf den Nachwuchs von Musikern?

    Die Orgel hat im Konzertsaal eine wichtige Funktion bei der Darstellung der großartigen Orgel- und Orchesterliteratur, die von den verschiedensten Komponisten geschrieben worden ist. Aber ebenso wichtig kann die Orgel die Aufgabe übernehmen, Menschen an klassische Musik heranzuführen und den Raum auch für einen kurzen Moment als Appetitanreger zum Klingen zu bringen. Es bedarf nur eines einzelnen Musikers, um die Orgel zu spielen und so könnte die Orgel auch bei Architekturführungen und Kinderführungen erklingen, um alte und junge Menschen neugierig auf weiteres Erleben von Musik in einem Konzertsaal zu machen. Ich halte diese Funktion der Orgel in einem Konzertsaal für sehr wichtig.

    Die Elbphilharmonie ist nach einem Modell gebaut, das wir im Kirchbau Circumstanteskonzept nennen würden. Warum hat man sich für diese Bauform entschieden und wie verändert sich die musikalische Wahrnehmung durch das Zusammenspiel von Orchester, Orgel und Zuhörern in diesem Raumkonzept?

    Im großen Saal der Elbphilharmonie steht Musik im wahrsten Sinne des Wortes im Mittelpunkt. Die klassische vorne Orchester, hinten Publikum-Konzeption eines Konzertsaales ist zugunsten eines Orchesterpodiums im Zentrum des Saales in weiten Teilen aufgelöst. Die Idee, Menschen an das Erleben von nicht elektronisch verstärkter Musik heranzuführen, Musik in den Mittelpunkt zu stellen, lässt sich nicht mit einer hoch oben auf einer Empore unerreichbar thronenden Orgel kombinieren. So entstand die Idee einer Orgel zu Anfassen, bei der das Instrument in die Publikumsbalkone integriert ist und ein Annähern und Berühren der großen Pfeifen möglich macht. Die Orgel wird damit zugänglicher, sie ist in die Raumarchitektur integriert. Architektonisch und akustisch verschmelzen Raum, Orchester und Klang zu einer Einheit. Das Publikum wird Teil des Ganzen und taucht in ein Bad von Klang ein, welches alle Menschen in diesem Raum verbindet.

    Normalerweise werden Orgelbauer richtig nervös, wenn man die Pfeifen ihrer Orgeln berührt. Wie haben Sie die Herausforderung bewältigt, dass man die Orgelpfeifen anfassen darf und soll und wie glauben Sie, wird sich die Musikwahrnehmung der Menschen verändern, die auf diese Weise ein neues Gespür für die Töne bekommen haben?

    Für den Orgelbauer ist das Berühren von Prospektpfeifen, also den außen sichtbaren Pfeifen, eine erschreckende Vorstellung, hinterlässt doch jeder Finger auf einer neuen Metallpfeife mit einer gehobelten Oberfläche einen nahezu nicht entfernbaren Abdruck. Hier haben wir durch die bewusste Auswahl der beim Gießen der Pfeifenbleche obenliegenden ungehobelten Seite in Verbindung mit einem Schutzüberzug eine Lösung entwickelt, die es ermöglicht, die äußeren Pfeifen zu ertasten. Gleichzeitig ist es möglich, durch die Zwischenräume zwischen den Pfeifenzylindern hindurch in das Innere der Orgel schauen zu können. Auf diese Weise erlebt der Besucher, dass eine Orgel sich aus mehreren tausend Pfeifen zusammensetzt. Man kann Windkanäle sehen, mechanische Trakturen, Stimmgänge und die Bälge. Wir hoffen, dass viele Menschen durch die direkte Begegnung mit der Orgel in der Elbphilharmonie neugierig auf dieses Instrument werden. Ich träume, davon, dass möglichst häufig die Elbphilharmonie-Orgel von Künstlern aller Generationen, von Orgelschülern, Orgelstudenten bis hin zu den besten Solisten dieses Faches so gespielt wird, um Menschen mit einer kurzen, leidenschaftlich gespielten Vorführung Lust auf eine intensivere Auseinandersetzung mit Musik zu machen.