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    Eine Ohrfeige

    Ohrfeigen sind vielleicht die zärtlichste Form körperlicher Brutalität. Die symbolische Wirkung soll die Kraft der realen Berührung überstrahlen. Ohrfeigen junge Damen ältere Männer, spielen erotische Assoziationen hinein und lassen den Schlag als Schlag fast verblassen.

    Beate Klarsfeld, Klaus Ernst und Gregor Gysi (von links): „Die Linke“ geht mit Frau ins Rennen um das Bundespräsidentena... Foto: dpa

    Ohrfeigen sind vielleicht die zärtlichste Form körperlicher Brutalität. Die symbolische Wirkung soll die Kraft der realen Berührung überstrahlen. Ohrfeigen junge Damen ältere Männer, spielen erotische Assoziationen hinein und lassen den Schlag als Schlag fast verblassen.

    Beate Klarsfelds Ohrfeige saß vierfach: das Nachdenken über das Mitmachen im Nationalsozialismus wurde problematisiert (Altbundeskanzler Georg Kiesinger war kein Nazi-Verbrecher, aber stellvertretender Leiter der Rundfunkpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes während des „Dritten Reiches“ gewesen). Er reflektierte darüber später differenziert, der Schlag berührte ihn also wirklich. Die neuen Formen symbolischer Politik der 68er (wie Sit-in, öffentliche Entblößung und andere Regelverstöße) kamen auf einen politischen Punkt, der den Staat Bundesrepublik veränderte – das ist schon bei der juristischen Behandlung dieser Ohrfeige nachprüfbar. Und viertens war ein Star der politischen Aktionskunst geboren, der die neue Popularität für Recherchen und das Aufspüren wirklicher Nazi-Täter nutzte.

    Die DDR sponserte mit 2 000 DM (in Ostdeutschland schwarz getauscht der Schätzwert eines kleines Häuschen) Beate Klarsfelds nächste Aktion in Brüssel. Spielte das keine Rolle für ihre Unabhängigkeit? Dem wäre so, wenn sie offen darüber geredet hätte, ganz locker den Sponsoren dankend. Hat sie nicht. Sie war nur eine Kontaktperson der Staatssicherheit, kein Inoffizieller Mitarbeiter (IM), das stellt die Jahn-Behörde gerade fest. Das ist nun ein sehr subtiler Punkt, gerade bei Nicht-DDR-Bürgern: Kontaktpersonen im Westen geraten zu Multiplikatoren von Gerüchten, echten und manipulierten Materialien – sie wirken stärker auf die westdeutsche Gesellschaft ein als so manche mit klassischen Spionageaufgaben betrauten Zuarbeiter.

    Auch in der DDR gab es noch Nazi-Verbrecher, zu einigen wurde in Stasi-Akten vorermittelt, einer wurde in den achtziger Jahren in einem spektakulären Prozess zu lebenslänglich verurteilt. Kam Beate Klarsfeld auf den Gedanken, in diese Richtung zu ermitteln? Das schließen Befangenheiten aus, die bei informellen Zuarbeiten und Geldleistungen entstehen. Über die Ignoranz gegenüber den Opfern und Betroffenen des DDR-Systems reden wir da gar nicht. An der Ohrfeigenlust hätte es gegenüber eigenen Politikern in der DDR nicht gemangelt – vielleicht schreckte nicht einmal die Angst vor Bestrafung danach oder vorbeugender Erschießung davor (wegen Anschlagsvereitelung) Leute ab – vor allen Dingen fehlte die westliche Mediengesellschaft, die aus der Tat eine weltweit bekannte Botschaft herstellen konnte. Der Vergleich Nazi und DDR ist unfair und falsch, aber genau den provozierte nun die Linke mit der Kandidatur gegen Joachim Gauck. Und Beate Klarsfeld beflügelt ihn, indem sie die Parallelität beider betont, der eine kämpfte im Osten und sie im Westen. Ohne allerdings auszuführen, ob nun auch alte DDR-Genossen nach ihrer alten Parteibuchzugehörigkeit in der heutigen Linkspartei abgeohrfeigt werden sollen: je länger in der SED, desto mehr reflexionsanregende Watschen. Für die sie nominierende Linke ist ja die unterschwellige Botschaft: Sie möchte die bessere Kandidatin vorführen, weil die mit Naziaufspürung das politisch Wichtigere getan hat.

    Somit wird Beate Klarsfeld von der Linken heute auf vergleichbare Weise missbraucht wie damals in der DDR von der DDR-Macht. Über staatstragende Nebenwirkungen (für die DDR) und das Ausblenden der Leerstellen und Verlogenheiten des verordneten Anti-Faschismus in der DDR nachzudenken, berührt auch die Fälle, in denen die DDR nicht geholfen hat.

    In einem kürzlich erschienenen Artikel ging es um die vom Ehepaar Klarsfeld angeregte Entführung des Nazi-Massenmörders Alois Brunner aus Syrien in den späten Achtzigern. Was die Staatssicherheit wegen ihrer guten Beziehung zu Syrien offensichtlich blockierte. Da half auch keine interne Intervention bei Erich Honecker in Paris. „Man habe der DDR (...) vorgeschlagen, dass deren Leute sich um die Sache kümmern sollen“, meint jedenfalls Beate Klarsfeld laut diesem Artikel. Ein offener Brief oder eine Honecker-Ohrfeige hätten vielleicht mehr bewirkt.

    Diese Gleichgültigkeit gegenüber der realen Geschichte eint nun Beate Klarsfeld mit denen, die sie als Symbol missbrauchen und mit jenen Kommentatoren, die in einem Anflug von West-Nostalgie sich jede Kritik an ihr verbitten, weil man sich über die rechte Ohrfeige zur richtigen Zeit einfach noch einmal freuen möchte. Das Ganze gerät zunehmend peinlich. Wer bemerkt das eher und zieht die Kandidatur zurück? Die sie nominierende Partei oder Beate Klarsfeld selbst? Der wirklich anderes zu wünschen wäre, als sich am Schluss selbst eine Ohrfeige verabreicht zu haben. Natürlich nur symbolisch.